Das Festival, das Zürich anders denkt

Das Zürcher Unerhört-Jazzfestival begann als Zwerg und ist heute fast schon ein Riese. Was macht den Geist dieses ungewöhnlichen Festivals aus?

Musikvermittlung ist ein zentrales Anliegen des Unerhört: Aly Keita, der dieses Jahr solo auftritt, spielte 2016 in der Kantonsschule Stadelhofen. Foto: Francesca Pfeffer

Musikvermittlung ist ein zentrales Anliegen des Unerhört: Aly Keita, der dieses Jahr solo auftritt, spielte 2016 in der Kantonsschule Stadelhofen. Foto: Francesca Pfeffer

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Wie klein war doch das Unerhört-Festival, als es im November 2002 ein erstes Mal stattfand. Es gab Musik an einem Samstag ab 16 Uhr in der Zürcher Roten Fabrik; die Konzerte hatten in einer bescheidenen Programmbroschüre Platz. Heute, 2019, braucht es fürs Programm ein 80-seitiges Büchlein. Das nunmehr neuntägige Jazzfest spielt an einem guten Dutzend Spielorten in der Stadt Zürich, Winterthur und Uster.

Musiker wie Dieter Ulrich oder Omri Ziegele oder die Betreiber der Zürcher Intakt- Plattenfirma, Patrik Landolt und Florian Keller, stellen das Festival bis heute auf die Beine. Sie setzen musikalisch nicht auf die Namen vorbeiziehender Stars. Immer geht es um zeitgemässe, vielleicht auch mal um schwierige Musik. Die auch in den Ohren kritischer Musiker Bestand hat, die auch mal von Unbekannten herrührt. Immer geht es auch darum, Schweizer und internationale Instrumentalisten zu präsentieren. Es geht ums Wässern eines lokalen Kultur-Humus.

1. An Youtube-Klicks orientieren sie sich nicht

Aber will nicht jeder Veranstalter vor allem volle Säle? Man kann es machen, wie es der frühere Festivalchef des Montreux Jazz Festival getan hat: Claude Nobs konnte ohne ästhetische Skrupel für ein Konzert den Jazzpianisten Herbie Hancock auf den Klassikpianisten Lang Lang treffen lassen. Auf dem Plakat im Vorfeld des Konzerts wirkte das natürlich stark; musikalisch allerdings ergab der Abend eher wenig Sinn.

Derart plakative Konzerte fielen den Unerhört-Machern nicht im Traum ein. «Unserem Festival geht jeweils ein einjähriges, intensives Planungsverfahren voraus – wir versuchen herauszufinden, was im Moment die zentralen Tendenzen in der Musik sind», sagt Florian Keller vom Veranstaltungsteam. Patrik Landolt ergänzt: «Wir reisen viel, hören uns Musik an internationalen Festivals an. Wir sind auch in der Schweiz an vielen Konzerten. Wir wollen fürs Festival nicht bloss Agenturangebote einkaufen und orientieren uns auch nicht an Youtube-Klicks.»

Shabaka Hutchings rockt üblicherweise mit The Comet Is Coming die grossen Bühnen. Am Unerhört-Festival spielte Hutchings letztes Jahr ein Solokonzert in der Roten Fabrik. Video: BBC

Es kann aber auch sein, dass das Festival einen Big Star verpflichtet wie letztes Jahr den britischen Saxofonisten Shabaka Hutchings. «Er füllt mit der Band The Comet Is Coming eigentlich Riesenhallen, wir wollten ihn aber anders präsentieren: Wir wussten, was für ein starker Instrumentalist er ist – und so fragten wir ihn, ob er solo auftreten wolle», erzählt Keller.

2. Zürich – und die Welt

Das Unerhört-Festival hat als zürcherischer Anlass begonnen. Lokal stark verwurzelte Musiker wollten die eigene Musik präsentieren. Noch immer hat das lokale Schaffen seinen gewichtigen Platz am Festival: Kontrabassist Florian Kolb, E-Bassistin Martina Berther, das Trio Heinz Herbert, Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji, Pianistin Simone Keller, Posaunist Michael Flury, Pianistin Vera Kappeler, Saxofonist Christoph Irniger, E-Bassist Herbie Kopf, Pianist Nik Bärtsch, E-Gitarrist Dave Gisler – sie alle spielen am diesjährigen Festival. Und sie kommen aus Zürich. Immer geht es am Festival aber auch darum, die weite Jazzwelt nach Zürich zu holen.

Das Zürcher Trio Heinz Herbert mit seiner soundverliebten, technoiden Musik – hier bei einem Mitschnitt von Radio 3Fach. Video: 3Fach

«Zürich hat eine sehr spannende Szene. Wir wollen unsere Musiker auch in einem internationalen Kontext zeigen,» sagt Patrik Landolt. «Im besten Fall können wir lokale Musiker mit internationalen Musikern kombinieren und Anstoss für neue Kooperationen geben», erzählt Florian Keller. Natürlich frage man aber nach, mit wem die Musiker sinnvollerweise spielen möchten. Dieses Jahr führt dies etwa zum Auftritt des Trios Heinz Herbert, zu dem die polnische Pianistin Joanna Duda stösst.

