«Dann muss der kleine Reinhard ins Bett»

Der Liedermacher Reinhard Mey steht seit einem halben Jahrhundert auf der Bühne – und hat Angst vor dem nächsten Konzert.

«Verletzen und Häme – das ist etwas, das ich vermeiden will»: Reinhard Mey. Foto: Jim Rakete (Universal Music)

«Verletzen und Häme – das ist etwas, das ich vermeiden will»: Reinhard Mey. Foto: Jim Rakete (Universal Music)

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Sie haben gerade ein Buch mit all Ihren Liedtexten, 500 Songs, ­fertiggestellt. Macht Sie so ein ­Konvolut stolz?
Stolz bin ich auf meine Kinder. So ein Buch macht mich höchstens nachdenklich: Da habe ich mein ganzes Leben dran geschrieben. Ich habe nichts unterschlagen, auch keine meiner Jugendsünden. Wenn ich etwas empfinde, dann ist es Dankbarkeit. Weil ich das so lange ­machen durfte und dass ein Lied zum anderen gekommen ist. Auch wenn ich oft am Schreibtisch gedacht habe: Jetzt gehts nicht mehr weiter. Aber ich habe gelernt, dass man mit Disziplin die Kreativität erzwingen muss – und dann kommt sie auch.

Hat das immer funktioniert?
Ja. Aber das war ein langer Weg. Weil ich recht chaotisch veranlagt bin, habe ich mir früh ein Raster gemacht. Ich fange am 1. September um acht Uhr morgens an zu schreiben. Je näher also der 1. September rückte, desto ängstlicher wurde ich: Wird dir was einfallen? Bist du leergeschrieben? Dabei ist die Gewissheit gewachsen: Das letzte Mal ist dir ja auch was eingefallen.

Warum gerade der 1. September?
Weil ich so ein Sonnenkind bin. Die Tage werden von da an kürzer, und die Versuchung ist nicht mehr so gross, rauszugehen und in der Sonne zu liegen. Wenn der Frühling kommt, habe ich 13 Lieder für eine neue Platte fertig.

Nun bereiten Sie Ihre Tournee im September vor. Was wird da gemacht?
Gemeinsam mit meiner Frau suche ich die Lieder aus, und dann fange ich an, die Lieder auswendig zu lernen.

Sie müssen Ihre eigenen Lieder lernen?
Wenn ich ein Lied geschrieben habe, weiss ich nach zwei Tagen nicht mehr, wie der Text genau lautet, in einer Woche weiss ich nicht mehr, wovon es handelt. Und nach einem Monat weiss ich nicht mehr, dass ich es geschrieben habe.

Macht Sie das nicht nervös?
Allerdings. Deshalb bin ich ein grosser Datensammler. Denn falls mir mein Speicher abstürzt, bin ich ziemlich sicher: Ich könnte das Lied nicht rekonstruieren. Als es noch keine Computer gab, habe ich Kopien der Lieder als Briefe an Freunde geschickt und sie gebeten: Schaut sie euch nicht an, aber hebt sie bitte für mich auf.

Reinhard Mey: «Über den Wolken». Quelle: Youtube

Stimmt es, dass Sie immer Angst vor der Bühne hatten?
Ich hatte und habe immer Angst vor dem ersten Tag der Tournee. Wenn der erste Tag gelaufen ist, fällt das von mir ab. Das hängt auch damit zusammen, dass ich auf jede Tournee mit einem neuen Programm gehe und die Lieder bis dahin nie vor Publikum gesungen habe. Ich weiss nicht, wie die Menschen darauf reagieren werden.

Beifall ist Ihnen schon wichtig?
Ja, das ist er. Ich wünsche mir, dass das, was mir gefallen hat, auch den Leuten gefällt. Zuerst macht man es ja für sich selber, ganz egoistisch.

Spielen Sie auch die Klassiker?
Ich spiele 13 neue Lieder und 13 alte.

Auch «Gute Nacht, Freunde»?
Auf alle Fälle. Das ist das Schlusslied. Das hat sich einfach so bewährt, weil es das Zeichen für alle ist: Jetzt gibts keine Zugabe mehr. Ich leide manchmal sehr, wenn ich in Konzerten von anderen Künstlern bin, die zum Schluss so angeturnt sind, dass sie nicht aufhören können. Und das Publikum klatscht auch immer weiter. Und zum Schluss sind alle fertig. Bei mir ist klar: Es gibt drei Zugaben. Und dann muss der kleine Reinhard ins Bett.

