«Der Begriff ‹Jodeln› stammt aus Wien»

Der Musikethnologe Raymond Ammann hat den Umgang der Schweizer mit Jodel-Einflüssen aus Österreich untersucht.

Sänger am Eidgenössischen Jodlerfest in Brig im Juni 2017. (Foto: Keystone)

Sänger am Eidgenössischen Jodlerfest in Brig im Juni 2017. (Foto: Keystone)

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Herr Ammann, was sind denn genau die Unterschiede beim Jodeln in Tirol und der Schweiz?
In Tirol heisst es eher: Trrrrioooo beziehungsweise Drrrriioooo, in der Schweiz wird das Ooooh und Aahhh für die tiefen Töne verwendet und Iiiih, Uuhh und Üüüüh für das Kopfregister. Das Trrrr oder das Drrr hilft den Tirolern beim Wechsel von der Brust- in die Kopfstimme. In der Schweiz, wo Vokale gar nicht mit Konsonanten oder nur mit lllll oder jjjjj verbunden werden, gibt es einen stärkeren Kehlkopfschlag, den Knacklaut. Ob Jodler ursprünglich Freudenschreie oder Verständigungslaute über eine grössere Distanz waren, dazu wurde schon viel geforscht. Wahrscheinlich hat es einfach mehrere Ursprünge. Der musikalische Begriff «Jodeln» jedenfalls ist noch verhältnismässig neu.

Und woher stammt der Begriff?
Aus Wien, aus der dortigen Volksbühnenszene, wo Veranstaltungen mit Tiroler Liedern bereits im 18. Jahrhundert populär waren.

So populär, dass irgendwann die Schweizer Angst davor bekamen?
Ja, das kann man so sagen. Schweizer Jodelexperten jedenfalls, das haben unsere Forschungen ergeben, beklagten bereits Ende des 19. Jahrhunderts die immer mehr um sich greifende «Tirolerei». Sie plädierten dafür, lieber den eigenen Jodelgesang zu fördern als den österreichisch-bayerischen. Schliesslich pflegte man unter Eidgenossen ganz eigene Ausprägungen des registerwechselnden Singens, die man zum Beispiel Zäuerli, Ruggusseli oder Juchzer nennt und die sich von den österreichischen Dudlern, Almern und Wullaza abheben.

«Kunst ändert sich, Musik ändert sich, Ästhetik ändert sich.»

Die Schweizer forderten also: Make Zäuerli great again?
Sozusagen. Denn im Gegensatz zu den Schweizern waren Tiroler Sängergruppen in ganz Europa unterwegs und überaus beliebt. Ihr Jodelstil war auch in der Schweiz sehr populär. Also gründeten einige Schweizer Jodler den Eidgenössischen Jodlerverband und definierten, wie in der Schweiz gejodelt werden sollte. Eher mit Ooooh, Uuhhh, Iiiiih und Üüüüh. Und mit Kehlkopfschlag statt mit Tri oder Dri.

Heute heissen sogarSmartphone-Apps «Jodel»,in der Volksmusikszene soll eine «neue Jodelbegeisterung» herrschen, und selbst in Berlin werden Jodel-Workshops angeboten. Droht da nichteine gesangliche Verwässerung?
Tatsächlich lässt sich derzeit ein neuer Jodelboom beobachten. Yoga, Qigong oder Pilates als Bestandteil von Jodel-Workshops und Jodler aus Japan oder Südkorea bei Schweizer Jodelwettbewerben – da gibt es allerlei Ausprägungen. Was also Loriot mit seinem Jodeldiplom-Sketch vor vielen Jahren vorweggenommen hat, das ist heute fast Wirklichkeit.

Begrüssen Sie dieAusdifferenzierung regionaler Bräuche?
Ach, wissen Sie: Kunst ändert sich, Musik ändert sich, Ästhetik ändert sich. Das Leben ist so gebaut. Neue kulturelle Einflüsse, wenn sie nicht standardisiert daherkommen oder von oben verordnet werden, sind immer gut und wichtig. So bleibt nicht nur das Jodeln lebendig.

Erstellt: 17.01.2020, 17:34 Uhr

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