3. Nähe

Die Festivalmacher bevorzugen kleinere Säle, die eine Nähe von Publikum und Künstlern erlauben. Hat das Livekonzert nicht überhaupt eine neue Relevanz erlangt in diesen digitalen Tagen? Im Unerhört-Programmheft spricht die Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji bezeichnenderweise von einem «klopfenden Herz, das spürbar neben mir stand».

Landolt betont, dass innovative Musik kleinere oder mittelgrosse Räume brauche. «Man kommt in hautnahen Kontakt mit der Musik.» Solche Konzerte, sagt Keller, lassen sich in ihrer Unmittelbarkeit nicht ersetzen durch Youtube-Videos.

4. Vermittlung

Seit vielen Jahren versuchen die Unerhört-Macher den Funken ihrer Musik auch in Kantonsschulen im Grossraum Zürich hineinzutragen. Insbesondere Saxofonist Omri Ziegele hat hier viel initiiert. Dieses Jahr gibt es solche Anlässe gleich in vier Zürcher Kantonsschulen, mit Melinda Nadj Abonji, die mit Simone Keller und Michael Flury ein musikalisches Programm gestaltet hat. Mehrere Hundert 18- und 19-jährige Schüler der Kantonsschule Stadelhofen werden es hören.

Patrik Landolt erwähnt auch das Festival vor sechs Jahren: «Als die Saxofonlegende Archie Shepp kam, feierten die Jungen ihn wie einen Popmusiker. Sie spürten Shepps Persönlichkeit. Sie hörten seinen grossen Saxofonton!» Diese erfolgreiche Vermittlung wirkt sich auch auf das Publikum aus, das sich in den letzten Jahren verjüngt hat.

In dieser Arte-Dokumentation spürt man viel vom Charisma von Archie Shepp, das sich 2013 auch auf die Zürcher Schülerinnen und Schüler übertrug. Video: Arte

5. Hausbesetzungen

Bis heute ist die Rote Fabrik das Mutterhaus des Unerhört geblieben, hier finden die fürs Festival repräsentativsten Konzerte statt. Doch bald nach der Festivalgründung haben sich die Unerhört-Macher geschickt in etliche Zürcher Kulturinstitutionen hineingesetzt. Sie profitieren von Infrastruktur und Werbemöglichkeiten. Handkehrum beleben und bereichern sie die Institutionen mit ihren sorgfältig kuratierten Tönen. Die Politik kreativer «Hausbesetzungen» hat zum einmaligen dezentralisierten Profil des Unerhört geführt.

Sie versuchten, Zürich ein wenig anders zu denken, sagt Keller: «Nach Uster sind es ja nur zwanzig Minuten. Unser Festival folgt einer Logik der Einbindung: Wenn man etwas gemeinsam ‹reissen› kann – warum nicht?» Auch in New York sei heute die Jazzszene nicht mehr nur in Manhattan daheim, sagt Landolt: «Die meisten interessanten Clubs sind in Brooklyn. Auch in Zürich gibt es eine Erweiterung nach aussen. Dem leben wir nach.»

Aber ist ein neuntägiges Festival nicht zu lang? Keller widerspricht: «Bei neun Tagen am selben Ort würde das stimmen. Wir haben aber die wunderbare Situation, jeden Abend anderswohin gehen zu können. Und jedes Haus hat seine eigene Ambiance, sein eigenes Publikum.»

6. Fast alles kann heute Jazz sein

In seinen Anfängen wirkte das Unerhört durchaus insiderisch. Mit der Erschliessung neuer Orte, der personellen Ausweitung im Organisationsteam, der allgemeinen Pluralisierung des Jazz im Zug der Zeit öffnete sich das Festival. Heute steht es für den ganzen Reichtum des Jazz: So kann man dieses Jahr am Unerhört den freien Jazz des Chicagoer Trompeters Wadada Leo Smith genauso hören wie den Popjazz des US-Klaviertrios The Bad Plus.

Mit neuem Pianisten am Unerhört: Das kultige Pop-Jazz-Trio The Bad Plus. Video: KNKX Public Radio

Jazz, so betonen die Macher, sei heute eine Zickzacklinie: «Anders als früher mache ich heute keine Trennungen mehr zwischen Jazzstilen. Der Jazz hat sich in vielen Formen weiterentwickelt», sagt Patrik Landolt. Beispielhaft für die vielen Jazzformen seien die verschiedenen Solopianokonzerte am diesjährigen Festival. «Doch alles läuft unter dem Begriff Jazz: Das ist ja das Verrückte.»

Das Zürcher Unerhört-Festival startet am Samstag, 23.11., im Jazzclub Uster mit einem Duokonzert von Florian Kolb & Norbert Möslang sowie Konzerten von Martina Berther und The Bad Plus. Alle Infos: www.unerhoert.ch

Erstellt: 21.11.2019, 13:08 Uhr

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