Das Album der Stunde

Pop und Protest gehen noch immer zusammen, wie Meg Remy mit ihrem Projekt U.S. Girls beweist.

Sanft im roten Bereich: Meg Remy. Foto: PD

Sanft im roten Bereich: Meg Remy. Foto: PD

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Das Popalbum der Stunde beginnt mit einer drastischen Rachefantasie: Meg Remy, die hinter dem Projekt U.S. Girls steckt, wendet sich einer anonymen Frau zu, der die Angst im Nacken steckt. Man hört sie keuchen – und die Band spielt dazu einen verschleppt groovenden Funk, der aus einem 70er-Jahre-Gangsterfilm stammen könnte. Doch vor wem fürchtet sie sich eigentlich? Vor einem Peiniger, der sie nicht mehr richtig schlafen lässt – er könnte ja zurückkehren, jederzeit, wie es im Liedtext heisst. Generell fürchtet sich die Frau vor den Männern, die jederzeit explodieren können, wenn sie alleine die Strassen ihrer Stadt abläuft. Aber diese Angst müsste doch gar nicht sein, singt ihr die Sängerin Meg Remy schmeichelnd zu und gibt eine recht genaue Anleitung, wie sie sich rächen kann. Bis hin zum Schuss mit der Waffe.

Drastische Rachefantasie: «Velvet 4 Sale» von U.S. Girls. Video: 4AD (Youtube)

«Velvet 4 Sale» heisst der Song, der gerade durch seine Zartheit aufrüttelt. Den Aufruf zum äussersten Mittel der Notwehr singt Remy nämlich nicht mit dem grellen Gestus von Agitprop-Krawallantinnen, sondern weich und sanft, wie sie dies der angehenden Rächerin auch rät. Man hört, dass Remy die grössten Popsängerinnen gut studiert hat: In ihrer Stimme schwingen Debbie Harry, Madonna und auch Abba mit oder die Seelen der Sechziger-Girl-Group The Shangri-Las. Das Gewaltsame, das sie mit ihrer beinahe dämonischen Popstimme schildert, findet sich praktisch nur in den Texten.

Das war vor zehn Jahren anders, als die Amerikanerin, die das politische Geschehen in ihrem Heimatland von Toronto aus beobachtet, ihre ersten Alben als U.S. Girls veröffentlichte. Die Beats klangen aggressiv übersteuert, die Sounds ausgeleiert, so wie die Kassetten, auf denen Remy ihre im roten Bereich drehenden Songs speicherte. Die Themen, die sie in ihrer Musik heute bearbeitet, waren aber bereits damals gesetzt: Es ging um Machtstrukturen und Ungleichheiten zwischen Frau und Mann, um Übergriffe, um häusliche Gewalt, um Schicksale von Prostituierten oder Putzfrauen (Remy selber arbeitete lange Zeit als Reinigungskraft). Kurz: um feministische Themen, die jahrelang wenig Beachtung fanden und die spätestens seit #MeToo im gesellschaftlichen Mainstream angekommen sind.

Mit ihrem 2015 erschienenen Album «Half Free» erreichte Remy erstmals ein grösseres Publikum, auch dank der schrillen Single «Damn That Valley»: Aus der Perspektive einer US-Soldatenwitwe prangert sie hier die Sinnlosigkeit eines Kriegs an, der ihr ihren Mann geraubt hat. Im Video ist eine Frau zu sehen, die hilflos gestikulierend Washingtons Monumente und Denkmäler für die Gefallenen aufsucht. Dazwischen performt Meg Remy als All-American-Entertainerin-Karikatur die Zeilen der Trauer und der Wut.

Mit diesem Song wurde Meg Remy bekannt: «Damn That Valley» von 2015. Video: 4AD (Youtube)

Die Wut: Sie ist auch auf «In a Poem Unlimited» die Triebfeder, die sich nicht nur gegen die Jedermänner richtet, die zu Tätern werden. Barack Obama gehört auch dazu, der namentlich zwar nicht genannt wird, doch leicht zu dechiffrieren ist. Im grossen blondiehaften Discotrack «M.A.H.», der zuerst unter dem Titel «Mad As Hell» veröffentlicht wurde, schildert Remy ihre Fernbeziehung zum 44. US-Präsidenten, die so hoffnungsvoll begonnen hatte und die wegen den Drohnenangrif­fen von Enttäuschung in Verachtung umschlug. Es ist eine Geschichte des Verrats, die Remy im Clip als frivoles Popstarlet unschuldig performt – während im Hintergrund der Krieg tobt. Und ja, man kann genau wie Remy ausgelassen zu diesem Song tanzen, auch weil ihre Band – für die sie auf Musiker des kanadischen Kollektivs Cosmic Range zurückgreift – frenetisch aufspielt. Eine Band, die dann einfach weitermacht und das Saxofon kreischen lässt, als Remys Worte am Ende des Albums längst versiegt sind.

Gegen Obama: Der Discotrack «M.A.H.». Video: 4AD (Youtube)

«Die ganze Geschichte der weiblichen Popmusik in einer Frau», schrieb das Onlinemagazin «The Ringer» über U.S. Girls. Auch wenn das zu hochgegrif­fen ist, so ist «In a Poem Unlimited» zweifellos das Album, das mit funkelnden und zwingenden Songs beweist: Ja, Protest und Pop gehören immer noch zusammen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2018, 18:51 Uhr

Das Album

U.S. Girls: «In a Poem Unlimited» (4AD/MV)
Konzert: 9.5., Rote Fabrik, Zürich

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