Reinhard Mey: «Gute Nacht Freunde». Quelle: Youtube

Meinen Sie, dass irgendjemand noch weiss, dass Sie mal Frédérik Mey waren?
Ich denke schon. Ich werde nur noch selten darauf angesprochen. Manchmal spiele ich auch ein französisches Lied. Aber nur wenns passt, im Saarland zum Beispiel. Was mich verwundert hat, ist, dass es in Frankreich immer noch Menschen gibt, die sich an mich erinnern. Und die im Jahr immer noch 500 Platten kaufen. Obwohl ich seit 1979 nicht mehr in Frankreich gewesen bin.

Ihre erste deutsche Platte schlug 1967 nicht gerade ein. Dafür war die zweite, die mit französischen Liedern von Frédérik Mey, ein ­Riesenerfolg. Haben die Franzosen Sie besser verstanden als die ­Deutschen?
Keine Ahnung. Ich hatte das Glück des Newcomers mit meiner ersten französischen Platte, weil wir auf Anhieb einen Schallplattenpreis bekommen haben.

Frédérik Mey: «Approche ton fauteuil du mien». Quelle: Youtube

Was eine Sensation war: Zum ersten Mal hatte ein Nicht-Franzose den Prix International de la Chanson Française bekommen.
Das war in Deutschland eine Sensation. In Frankreich war es keine, denn für die war ich ja eine Art Franzose.

Als 13-Jähriger sind Sie nach Paris zum Schüleraustausch gegangen. Wie ist man Ihnen, dem Deutschen, begegnet, elf Jahre nach ­Kriegsende?
Ich habe nie, in meinem ganzen Leben nicht, in Frankreich die Spur eines Ressentiments gespürt. Als ich mit 16 ein Moped gekriegt habe, bin ich sofort nach Frankreich gefahren. Was passierte? Mit dem nicht französischen Kennzeichen kam ich überall ins Gespräch, und ich habe viele getroffen, die Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter waren; es ist nie ein einziges böses Wort gefallen. Ich glaube, die Franzosen haben Deutschen, die erkennbar keine Nazis waren, nicht die Schuld der Nazis angelastet.

Wie sehr haben Sie die französischen Chansonniers beeinflusst? Kam die Initialzündung, als Sie mit 13 in Paris waren?
Georges Brassens war wie eine Vaterfigur für mich. Jede Familie, in der ich Gastkind sein durfte, hatte mindestens eine Platte von Brassens, und der hat mir unglaublich gut gefallen. Die Darbietung von Text und Musik war sehr schlicht. Nur er und seine Gitarre. Hundert Prozent aufrichtig. Einfach. Und menschenfreundlich. Er ist ein grosser Menschenfreund gewesen.

Könnten Sie das auch über sich selbst sagen.
Das verlange ich auch von mir. Das will ich, und daran messe ich mich. Das ist das Allerwichtigste: Brassens hat gelebt, was er gesungen hat. Ich finde, wenn man schon unbedingt einem Liedermacher den Nobelpreis geben musste, dann hätte ihn Brassens verdient gehabt. Und an zweiter Stelle Leonard ­Cohen. Wobei mir die Vorstellung eigentlich nicht behagt, es müsste einen Nobelpreis für Singer-Songwriter geben. Sosehr mich das für Dylan freut. Ich habe gerade wieder Alice Munro gelesen, das ist schon eine andere Spielklasse. Oder wenn ich an Thomas Mann und Pasternak denke, da ist die Luft schon dünn mit «Blowin’ in the Wind».

Kann man sich ­Menschenfreundlichkeit denn ­verordnen? Die hat man doch, oder man hat sie nicht, oder?
Ich glaube ganz sicher, dass ich sie in mir habe. Das verdanke ich den Menschen, die mich grossgezogen und begleitet ­haben, ich habe wunderbare Eltern gehabt. Eine wunderbare Grossmutter, eine super Tante! Ich habe eine wunderbare erste Frau gehabt und eine wunderbare erste Schwiegermutter. Und vor 43 Jahren noch einmal eine wunderbare Frau und noch eine wunderbare Schwiegermutter gefunden! Und das waren Menschenfreunde – und Menschenfreundinnen.

