Der Jazz ringt um Aufmerksamkeit

Am Jazzfestival Schaffhausen wurde Musik gespielt – und darüber diskutiert, wieso Medien wie das Fernsehen keine Plattform für den Jazz mehr zur Verfügung stellen.

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Jazzmusiker interessierten sich nur für ihr eigenes Ding, sagte der bekannte deutsche Jazzjournalist Ekkehard Jost am Jazzfestival Schaffhausen. Auch dieses Jahr war der viertägige Anlass ausschliesslich dem Schweizer Jazz gewidmet – vielleicht spricht es für die Qualität des Schweizer Jazz, dass auch viele deutsche Musikjournalisten den Konzerten lauschten, einer von ihnen eben: Ekkehard Jost. Sind Jazzmusiker eine Art Steppenwölfe ohne Familiengefühl? Nein, nicht hier in Schaffhausen, entgegnet Jost. Bezeichnend war vielmehr der Fall des jungen welschen Jazzpianisten Colin Vallon, der am Samstag auf der Kammgarn-Bühne den Suisa-Jazzpreis erhielt (15 000 Franken) und zum Publikum sagte: Nirgends empfinde er ein solches Gemeinschaftsgefühl der Jazzmusiker wie in Schaffhausen.

Schaffhausen stellt so etwas wie die informelle Jahres-GV des helvetischen Jazz dar, hier treffen sich die Musiker und Apparatschiks. Und zum Stelldichein der Jazzfamilie gehören neben den Konzerten die «Schaffhauser Jazzgespräche», welche die aktuelle Situation des Schweizer Jazz verhandeln.

Zeitung, Radio und Fernsehen

So tauschten sich bei einem Podium Medienvertreter über die Kultur- und Jazzberichterstattung aus. Dabei zeigten sich grosse Unterschiede: Bei der «NZZ am Sonntag» entfällt auf die Sparten Klassik, Jazz, Rock paritätisch je etwa ein Drittel der Musiktexte, so berichtete Manfred Papst, Leiter des Kulturressorts; die Texte sollten vor allem die «Peergroups» der jeweiligen Musikrichtung erreichen und von ihnen ernst genommen werden. Besonders intensiv pflegt Radio DRS 2 den Jazz, laut Musikchefin Barbara Gysi mit fünf fixen Sendegefässen pro Woche; das Radio zeichnet jährlich auch rund 40 Jazzproduktionen mit Schweizer Musikern auf. Ein Gefälle tat sich auf, als SFMusikchef Christian Eggenberger von seinem Haus berichtete. «Wir lieben Musik, müssen aber immer die Frage nach dem Publikum stellen», meinte der Fernsehmann. Tatsache ist, dass bei SF der Jazz fast gänzlich gestorben ist, obwohl es für ihn früher prominente Gefässe gab. Service public könne nicht Service sans public bedeuten, meinte Eggenberger.

Beim Fernsehen müsse man in Publikumsdimensionen denken, die der Jazz nicht erreiche (man darf hier wohl ergänzen: überhaupt wenige Kultursparten erreichen); ein Fernsehpublikum in der Grösse etwa eines HallenstadionPublikums werde angepeilt. Unmut weckte bei manchen Besuchern des Podiums, dass SF Arbeitsverträge kennt, bei denen unter anderem die erreichte Einschaltquote direkt lohnwirksam wird. Für den Schaffhauser Festivaldirektor Urs Röllin war dies fast nicht nachvollziehbar: ein falsches, ja anstössiges Kriterium.

Vor allem Gäste aus Deutschland ergriffen das Wort bei der Gesprächsrunde: Wenn sich das Fernsehen sage, gewisse Kultursparten könnten a priori kein grosses Publikum erreichen, entspreche dies nur einer Prophezeiung, die sich selbst erfülle, meinte Ekkehard Jost. «Wie soll ein Publikum eine Musik schätzen lernen, wenn es die Musik nicht mal kennen lernen darf?» Im Publikum fehlte es nicht an Votanten, die SF kreatives Nachdenken über Sendeformate nahelegten – es sei auch nicht alles von den Inhalten abhängig, sondern auch davon, wie man die Inhalte aufbereite. Gerade Jazz sei auch eine visuelle Kunst.

Skurril-Jazz, Fantasiefolklore und Filmmusik

Natürlich gab es in Schaffhausen, neben den Worten, auch viel Musik zu hören. Nach den allabendlichen Podien führte der Weg zwar nicht ins Zürcher Hallenstadion, aber immerhin in die fast durchwegs rappelvolle KammgarnHalle. Gruppen wie die Zürcher KOJ mit ihren kammermusikalischen Tönen zwischen Skurril-Jazz, Fantasiefolklore und Filmmusik; der welsche Saxofonist Nicolas Masson mit weltverlorenen Sphärenklängen; der Altsaxofonist George Robert, für dessen Tentett der amerikanische Star-Arrangeur Jim McNeely eigens ein Programm geschrieben hat – sie alle begeisterten das Publikum.

Jubel löste auch die Basler Jazzsängerin Lisette Spinnler aus. Sie trat in Schaffhausen gewissermassen zur besten Sendezeit auf, nämlich am Samstagabend. Spinnler ist eine Sängerin mit eindrucksvoller Präsenz. Sie gewinnt ihr Publikum vom ersten Takt an. «Das war das Beste bis jetzt», raunte einem ein deutscher Journalist nach Spinnlers Auftritt zu. Und man dachte bei sich, ja, das müsste doch auch was fürs Fernsehen sein.

Erstellt: 11.05.2010, 08:26 Uhr

Lisette Spinnler beim Jazzfestival Schaffhausen. (Bild: Francesca Pfeffer)

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