Das wiegende Klassenzimmer

Der Rapper Kendrick Lamar traf Schüler persönlich, die ihn gerade in der Schule behandeln.

Kendrick Lamar auf Schulbesuch. Quelle: Youtube

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Er kommt von ganz unten, gelangte nach ganz oben und ist vor kurzem in die Schule zurückgekehrt. Das war die Kurzversion für Ungeduldige, es folgt die ungeschnittene Fassung. Kendrick Lamar, 28-jähriger Hip-Hopper aus dem Ghetto von Compton in Los Angeles, löst mit seiner Musik und seinen dunklen Versen drei Reaktionen aus, die selten zusammen auftreten: Gross­erfolg, Kritikerlob und akademischen Respekt.

Einer der Respektvollen heisst Brian Mooney, ein grosser, dicker, weisser Mann aus einer Kleinstadt am Hudson in New Jersey. Mooney unterrichtet Englisch. Er las mit seinen Schülerinnen und Schülern den ersten Roman von Toni Morrison. Sie beschreibt darin die Schwierigkeiten eines schwarzen Mädchens während der amerikanischen Depression. Die Klasse hatte Mühe mit dem dichten Buch, also holte sich der Lehrer Hilfe von auswärts: Er spielte seinen Schülern «To Pimp a Butterfly» vor, Lamars letztes Album.

Kendrick Lamar, «i», vom Album «To Pimp a Butterfly». Quelle: Youtube

Es wird schon jetzt als überragender Ausdruck des Genres gefeiert. Die Zeilen jagen einander, drängend, atemlos, die Musik spielt souverän mit Versatzstücken aus Jazz, Gospel, Soul, Beat Poetry und Hip-Hop-Schlägen. Lamar besingt ähnliche Fragen, wie sie Morrison in ihrem Roman beschreibt, Fragen von flackerndem schwarzem Selbstbewusstsein aus einer Geschichte der Unterdrückung heraus. Jedenfalls kam das Album bei der Klasse an, und der Lehrer schrieb davon in seinem Blog.

Ein paar Wochen später las der Musiker, dass seine Texte in der Schule behandelt werden. Und er beschloss, die Klasse und ihren Lehrer zu besuchen. Statt in einer Halle aufzutreten, sprach Lamar vor fünfzig Schülerinnen und Schülern, trug seinen Song «Alright» vor, diskutierte, signierte und liess sich fotografieren. Im Gegenzug trugen mehrere aus der Klasse eigene Reime vor. Wie Videoaufnahmen zeigen, herrschte Freude in der High Tech High School in North Bergen, New Jersey, USA. Der Musiker war gerührt über das Interesse der Klasse, der Lehrer war begeistert über den Besuch des Musikers, und die Schüler waren hin und weg nach der Begegnung mit dem Berühmten.

Kendrick Lamar performt «Alright» live am Sweetlife Festival. Quelle: Youtube

Vor ein paar Tagen hat Mooney, der Lehrer, in seinem Blog Bilanz gezogen. Er wertet Lamars Besuch als Höhepunkt einer langjährigen Arbeit, die für ihn darin besteht, Kinder aus armen Stadtteilen via ihre eigene Kultur an die Sprache heranzuführen. Erziehung mithilfe von Hip-Hop sei unerlässlich, schreibt er, «in unserem Kampf gegen die Privatisierung der amerikanischen Schulen»; denn das Genre sei radikal demokratisch und überschreite alle Grenzen.

Sogar die Klassengrenzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2015, 00:05 Uhr

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