Der Chefingenieur des Grauens

John Carpenter, der Meister des Horrors, spielte am Festival für den fantastischen Film in Neuenburg seine Schauersoundtracks.

«Wir werfen heute keine Jungfrauen mehr in Vulkane. Das ist ein Plus», sagt Regisseur und Musiker John Carpenter. Foto: Nicolas Brodard (Nifff)

«Wir werfen heute keine Jungfrauen mehr in Vulkane. Das ist ein Plus», sagt Regisseur und Musiker John Carpenter. Foto: Nicolas Brodard (Nifff)

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Ist es ein Totem? Oder was steht da in der Mitte, in einem Halbrund aus Jüngern? Es ist tatsächlich John Carpenter, Idol einer verschworenen Gruppe, die sich jeden Juli am Neuchâtel International Fantastic Film Festival (Nifff) trifft, um den Horrorfilm, Fantasy und ­Science-Fiction zu ehren. Der amerikanische Regisseur trägt wie seine Fans ein schwarzes T-Shirt, er kommt auf die Bühne wie ein Star, der die Pop-Pose macht: Leute, ich bin es wirklich, könnt ihr mich alle sehen?

Konnten wir. Im Konzertsaal stand Carpenter unübersehbar an der Synthesizerkanzel. Dahinter im Halbkreis fünf junge Tourmusiker, einer davon Carpenters Sohn Cody, der die komplizierteren Tastenläufe besorgte. Carpenter selbst spielte meist einhändig seine supersimplen Kompositionen für seine eigenen Filme, er hat von jeher vieles selbst gemacht in seiner Low-Budget-Karriere.

Sorgt für noch mehr Horror: John Carpenters Titelmusik aus dem Film «Halloween».

Unterbrochen wurde die Musik nur von seinen Ansagen. «Horror movies will live forever!», solche Sachen, darauf folgte das Titelthema aus «Halloween», seinem Horrorfilm von 1978, in dem ein Mörder mit Maske junge Frauen jagt. Zu jedem Stück wurde der dazugehörige Film in geraffter Montage projiziert, die Synthesizermotive waren verstärkt mit dem Gestus des Stadionrock. Das war John Carpenter live, und etwas Merkwürdigeres hat man selten gesehen.

Jetzt soll er Musiker sein

An der Musik jedenfalls kann es kaum gelegen haben, dass das Publikum aus dem Häuschen war. Die Schauertracks klangen wie amerikanisches Industriedesign: schnörkellos, stabil, fettabweisend. Auch Stücke ohne Filmbezug spielte er, kürzlich sind sie auf dem Album «Lost Themes II» erschienen. Aber der Jubel des Publikums galt gar nicht der zweiten Karriere von John Carpenter als Rockstar der Erkennungsmelodien. Er galt dem Mann selbst, seiner reinen Präsenz. Er galt den Horrorfilmen, die man wiedererkannte und verband mit der Erinnerung an die Jugend und die Schockerfahrung von damals. John Carpenter live war ein Hochamt zu eigenen Ehren, ein Selbstkult als vertonter Rückblick auf eine Karriere des Terrors.

Horrortöne aus den 80ern: John Carpenters Titelmelodie zum Geisterfilm «The Fog».

Für das überschaubare Festival in Neuenburg war der Auftritt ein Triumph. Carpenter war für nur einen Abend nach Europa gekommen, morgen spielt er ein ausverkauftes Konzert in New York. Und für die treuen Fans am Nifff, die die Stimmungsmache im Kinosaal – den knappen Ironieapplaus bei jedem Studiologo, die mitgeheulte Werbung – mittlerweile perfektioniert haben, war es, als sei ihnen der Antichrist persönlich erschienen.

Musik statt Horror

Man hat sich nur noch nicht daran gewöhnt, dass er jetzt Musiker sein soll und nicht mehr Regisseur von Schauerwerken, die für viele Initiationsriten waren in die Kunst des kultivierten Entsetzens. Er bleibt ein Meister, doch sein letzter Film, «The Ward», stammt von 2010 und ist nur grauenhaft.

Der Rest aber, die Retrospektive zeigte es, ist ein Lehrbuch des Genrefilms: «Halloween» besonders, aber auch die Geisterstory «The Fog» (1980), die Stephen-King-Adaption «Christine» (1983), der Belagerungsfilm «Assault on Precinct 13» (1976) oder sein bestes Gruselwerk, «The Thing» (1982) um eine Forschergruppe in der Antarktis, denen ein Monster in die Hütte kommt, das alle möglichen Formen annehmen kann und zum Furchteinflössendsten gehört, was das Kino zu bieten hat.

