Das unpolitisch-politische Wettsingen

Beim Eurovision Song Contest stehen diese Woche Teilnehmer aus Russland und der Ukraine auf derselben Bühne. Wie viel Politik verträgt es zwischen Schlager, Glitzerkostümen und Windmaschinen?

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Der Zeremonienmeister betritt die Bühne. Er testet den Applaus. Dies sei der «fantastischste Austragungsort der ganzen Welt», ruft er in die Halle. Das Publikum bemüht sich nach Kräften zu klatschen, die Ränge sind ziemlich leer. Hier, auf der Insel Refshaleøen in Kopenhagen, jetzt auch Eurovision Island genannt, findet in dieser Woche der Eurovision Song Contest (ESC) statt. Zwei alte Werfthallen, schmuddelige Betonklötze. Drinnen wurde viel umgebaut, eine grosse High-Tech-Bühne errichtet. Das war teuer, teurer als geplant, und hat in Dänemark für viele Diskussionen gesorgt. Die sind vorerst vergessen, jetzt es geht nur noch um die Musik. Oder?

Zur Probe für das erste Halbfinale haben die Veranstalter erstmals Testpublikum in die Halle gelassen, vor allem Dänen sind gekommen. Kinder toben durch die Halle. Dass sich hier gleich Russland und die Ukraine trotz der Krise in der Ost-Ukraine eine Bühne teilen werden, ist kein Thema. Der Zeremonienmeister erklärt das Prozedere: Feuerwerk gibt es bei der Probe nicht, nur der Armenier Aram MP3 darf seine Flammensalven testen. Und Schweden bitte darum, beim Auftritt von Sanna Nielsen mit den Handy-Taschenlampen zu leuchten.

Kulturelle Wurzeln, Nähe, Sympathie

Vieles ist wie immer. Der ESC, das ist Schlagermusik und Feuerwerk, das sind Glitzerkostüme und Windmaschinen. Es ist aber auch die ewige Diskussion, ob sich Nachbarstaaten gegenseitig Punkte schenken, unabhängig von der Qualität der Aufritte. Es ist die Debatte über Blockvoting, Ost- und West-, Nord- und Südblocks. Nun dreht sie sich darum, wie die Ukrainekrise mögliche Linien verschiebt.

Wenn Zuschauer aus 37 Ländern über den Musikgeschmack der anderen urteilen, kann das nicht völlig unpolitisch sein, sagt ESC-Experte Irving Wolther. Er hat eine Doktorarbeit zum Thema geschrieben und verbringt die Woche auf Eurovision Island. Beim ESC geht es um gemeinsame kulturelle Wurzeln, um Nähe, um Sympathie. Logisch: Die deutsche Gruppe Elaiza hat wegen der osteuropäischen Anmutung ihres Songs gute Chancen auf viele Punkte aus Osteuropa – auf mehr Punkte sogar als aus dem Westen, sagt Wolther. Sängerin Elzbieta „Ela“ Steinmetz wurde in der Ukraine geboren. Bei der Pressekonferenz nach der Probe erklärte sie, wie die Wurzeln ihre Songs beeinflussen. Sie sprach nicht über Politik. Dann zog sie das Los für Samstag: Elaiza tritt in der für die Abstimmung ungünstigeren ersten Hälfte des Finales auf. Gejubelt wurde trotzdem.

SMS von der Krim zählen für Ukraine

Tage vor dem Wettkampf der Lieder droht ein Bürgerkrieg in einem Teilnehmerland auszubrechen. Wie viel Politik verträgt der ESC? Werden viele Zuschauer die russischen Künstler dafür abstrafen, dass Präsident Wladimir Putin den Konflikt eskalieren liess? Sollte die ukrainische Sängerin nicht Stellung beziehen, wie es weitergehen soll in ihrer Heimat? Für das erste Kuriosum hat die Krise schon gesorgt: Die Anrufe und SMS, die von der nun russischen Krim abgeschickt werden, zählen als ukrainische Stimmen – zumindest solange die Absender einen ukrainischen Netzbetreiber nutzen. Russland wird also Punkte aus dem Nachbarland erhalten.

Die russische Songauswahl hat der Konflikt offenbar auch beeinflusst. Diesen möchte Russland in Kopenhagen möglichst ausklammern und schickt die Zwillinge Anastasia und Maria Tolmachevy ins Rennen. Von den 17-Jährigen kann man kaum eine politische Stellungnahme erwarten. Ihr Lied ist kantenlos, ihr Team international. Ob sie Sorge hätten, dass die politische Situation die Stimmvergabe beeinflusst, wurden sie vorige Woche auf einer Pressekonferenz in Kopenhagen gefragt. Sie seien hier um zu singen, übersetzte die Dolmetscherin die knappe Antwort.

Poppige Ukraine, eintöniges Russland

Auch die 21 Jahre alte Sängerin Mariya Yaremchuk aus der Ukraine wird immer wieder nach der Situation in ihrer Heimat gefragt. Landsfrau Ruslana, die den ESC vor zehn Jahren gewann, spricht sich klar gegen Putin aus und soll auf dem Maidan nächtelang für die Demonstranten gesungen haben. Mariya Yaremchuk dagegen hält sich bislang aus der Debatte heraus, soweit sie kann. Sie sei stolz auf die Ukrainer, sagte sie vergangene Woche. Ja, die Krise würde sie beeinflussen, in der Heimat hätte sie sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren können. Sie hoffe, dass die Ukraine nun neu anfange. «Konflikte enden, Musik lebt.» Beifall von der Presse.

Und auf der Bühne, bei den Proben? Die Ukrainerin kommt im schwarzen Kleid, die Zwillinge in weissen. Alle drei Frauen können singen, alle machen kräftig Gebrauch von der Windmaschine. Yaremchuk rechnen die Experten grössere Chancen aus, ihr Song «Tick-Tock» ist poppiger als das etwas eintönige russische «Shine». Im Halbfinale gibt es aber nicht zwei, sondern 16 Kandidaten, zehn kommen weiter.

Bei den Proben läuft alles glatt, das Feuer von Aram MP3, die Handy-Taschenlampen für Sanne Nielsen. Applaudiert das dänische Testpublikum besonders laut für die Sängerin aus dem Nachbarland, oder täuscht das? Auch die Abstimmung wird geprobt. Es gibt natürlich noch keine echten Anrufe. Man tut so, als sei die Ukraine weiter, Russland nicht. Aber das ist bestimmt Zufall.

Erstellt: 06.05.2014, 19:22 Uhr

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