«David Guetta bringt die Leute zum Tanzen»

Techno-Pionier Jeff Mills über EDM und den Plan, einen Ableger des Berliner Clubs Tresor in Detroit zu eröffnen.

«Die Europäer haben uns unsere Karrieren ermöglicht», sagt Jeff Mills. Foto: PD

«Die Europäer haben uns unsere Karrieren ermöglicht», sagt Jeff Mills. Foto: PD

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Was ist ein guter DJ?
Du wirkst auf die Leute ein. Du lässt sie warten. Du zeigst ihnen, dass sie verletzlich sind. Und wenn dir die Leute dann folgen, kannst du ganz spezielle Dinge mit ihnen anstellen. Es geht darum, den richtigen Schlüssel zu finden. Darum gehen die Leute ja an eine Party. Damit diese Verbindung stattfindet. Ironischerweise befinden sich das Publikum und ich eigentlich in anderen Zeitzonen. Auf meinem Kopfhörer läuft ja schon der nächste Track.

Sie gelten seit Jahren als eine Art Über-DJ. Gerade technisch gesehen. Stimmt das Bild noch?
Früher war ich schneller, technisch viel geschickter. Wenn du älter wirst, musst du das kompensieren. Ich will ja relevant bleiben! So lege ich heute viel mehr Wert darauf, was ich auswähle und welche Tracks ich zu welchem Zeitpunkt spiele. Darin bin ich viel besser geworden.

Was halten Sie vom in der Szene viel diskutierten Sync-Button, der es erlaubt, Tracks live per Computer zu mischen?
Ich war hocherfreut. Weil er mir erlaubte, mich auf ganz andere Sachen beim Mixen zu konzentrieren. Schon als die CDs kamen, war das uns DJs eine grosse Hilfe. Auf eine Scheibe passte plötzlich viel mehr Musik. 80 Minuten ganz ohne Qualitätsverlust.

Exhibitionist2Trailer from AxisRecords on Vimeo.

Stören Sie sich eigentlich am weissen, kommerziellen EDM-Sound, wie ihn ein David Guetta propagiert und wie er aktuell weltweit zu hören ist?
Stören würde es mich höchstens, wenn die Leute nicht frei wählen dürften. Aber jeder darf entscheiden, ob er nun David Guetta oder lieber DJ Hell hören will. Das muss man respektieren. David erfüllt ein Bedürfnis bei seiner Zielgruppe. Ich wünsche ihm nur das Beste. Er bringt die Leute zum Tanzen.

Wie das geschieht, ist Ihnen egal? EDM ist eine Abkehr von den afroamerikanischen Wurzeln der Clubmusik.
Die Leute entscheiden, was sie hören möchten. Detroit war der Ort in Amerika, wo Mitte der 80er Techno entstand. Wenn sich die Amerikaner also unsere Clubmusik gewünscht hätten, dann wäre das auch passiert. Aber die USA haben einfach nie hingehört. Sie sind rückständig. Und werden immer rückständiger. Aber warum sollte ich mich daran stören? Nicht, solange es Menschen an anderen Orten der Welt gibt, die meine Sachen lieben.

In Europa gedeiht die Szene seit 25 Jahren.
Und genau darum sollte man in den USA wissen, dass uns die Europäer unsere Karrieren ermöglicht haben. Sie haben uns aus Chicago und Detroit eingeladen. Nicht einmal oder zweimal, sondern zigmal. Wir konnten als Künstler wachsen. Und dabei geht es gar nicht mal ums Geld. Die Europäer haben uns ihre Wohnungen geöffnet, ja, ihre Herzen.

In Europa neigt man dazu, die Techno-Geburtsstadt Detroit zu mystifizieren. Ruin Porn nennt sich das.
Ja, das ist schon eine seltsame Form der Wertschätzung. Andererseits ist es so: Wenn die Stadt nicht bankrottgegangen wäre, dann wäre in Detroit nicht dieselbe Szene entstanden. Das war eine Form des Widerstands. Um zu sagen: Hey, wir sind tough! Wir brauchen eure Unterstützung nicht. Detroit hat sich als sehr widerstandsfähig gezeigt. Und jeder Künstler aus Detroit hat heute sein eigenes, weltweites Netzwerk. Bloss nicht in den USA.