Die Tracks klangen wie amerikanisches Industriedesign: schnörkellos, stabil, fettabweisend.

«The Thing» kam im Jahr von «E.T.» heraus. Der Film wurde verschrien als Glorifizierung des Ekels. Seither hat man ihn wiederentdeckt, die Akademien haben Politisches hineininterpretiert, nicht zuletzt dank der Metamorphosen des Ungeheuers. Dabei erklärt «The Thing» ganz andere Dinge: Die weite Wüste der Antarktis weist zurück auf die Kleinstädte, in denen John Carpenter aufgewachsen ist; überhaupt wirken seine Horrorvisionen oft wie Western in einer desolaten Zivilisation. Das Monster aus «The Thing» wiederum erinnert an die 50er-Jahre, als B-Movies die Gefahr von Atombombe und Menschheitsauslöschung spiegelten. Carpenter hat dieses Kino aufgesogen, es war eine «Jugendkultur» in einer Zeit, als es noch keine Jugendkulturen gab.

Das hat er zuvor im Gespräch erklärt. Es dauerte fünfzehn Minuten, denn Lust auf Interviews hat er kaum. «Wir haben die Monster geliebt, die Erwachsenen nicht», solche Dinge sagt John Carpenter, der strahlt, wenn ihm eine hübsche Frau einen Kaffee bringt, aber sonst einsilbig bleibt. Er denke viel darüber nach, was es bedeutet, mit den Blockbustern von heute aufzuwachsen, den «Superheldenfilmen für Comicliebhaber».

Und was ist beim Nachdenken herausgekommen? «Ich schaue mir diese Filme nicht an.» Hat Hollywood den Genrefilm heute kolonialisiert? «Okay.» Wird man zynisch angesichts des realen Terrors? «Es bringt mich ein wenig in Verzweiflung.» Warum sind Horrorfilme zugleich vertraut und überraschend? «Meine Weisheit über Filme im Allgemeinen ist, dass man nicht verallgemeinern soll, wenn es um Filme geht.» Erst als man ihn auf Anthropologie anspricht, blitzt etwas auf. Ein Verwundern darüber, dass es die Menschheit ­offenbar nicht schafft, über «Stammeskulturen» hinauszukommen. Obwohl: «Wir werfen heute keine Jungfrauen mehr in Vulkane. Das ist ein Plus.»

Der Tisch explodiert sofort

Auch das ist John Carpenter live. Man merkt ihm sofort den Amerikaner an, den Optimisten und Ingenieur. Sätze, die mit «Aber» beginnen, findet er «irritierend». Und dann versteht man, dass Carpenter schon immer ein Modernist des Kinos war. Einer, der aufschaut zum Regisseur Howard Hawks, zu seinen Western wie zu seinem Witz. Einer, der den Schrecken straight, aber effektvoll inszeniert, ohne Schnickschnack, mit Verzögerungen, in denen kaum etwas geschieht. Ein Sarkast, kein Ironiker. Wenn Hitchcock der Regisseur ist, der uns zeigt, wie eine Bombe unter den Tisch gelegt wird und dann die Zeit ­ticken lässt, ist Carpenter der Regisseur, der den Tisch ohne Warnung in die Luft jagt.

Seinen Filmen kann man nicht trauen, weil sie uns zutiefst verunsichern: «The Thing» rührt an die Angst, dass der Mitmensch nicht menschlich sein könnte. Diese Erscheinung des ­Anderen, des Unbegreiflichen, die sein Kino durchzieht – das hätten wir schon immer gefürchtet, sagt Carpenter, «seit wir von den Bäumen gestiegen sind». Die Natur habe uns deshalb mit der ­Fähigkeit des «peripheren Sehens» ausgestattet, um Feinde frühzeitig zu erkennen. «Aber wenn wir als Gattung reifen, können wir hoffentlich unsere Intelligenz nutzen, um die Angst vor dem Anderen zu überwinden. Hoffentlich.»

Die Hoffnung aber stirbt bei Car­penter zuerst. Sein Horror ist eine Messe für die archaischen Riten, die wir weg­zivilisiert haben. Und wir nehmen teil an seinen Opferritualen, um das Böse fürs Erste zu besänftigen. Eben doch: ein ­Totem.

Erstellt: 07.07.2016, 11:43 Uhr

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