Interview

«Damit würde man eine Hausdurchsuchung riskieren»

Am Sonntag hat der Hip-Hop Geburtstag. Rapper Greis über eine Plünderung als Initialzündung, fiktives Crack-Dealen und die Glaubwürdigkeit von Bligg.

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Greis, die Frage, ob hiesige Hip-Hopper Sozialkritik üben können wie ihre afroamerikanischen Vorväter, bewegt die Fans. Was bedeutet es für Sie als Schweizer Rapper, dass der Hip-Hop seine Wurzeln in amerikanischen Ghettos hat?
Als Kind einer Mittelklassefamilie war ich fasziniert von der Vorstellung, dass jemand aus dem Nichts etwas erschafft. Dass der Rap einen sozialen Aufstieg ermöglicht, den die normale Gesellschaft eigentlich nicht vorgesehen hat. Ich glaube, das ist die Hauptfaszination des Raps überhaupt. Für mich ist das Geburtsjahr des Raps übrigens nicht 1973, sondern 1977.

Warum 1977?
Am 13. Juli 1977 fiel in New York der Strom aus. Es kam zu Plünderungen. Rap-Urgestein Grandmaster Caz erzählt, dass am nächsten Tag plötzlich jeder DJ ein fettes Soundsystem hatte. Danach verbreitete sich die Hip-Hop-Kultur aus der Bronx in alle anderen Viertel von New York.

Wie gingen Sie als Mittelstandskind mit der sozialen Dringlichkeit ihrer Vorbilder um?
Naja, man wusste ja damals schon, dass Ice Cube ein Hochbauzeichner war, Chuk D studiert hatte und viele gute Rapper aus der Mittelschicht stammten. Aber der Hip-Hop ist eine einschliessende Kunstform: Es ist ein Tabu, jemanden wegen seiner sozialen Herkunft zu verachten. Ich habe 1995 Flavor Flav von Public Enemy getroffen und ihn natürlich gleich zugetextet – und er hat zugehört und mich nicht ausgeschlossen, nur weil ich ein weisses Mittelstands-Kiddie bin. Sich selber zu sagen, nur weil man nicht aus dem Ghetto stammt, soll man nicht rappen, ist Quatsch. Übler noch: Es ist umgekehrter Rassismus.

Eignet sich Rap besonders gut, um Sozialkritik zu üben? Oder ist das ein Mythos?
Er eignet sich sicher besser als Ballett oder Elektro, schon ganz einfach darum, weil Rap eine Performancekunst ist. Aber der allererste Rap war kein sozialkritischer: Ganz am Anfang war auch und vor allem das Feiern. «Peace, love, unity and having fun» hiess nicht zufällig das Credo von Afrika Bambataa. Partymucke und Selbstbeweihräucherung sind bis heute ein ebenso wichtiger Bestandteil des Raps wie Sozialkritik. Und was auch klar ist: Jeder, der übers Crack-Dealen rappt, fiktionalisiert wahrscheinlich seine Rede, tut das wahrscheinlich nicht wirklich.

Wie meinen Sie das?
Das hat, ganz konkret, mit der Verjährungsfrist von Straftaten zu tun. Ich bin doch blöd, wenn ich über mein Dealen rappe, wenn ich tatsächlich noch deale: Das wär ja ein Geständnis, damit würde man ja eine Hausdurchsuchung riskieren. Die Frage nach Authentizität, die Sie im Interview mit EKR aufgeworfen haben, ist für mich letztlich irrelevant.

Zurück zur Sozialkritik, für die Sie bekannt sind. Welche hiesigen Missstände treiben Sie um?
Es sind die gleichen wie je: Privatisierung, Verlust der Chancengleichheit, sinkende Investitionen für Bildung und Gesundheit, Migrationspolitik, woher kommt der Strom? Im Vergleich zu früher werden diese Probleme heute aber diskutiert, das finde ich sehr erfreulich.

Inwiefern lässt sich das auf den Schweizer Rap zurückführen?
Ich weiss nicht, ob Rap in der Schweiz einen direkten Einfluss auf den öffentlichen Diskurs hat. Rap kann aber sicher einzelnen Menschen helfen, sich eine Meinung zu bilden. In Ländern mit eingeschränkter Pressefreiheit allerdings kann Musik Inhalte transportieren, die in anderen Medien zensuriert würden. In Tansania etwa spielt Rap eine wichtige Rolle im öffentlichen Diskurs, weil in den Texten auch Verhütung, Prostitution oder Korruption thematisiert werden – Themen, die in den Medien tabu sind.