Dimitri Hegemann, der Gründer des Berliner Clubs Tresor, plant einen Ableger in Detroit. Ist das realistisch?
Es ist eine spannende Idee. Aber eine ziemliche Knacknuss. Die Leute in Detroit haben ja kaum Geld. Man darf froh sein, wenn die Strassenbeleuchtung läuft und die Wasserhydranten funktionieren.

Als Künstler haben Sie immer auch Hybridformen interessiert. Ich denke an Ihre Stummfilmvertonungen, etwa zu Fritz Langs «Metropolis».
Damit ging es 1990 los. Ich wollte den Leuten zeigen, wie Techno aussehen kann, nachdem jedermann wusste, wie er sich anhört. Eine Form finden, wo Techno auch anderen Kunstformen zudienen kann.

Ihre Hymnen wie «The Bells» hört man auch in klassischen Konzertsälen. Was reizt Sie an solchen Begegnungen?
Mich hat immer schon wundergenommen, wie meine Tracks klingen, wenn sie von einem Orchester gespielt werden. Und dann habe ich immer auch Sachen gemacht, die ähnlich wie klassische Musik arrangiert sind. Ich weiss nicht, ob Ihnen das bewusst ist, aber in Detroit machen wir keine «silly music». Musik ist für uns etwas Ernsthaftes.

Dass Sie auch Buster Keatons Slapstick-Stummfilmbilder vertont haben, war das eine «silly» Ausnahme?
Das war wirklich das einzige Mal, dass ich so etwas versucht habe. Eine schwierige Erfahrung, da den passenden Groove zu finden. Seither bin ich wieder viel ernsthafter unterwegs. (lacht)

Neulich haben Sie einen Roland TR 909 – ihren Lieblings-Synthesizer – umbauen lassen. Wenn ich es richtig verstehe, ist das eine Art klingendes Raumschiff?
Wir haben dieser alten Drummaschine ein neues, futuristisches Design verliehen. Mit dieser Maschine spiele ich live. Dann haben wir versucht, sie fliegen zu lassen. Dafür war sie aber zu schwer. Wir mussten ein paar Modifikationen vornehmen. Jetzt löst sich immerhin ein Teil von ihr ab, fliegt während der Show davon und dockt wieder an.

Science-Fiction ist der rote Faden in Ihrem Werk. Wo sehen Sie die Zukunft der Musik?
Ich denke, dass sich die medialen Grenzen zwischen Musik, Kino und Videogame auflösen werden. Du wirst dich als Konzertbesucher ans Woodstock Festival einklinken können und dabei sein, als Jimi Hendrix seine Interpretation von «The Star-Spangled Banner» spielte. Ja, du wirst selbst in die Haut von Jimi Hendrix schlüpfen können.

Das glauben Sie wirklich?
Ja, sobald es uns gelingt, Simulationen so echt zu gestalten, dass auch das Hirn davon überzeugt ist, dass es echt ist. Auf zu neuen Ufern! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.10.2015, 08:47 Uhr

DJ-Grossmeister

Jeff Mills

Schon in den 80er-Jahren hatte sich Jeff Mills, heute 52, als eklektischer Radio-DJ den Namen «The Wizard» verdient. Zehn Jahre später sahen alle Freunde des Rave, wie Mills in schwindelerregendem Tempo Platten auf bis zu vier Plattenspielern jonglierte. Ein paar Sekunden kreiste das Vinyl, und schwups, war schon die nächste Scheibe dran.

Heute ist Mills der wohl berühmteste Vertreter des Detroit Techno, von dem in Japan sogar Action-Figuren im Laden stehen. Der Sound, den der fleissige Mills produziert: harte, ­tribalistische Tracks, die schier endlos ins Sphärische spulen. Eben ist Mills’ neue DVD «Exhibitionist II» erschienen. Eine Lehrstunde aus dem Labor des Grossmeisters, DJ-Handwerk, für den geneigten Laien aufgeschlüsselt. (B. S.)

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