Das unbekannte Genie hinter Elvis und Sinatra: Teil 1

Seine Gitarre und seine Arrangements machten die Songs von den Beach Boys, Frank und Nancy Sinatra unsterblich. Für Elvis schrieb er Hits. Und er entkam nur knapp dem grössten Massenmörder der USA. Billy Strange feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag.

Auf dieser Gibson-Gitarre spielte er «Bang Bang»: Billy Strange in seinem Wohnzimmer in Nashville.
Video: Jan Derrer

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Ein kleines einstöckiges Haus in Franklin, Tennessee, einem ruhigen Städtchen in der Nähe von Nashville. Der riesige Hummer vor der Garage überragt beinahe das niedrige Haus. Im Flur riecht es nach abgestandenem Zigarettenrauch. Links hängen verblichene Schallplatten-Hüllen von Gitarren-Alben: «Billy Strange Plays The Hits!», «Billy Strange Folk Rock Hits», «Billy Strange – Secret Agent File». Gegenüber hängen verwaschene Fotos von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood.

Im Wohnzimmer sitzt Billy Strange auf einem riesigen Sofa und beäugt uns skeptisch mit lebhaften kleinen Augen. Es kümmert ihn nicht gross, dass wir mit ihm heute vor der Videokamera über seine unglaubliche Karriere sprechen wollen. Eine Karriere, in der er mit unzähligen Musik-Ikonen zusammenarbeitete: Aretha Franklin, Sammy Davis Jr., Lionel Hampton, Beach Boys, Elvis Presley, Phil Spector, Frank Sinatra, Nancy Sinatra, Johnny Cash, Nat King Cole, Everly Brothers. Diese unvollständige Aufzählung zeigt seine unglaubliche musikalische Vielseitigkeit.

Gitarrist, Stuntman, Rodeoreiter

Bevor das Interview beginnen kann, packt Billy Strange zuerst in aller Ruhe ein Paket aus, das der Briefträger eben vorbeibrachte. Es enthält einen elektrischen Bleistiftspitzer. Leider fehlt der Stecker. Er nimmt sich vor, ihn noch zu bestellen. Online Dinge zu bestellen gehört heute zu den wenigen Freuden in seinem Leben – neben täglichen Restaurantbesuchen und fernsehen. Sein Geist ist hellwach, aber sein Körper leidet an den Folgen eines atemlosen Lebens: lange Nächte, Alkohol und Zigaretten.

Für Billy Strange eine Schublade zu finden, ist schwierig. Er ist nicht nur einer der grössten Studio-Gitarristen der Sechzigerjahre. Als Gitarrist und Sänger trat er zudem pausenlos in Tanzhallen, Spelunken, im Radio und Fernsehen auf. Als Arrangeur, Dirigent und Produzent schuf er Hit um Hit. Auch als Songwriter war er erfolgreich: «A Little Less Conversation» und «Memories» gehören zu den grossen Elvis-Klassikern. Daneben spielte er Nebenrollen in Fernsehserien und Kinofilmen, arbeitete als Stuntman, Rodeoreiter, Synchronsprecher für Zeichentrickfilme und komponierte Filmmusik. Als ob das alles nicht genug wäre, gründete er auch noch einen Musikverlag.

Armut und keine Schule

Als Billy Strange 1930 in Long Beach in Kaliforninen auf die Welt kam, herrschte Wirtschaftskrise, die USA litt unter der «Grossen Depression». Auch seine Eltern George und Billie Strange waren von Armut betroffen. Zur Schule ging er fast nie. Was es zu lernen gab, lernte er von seinem Vater, der auf dem lokalen Radiosender KFOX eine eigene Country-Sendung hatte, in der auch die Mutter auftrat. Das Einzelkind Billy wurde als kleiner Junge ebenfalls Teil der Show. Die kalifornische Countrymusik, unter deren Einfluss Billy aufwuchs, war viel raffinierter als Nashville-Country. Sie verarbeitete vielseiteige Einflüsse aus Swing, Blues und Big Band Musik zu einem eigenständigen Genre.