Den umgekehrten Weg ging in den letzten Jahren Bligg, der sich mit volkstümlichem Rap eine neue Hörerschaft erschloss.
Bligg wollte immer die Masse ansprechen. Das ist kein Geheimnis, deshalb ist seine Musik auf ihre Art glaubwürdig. Mit dem Album «Yves Spink» versuchte er 2007 die urbane Zielgruppe zu erreichen. Das hat nicht geklappt, und so wandte er sich halt dem ländlichen Publikum zu. Das ist nur konsequent.

Ebenfalls sehr populär ist der Gangster-Rap, in dem mit Frauen, Knarren, Autos und Goldketten geprotzt wird. Woher der Erfolg?
Das habe ich Talib Kweli auch mal gefragt. Er antwortete mir, Sex und Crime seien halt die beiden kleinsten gemeinsamen Nenner der Unterhaltungsindustrie. Finde ich eine ziemlich schlüssige Erklärung.

Gibts eigentlich auch apolitischen Rap, der Ihnen gefällt?
Öffentlich sag ichs ja nur ungern, aber French Montana und Rick Ross zum Beispiel feiere ich schon ungeheuer ab.

Und was ist mit der Mundart? Was ist bei Ihnen diesbezüglich angesagt?
Sprache ist für mich nicht wirklich ein musikalisches Kriterium. Aber momentan mag ich Jeans for Jesus, Stahlberger oder «Du Loufsch» von Bubi Rufener. Und heute Nachmittag habe ich die ersten Sachen vom neuen Album des St. Galler Rappers CBN gehört. Das wird absolut grossartig.

Erstellt: 09.08.2013, 11:44 Uhr

Grégoire Vuilleumier (*1978) alias Greis gehört zu den bekanntesten Schweizer Rappern. In seinen Texten vertritt er dezidiert linke Positionen. Er tritt am Freitagabend am Heitere-Openair in Zofingen auf – direkt nach der legendären Combo Public Enemy («It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back»).

Video

«Global» von Greis.

Der Hip-Hop wird 40

Ein junger DJ legte auf einer Party in der New Yorker Bronx nur die Instrumentalteile der Songs auf, ein Freund rappte dazu – und Hip-Hop war geboren. Das ist jetzt 40 Jahre her und Hip-Hop weltweit nicht mehr wegzudenken. Das Gebäude mit der Adresse 1520 Sedgwick Avenue ist ein unspektakulärer roter Backsteinbau mit 18 Stockwerken und vergitterten Fenstern – doch es ist kein sozialer Wohnungsbau wie unzählige andere sogenannte Projects in New York. Denn genau hier, am südwestlichen Rand der Bronx, soll am Sonntag, 11. August, vor 40 Jahren der Hip-Hop erfunden worden sein – heute einer der weitverbreitetsten Musikstile überhaupt.

Auf linierten Karteikarten hatte Cindy Campbell in kugeliger Mädchenschrift damals Freunde und Bekannte eingeladen, wie ein von der «New York Times» veröffentlichtes Foto des Flyers zeigt. Ein «Back to School Jam» sollte es werden, von 21 bis 4 Uhr im Gemeinschaftsraum von 1520 Sedgwick Avenue. Der Eintritt betrug für Frauen 25 Cent und für Fellas (Jungs) 50. Star des Abends: Cindys grosser Bruder Clive, der eine grosse Plattensammlung besass und sich als Kool DJ Herc im Viertel einen Namen gemacht hatte.

Aus einer einfachen Party im Sommer 1973 wurde eine «Revolution», wie das «New York Magazine» schreibt, «für Hip-Hop-Fans ist die Geschichte dieser Party heilig»: Der damals 16-jährige Kool DJ Herc spielte nicht die kompletten Songs, sondern nur die Instrumentalteile, zu denen die Partygäste am besten tanzen konnten. Ein Freund schnappte sich ein Mikrofon und begann, dazu zu rappen – auch wenn es diese Bezeichnung dafür damals noch gar nicht gab. Rhythmen mit Sprechgesang – der Hip-Hop war geboren, und die Partygänger konnten gar nicht genug davon bekommen, erinnert sich der heute 58-jährige DJ Kool Herc: «Es gab kein Zurück mehr.» (SDA)

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