Diese Menschenfreundlichkeit führt ganz offenkundig dazu, dass in Ihren Texten, auch in der Kritik, immer eine Grundsympathie ­mitschwingt. Sie sind nie hämisch.
Verletzen und Häme – das ist etwas, das ich vermeiden will, auch weil ich selbst sehr ungern verletzt werde. Kritisieren ja, Satire wunderbar – aber verletzen bringt nichts. Damit erreicht man nichts.

Man nimmt sich damit aber auch die Schärfe.
Das ist richtig.

Sie können etwas, das nicht viele Menschen können. Sie können etwas vollkommen frei von Sarkasmus und Ironie positiv ausdrücken, weil Sie es so empfinden.
Richtig, ich kann nicht anders. Ich bin als Kind wirklich in bitterer Armut aufgewachsen. Aber ich bin mit Liebe überschüttet worden. Und das ist wie bei Obelix, der in den Zaubertrank gefallen ist, der braucht keinen mehr zu trinken. Ich bin gefestigt. Die Tragödie, die mein Leben überschatten sollte, war wohl auch nur so zu ertragen. Einfach, weil ich ein Fundament an Zuversicht und Liebe empfangen habe.

Jetzt haben Sie selbst die Sprache auf diesen Schicksalsschlag ­gebracht. Haben Sie mittlerweile gelernt, mit dem Tod Ihres Sohnes, nachdem er jahrelang im Wachkoma gelegen hatte, umzugehen?
Wir mussten ja weiterleben. Meine Frau und ich hätten uns auch die Kugel geben können, aber wir haben zwei andere Kinder, denen man das nicht antun kann. Wir haben versucht, eine Art zu finden, damit weiterleben zu können. Und Sie sehen: Ich lebe. Meine Frau lebt. Und wir lachen viel. Aber der Schmerz ist immer da. Ich will ihn auch gar nicht verdrängen. Es gibt einen Schatz an glücklichen Erinnerungen. Er war ein grosser Spassvogel und ein sehr witziger und lebensfroher Junge. Ich bin es ihm auch ein wenig schuldig, selbst mit dem Schmerz froh und lustig und trinkfest zu sein.

Eines Ihrer Lieder heisst «Wenn ich betrunken bin». Da loben Sie den Alkohol. Das trauen sich nicht mehr viele.
Wobei ich das Glück habe, zu wissen, ab welchem Punkt es besser ist, jetzt nicht weiterzutrinken. Wenn ich richtig zulange, geht irgendwann ein rotes Licht an: Jetzt hör mal besser auf. Die Dosis macht das Gift.

Reinhard Mey: «Wenn ich betrunken bin». Quelle: Youtube

Bekommen Sie zu diesem Lied viel Zuspruch?
Ach was, ich habe viel Ärger gekriegt. Es hiess dann: Wie kannst du denn Alkohol verherrlichen! Ich weiss doch, was für ein bitteres Los es ist, Alkoholiker zu werden. Ich kann, wenn ich das will, die nächsten vier Wochen nur Wasser trinken. Das Leben ist genauso schön, wenn man Wasser trinkt. Aber wenn die Fastenzeit vorbei ist, dann ist es noch ein bisschen schöner.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2017, 23:57 Uhr

Reinhard Mey

Liedermacher

Reinhard Mey wurde 1942 in Berlin geboren. Er besuchte das Französische Gymnasium. Mit 12 lernte er Klavier, mit 14 Gitarre. Nach einer Lehre als Industriekaufmann studierte er BWL, entschied sich aber für eine Musikerkarriere. 1964 schrieb er sein erstes Lied, dem rund 500 folgten. 1967 erschien seine erste deutsche LP. Für seine erste französische Platte erhielt er den Prix International de la Chanson Française. Songs wie «Annabelle», «Freitag, der 13.» und «Über den Wolken» trugen zu Meys grosser Popularität bei. 2016 erschien «Mr. Lee», seine 27. Studio-LP. Mey lebt in Berlin mit seiner zweiten Frau, das Paar hat drei Kinder, sein Sohn Maximilian fiel 2009 ins Wachkoma und starb 2014. (TA)

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