Den Pop-Thron im Blick

Die Rapperin Cardi B aus der Bronx arbeitete im Striplokal, bevor sie die jungen Leute in der U-Bahn zum Tanzen brachte. Jetzt steht sie bereit für die globale Wachablösung.

Cardi B, die erste Rapperin an der Spitze der US-Charts seit 1998. Foto: Jora Frantzis

Cardi B, die erste Rapperin an der Spitze der US-Charts seit 1998. Foto: Jora Frantzis

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dies ist die Geschichte einer Selbstermächtigung. Eine, die von «rags to riches», von den Lumpen der Armut in die glitzernde Welt des Reichtums führt. Doch eine gepützelte und anrührende American-Dream-Geschichte ist sie in der Form, wie sie die Rapperin Cardi B auf ihrem Debüt «Invasion of Privacy» erzählt, nicht. Denn vergessen hat die 25-Jährige aus der New Yorker Bronx selbst in der Stunde des Triumphs nichts: nicht ihre karibischen Wurzeln, nicht die Arbeit im Striplokal, erst recht nicht all die anderen «bitches», die auf sie spuckten und im Internet noch immer Hass über sie verbreiten. Auch allerlei «punk-ass men» und «niggas» fehlen nicht, auf die sie eh nie zählen konnte und die eine wie sie ja eigentlich auch gar nicht mehr nötig hat.

Denn seit dem Herbst 2017 ist Belcalis Almanzar, wie Cardi B bürgerlich heisst, jene Rapperin, die es geschafft hat. Sie knackte damals nicht nur die US-Charts; ihr Track «Bodak Yellow» ist auch die erste Nummer-1-Single einer Rap-Künstlerin seit 1998, als Lauryn Hill dies mit «Doo Wop (That Thing)» erstmals geschafft hat.

Falsche Brüste, sonst alles echt

Dabei ist Cardi B keine Kompromisse eingegangen. «Bodak Yellow» ist bloss der seltene Glücksfall eines Songs, der radikal verknappt ist und doch ein Massenpublikum ansprechen kann. Von Beginn weg macht Cardi B klar, dass man sich mit ihr besser nicht anlegen sollte. Sie rappt diese Message in zahllosen Varianten – der Trap-Beat ist minimal produziert, die Melodie weht flüchtig wie ein böser Geist. Eine Hymne ist der Track dennoch: Auf Youtube-Videos ist zu sehen, wie junge Leute in der New Yorker Subway gemeinsam lostanzen und Zeilen wie «don’t fuck with me» mitrappen. Quasi in Echtzeit war zu beobachten, wie «Bodak Yellow» und ihre Urheberin immer weitere Kreise zogen – von der Bronx bis in die «New York Times». Und von dort bis in all die Late-Night-Shows im Fernsehen.

«Bodak Yellow» kam nicht aus dem luftleeren Raum, sondern aus der Echokammer, die Cardi B seit vier Jahren auf Instagram pflegt. Damals arbeitete sie noch als Stripperin und kommentierte Job und Alltag auf der Social-Media-Plattform. Sie teilte gegen Kolleginnen aus, machte auch immer wieder Witze über sich und setzte anders als so viele andere auf dem Kanal, wo ihr heute über 22 Millionen Personen folgen, nicht auf Makellosigkeit. Sie strahlt in ihrer ­digitalen Inszenierung vielmehr das aus, was man Aufrichtigkeit nennen kann. Denn künstlich, das seien bei ihr nur ihre Brüste, wie sie einmal in ihrem dicken New Yorker Akzent mit Latino-Einschlag rappt.

Seit ihrer Teilnahme in der Realityshow «Love & Hip-Hop» und zwei Mixtapes war dann auch klar, dass ihr Ziel das Popbusiness ist, das sie nun mit ihrem Debüt «Invasion of Privacy» aufmischt. Dabei wirkt das Album, das seit der Veröffentlichung im April zu den erfolgreichsten des Jahres zählt, zunächst vor allem schroff und deftig. Und geschenkt kriegt man auch nichts, wenn Cardi B mit dem Satz «Schau, man gibt einer Bitch zwei Optionen: strippen oder verlieren» das Album beginnt. Sie erzählt dann von der Armut ihrer Mutter, vom Striplokal, wo Cardi B den Typen erst mal klarmachen musste, dass Tanzen nicht Ficken bedeutet. Und schneidet rasch Zeilen gegen, in denen sie sagt, dass sie nun als einziges Mitglied der Familie weiss, wie es ist, wenn man sechsstellige Dollarbeträge verdient.

In diesem Flow, dieser austeilenden Attitüde geht das Album weiter, bis sie in «Be Careful» zärtliche und umso eindringlichere Warnungen an ihren fremdgehenden Partner ausspricht. Auch eine wie Cardi B hat ein zerbrechliches Herz – etwas, was ihr Real-Life-Verlobter Offset, der Rapper der kontrovers beurteilten Supergruppe Migos aus Atlanta, ja eigentlich auch wissen sollte. Immer wieder feiert sie das ausgelassene Leben, besingt es in einem Song mit dem kolumbianischen Streamingmillionär J Balvin. Bei allen Gaststars, die da kommen und singen, behält sie – im Gegensatz zu vielen anderen mit Castingshowhintergrund – immer die Kontrolle: über die Musik, die nie zuckrig wird, über ihre Persönlichkeit und über ihre Liebe zu den hart erarbeiteten Accessoires der Blingbling-Kultur, mit denen sie protzt und dabei doch viel detailreicher und lustiger wirkt als jeder Gangsta-Rapper.

Ihr Ruhm, der dank «Invasion of Privacy» bereits mehr als 15 Minuten dauert, wie Cardi B auf dem Album einmal genüsslich ihren Hatern entgegenwirft, lebt sie nun auch aus: Sie enthüllte ihren Babybauch bei ihrem «Saturday Night Live»-Auftritt, twerkte trotz ihrer Schwangerschaft bei den Konzerten am Coachella-Festival in der kalifornischen Wüste. Noch stand sie dabei im Schatten der sensationellen Auftritte von Beyoncé, der Popqueen dieser Tage. Doch dass da eine Wachablösung im Gang ist, auch das erzählt diese Geschichte der Selbstermächtigung von Cardi B.

Cardi B: «Invasion of Privacy» (Warner)

Erstellt: 24.04.2018, 22:38 Uhr

Artikel zum Thema

«Frauenfeindliche Texte werden toleriert»

Wie sexistisch die Hip-Hop-Szene ist und was man dagegen tun kann. Antworten der Basler Rapperin und Feministin Kim Bollag alias KimBo. Mehr...

«Meine kleinen Brüste, mein fetter Bauch»

Die feministische Rapperin Princess Nokia hebt die Regeln der Machoszene aus den Angeln. Ihre Identität ist ein kompliziertes Gemisch aus Frau, Millennial und, nun ja, kreolischer Hexe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...