Mit 16 ging Billy zum ersten Mal auf Tournee als Sänger und Gitarrist. Wenn die Erwachsenen zu betrunken waren zum Fahren, übernahm er das Steuer des Tourbusses, obwohl er noch keinen Fahrausweis hatte. Billy spielte mit Country-Stars wie The Sons of The Pioneers, Roy Rogers, Spade Cooley, Smoky Rogers und Tex Williams, aber er begleitete auch Jazz-Legenden wie Count Basie und Lionel Hampton. In den Fünfzigerjahren nahm ihn der Country-Impressario Cliffie Stone unter seine Fittiche und vermittelte ihm eine Plattenvertrag mit Capitol. Er nahm alle damals gängigen Musikstile auf: Country, Western-Swing, Balladen, Rockabilly und Rock 'n' Roll – den grossen Durchbruch als Solostar schaffte er jedoch nicht.

Der Forrest Gump der Musikgeschichte

Singer-Songwriter Jonmark Stone, der für Billy Strange gearbeitet hat, vergleicht ihn mit der Filmfigur Forrest Gump. So wie Gump bei allen historischen Weltereignsissen dabei war, war Billy Strange Teil aller Schlüsserlereignissen der amerikanischen Popmusik. Er erlebte das Sterben der Big Band Ära, den Siegeszug des Rock 'n' Roll. Er war Zeuge, als Musik plötzlich nicht mehr live am Radio und Fernsehen gespielt wurde, sondern ab Schallplatte und Playback. Er war dabei, als Les Paul in seiner Werkstatt in Los Angeles den Prototypen der legendären Gibson Les Paul herstellte. Seine Erfahrung als Gitarrenspieler liess Fender in die Entwicklung neuer Gitarren einfliessen. Henry Mancini, der Komponist des «Pink Panther»-Themas, war sein Nachbar und gab ihm wertvolle Tipps fürs Komponieren und Arrangieren. Er war dabei, als Elvis sich Ende der Sechzigerjahre noch einmal kurz aufbäumte und ein letztes Mal brauchbare Songs aufnahm.

Billy Stranges Instrumental-Alben waren ein wichtiger Teil der Easy-Listening-Welle. Er spielte Gitarren-Versionen der gerade aktuellen Hits ein. Seine Aufnahmen mit der akustischen zwölfsaitigen Gitarre lösten einen regelrechten Boom dieses Instrumentes aus. Als die Teenager nach immer neuem Beat- und Rock-Nachschub verlangten, sorgte Billy Strange in den Tonstudios von Hollywood mit seinem kraftvollen Gitarrenspiel für den richtigen Groove. Die Popmusiker der Sechzigerjahre zierten oft nur das LP-Cover, an den Instrumente sassen Country- und Jazz-Musiker der Spitzenklasse, die in drei Stunden eine Langspielplatte live einspielen konnten.

Dem Massenmörder entkommen

In irgendeiner Form arbeitete er mit allen Legenden des Musikgeschäfts zusammen. Elvis war sein Freund. Frank Sinatra liess ihn den Millionen-Hit «Something Stupid» arrangieren und übergab ihm die Leitung seines Musikverlags. Sinatras Tochter Nancy ist heute noch mit ihm befreundet. Noch 2003 produzierte er eine CD mit ihr. Sie nennt ihn «Boots», weil er früher immer Westernstiefel trug. Seine Arrangements der Duette von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood beeinflussen noch heute Musiker auf der ganzen Welt. Die Nähe zu den Stars wurde ihm 1969 beinahe zum Verhängnis. Nur durch einen Zufall wurde er nicht Opfer des berüchtigsten Massenmörders der USA.

Lesen Sie im zweiten Teil: Wie Billy Strange knapp dem Tod entkam und weshalb er seine Jugendliebe erst im Alter von 72 Jahren heiraten konnte. Und im Video erzählt Billy Strange, wie er Elvis zu Hits verhalf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.09.2010, 11:52 Uhr

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(Video: Youtube)

Werkauswahl

Gitarrist
«Surfin' USA» (Beach Boys)
«Sloop John B» (Beach Boys)
«Pet Sounds» LP (Beach Boys)
«Ramblin' Rose» (Nat King Cole)
«A Little Less Conversation» (Elvis Presley)
«Viva Las Vegas» (Elvis Presley)
auf diversen Produktionen von Phil Spector, Everly Brothers, Tennessee Ernie Ford, Johnny Cash und vielen anderen


Arrangeur/Co-Produzent

«These Boots Are Made for Walkin'» (Nancy Sinatra)
«Something Stupid» (Frank und Nancy Sinatra)
«Younger Than Springtime» (Frank Sinatra)
«Some Velvet Morning» (Nancy Sinatra und Lee Hazlewood)
«A Little Less Conversation» (Elvis Presley)
«The Trouble with Girls» (Filmmusik Elvis Presley)

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