Lässige Sünden

Das Reh in der Zuckerwatteschlampe

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten Kultursünden. Heute: Britney Spears.

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Mein Laster? It’s Britney, Bitch! Und zwar gleich doppelt: Britney für die Ohren, Spears aufs Auge, sozusagen, denn: Nirgendwohin lässt es sich besser kurz mal der Realität entfliehen – und das muss halt hin und wieder sein! – als in Brits Videoclip-Universum aus Plastik, Puder und Kunstleder.

Nun will ich nicht ausschliessen, dass dies eine Langzeitreaktion (beziehungsweise -kompensation) darauf ist, dass meine engagierten Eltern mich nicht mit Mein-kleines-Pony-Figuren spielen liessen, weil sie fürchteten, dickliche Plastikpferdchen mit bonbonfarbenen Mähnen und erdbeerverzierten Hintern könnten meiner intellektuellen wie ästhetischen Entwicklung hinderlich sein, womit sie vermutlich recht hatten. Das Verbot galt übrigens auch für die «Transformers», diese sich zu Fahr- und Flugzeugen zusammenfaltenden Trickfilmroboter, da diese permanent aufeinander schossen. (Überflüssig zu sagen, dass, als die mechanischen Monster unlängst fürs Kino adaptiert wurden, ich bereits in der Vorpremiere glückselig dem Klang von Geballer und sich transformierendem Metall lauschte.)

Maximal wandelbar

Worauf ich hinaus will: Britney ist, wenn man so will, eine Art bonbonfarbener Transformer mit Erdbeergeschmack. Ein maximal wandelfähiges Popmaschinchen von einem anderen Stern oder, genauer, von mehreren: Einer besteht aus unendlichen Stränden, an denen süsse Jungs und Labradore herumtollen («Sometimes»), auf einem anderen steht eine Raumstation, für die Alien-Sklaven auf Hometrainern Strom generieren («Oops! I Did it Again»), ein dritter gleicht einer Asphaltwüste, wo offenbar zu wenig Getränke und zu viel Libido zur Verfügung stehen («Slave 4 You»). Und immer mittendrin: Britney, mal als gestürzter, mal als veritabler Engel, aber immer Zuckerwattegeschöpf. Und wie das so ist mit Zuckerwatte, sieht man ihr zwar schon von weitem an, dass da nix dran ist ausser reichlich Zucker und Farbstoff, doch man zieht sie sich trotzdem rein, und zurück bleiben ein Zuckerschock und ein etwas schlechtes Gewissen, weil man lieber etwas mit mehr Substanz konsumiert hätte.

Zuckerwatteschock

Warum ich es trotzdem immer wieder tue? Hm. Wenn Kunst, wie es bekanntlich heisst, tatsächlich ein Spiegel ist (und wir die Frage, ob Britney Spears Kunst ist, einmal wohlwollend mit Ja beantworten wollen), dann spiegelt sich hier dreierlei. Erstens: ein kleines Mädchen, beschützenswürdig und rehäugig. Zweitens eine, Pardon, Schlampe sondergleichen, die sich einen Dreck schert um ihr Renommee und den verwischten Mascara. Und drittens ein Superweib, das die beiden Vorhergenannten gleichsam magisch in sich vereint. Und jetzt mal ehrlich: Wollen wir nicht alle ein bisschen Reh, Schlampe, super sein? Gerettet, begafft, bewundert werden?

Falls Ihnen das zu stark nach Küchentischpsychologie riecht, bleiben immer noch das Argument von Schadenfreude und Voyeurismus beziehungsweise die Youtube-Filmchen von Britneys Lifeauftritten. (Besonders empfehlenswert, wenn auch nur für Fortgeschrittene: Brits Las-Vegas-Show, die man sich online vom ersten Hüftwackler bis zum letzten Wummern zu Gemüte führen kann.) Da kommt dann, zum Zuckerschock, die bösartige Freude hinzu, dass Britney live wunderbar schlecht ist, eine ganz lausige Sängerin und ebensolche Tänzerin, die mit grotesk ungelenken Bewegungen über die Bühne hüpft. Nein, stakst: In hohen Hacken laufen kann sie nämlich auch nicht.

Erstellt: 13.05.2014, 11:54 Uhr

Clip

Labradore am Strand: «Sometimes».

Clip

Asphaltwüste mit zu viel Libido: «Slave 4 U».

Clip

Raumstation mit Aliensklaven: «Oops! I Did it Again».

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