Der Kassettenmann

Der Zürcher Musiker Björn Magnusson ist Great Black Waters. Nun ist sein eigenwilliges zweites Album da.

Schon fast zwanghaft in Bewegung: Das Multitalent Björn Magnusson. Foto: PD

Schon fast zwanghaft in Bewegung: Das Multitalent Björn Magnusson. Foto: PD

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Still sitzen – er kann es nicht. Der Zürcher Musiker Björn Magnusson turnt lieber auf seinem Stuhl herum. Mal setzt er sich für einige Sekunden hin, nur um dann wieder aufzuspringen, auf den Stuhl zu stehen und dann – in der Hocke kauernd – seine Erzählungen weiterzuführen.

Der 27-jährige Björn Magnusson ist Great Black Waters. Eine musikalische Bastelei mit simplem technischem Equipment, puristisch und feinfühlig. In diesen Tagen erscheint seine zweite Platte «Glow, Sand & Other Songs». Eine Auswahl von dreizehn Songs, analog aufgenommen auf einer alten Bandmaschine in seinem Studio in Brunnen am Vierwaldstättersee. Die erste Platte von Great Black Waters, «Songs For a Bath», erschien 2013. Sie wurde als Geheimtipp gehandelt und zeigte bereits sein breit gefächertes Talent. Was nach mehreren Musikern klingt, war Magnusson alleine: Er spielte alle Instrumente selber ein.

Fehler im System

Bei der neuen Platte hat er nun auch ­andere Musiker in sein Studio geholt. Unter anderen unterstützt ihn Fabian Sigmund alias Fai Baba bei zwei Songs. Magnusson selbst beschreibt die Musik so: «Mehrheitlich sind das simple, kaputte Rocksongs.» Mit durchaus auch sanften Passagen: «Ich hatte diesmal Lust, auch ruhige Sachen zu spielen.»

Die Gitarre ist das dominierende Instrument, während beispielsweise das Schlagzeug minimalistisch eingesetzt wird. Bei der Gitarre zeigt sich auch wieder Magnussons vielfältiges Talent. Er setzt sie stimmig und in einer grossen Bandbreite ein: von verzerrten Klangkonstrukten bis hin zu pointierten Rhythmen. Die Songs werden nicht von starken Melodien getragen, vielmehr definieren sie sich über Stimmung und Atmosphäre. Magnusson entwirft eine Landschaft von amerikanischer Weite. Lange Strassen. Endlose Ebenen. In der Ferne: der Horizont. Aber bevor die Musik zu malerisch wird, entzieht sich ihr Magnusson mit seiner Stimme. Wie ein Vogel fliegt sie über dem Sound und betrachtet ihn von oben.

Für Magnusson ist das analoge Aufnehmen nicht nur ein Stilmittel, das für eine besondere Klangästhetik sorgt. Er will damit auch seinen eigenen Kontrollwahn unterlaufen. «Wenn man mit dem Computer arbeitet, neigt man dazu, Dinge entweder zu löschen oder zu verbessern.» Mit der Bandmaschine ist dies unmöglich. Es sind Fehler oder ungewollte Sachen auf Band. So beginnt der erste Song «Sand» auch mit einem lauten Husten von Magnusson. Er liebt sie, die Unvollkommenheit und Unberechenbarkeit in der Musik. «Ich mag Sachen, bei denen man merkt, dass sie am Auseinanderfallen sind. Und die dann doch irgendwie zusammenhalten.»

Er ist ein Tape-Freak. Manchmal findet er alte Bänder, vor Jahren aufgenommen und zwischenzeitlich vergessen, aber funktionstüchtig: «Die lasse ich dann über meine neuen Stücke laufen. Da entstehen die unvorhergesehensten Sachen.» Unkonventionell soll es sein. Und gerne auch handgemacht. Generell benütze er das Studio sehr intuitiv und spielerisch, wobei Dinge passierten, die nicht passieren sollten. Das Unperfekte. Er provoziert es. Darin liegt auch die Stärke des Albums: Es überzeugt durch die Basteleien, die so wunderschön ineinander aufgehen, als wäre da eben doch eine Bastelanleitung rumgelegen.

Durchdacht undurchdacht

Auch beim Texten seiner Songs sucht er nicht das Fertige und orientiert sich dabei an Schriftstellern. An William S. Burroughs, beispielsweise, der mit der sogenannten Cut-up-Technik das Schreiben revolutionierte. Magnusson nimmt Fragmente von Sätzen und Kritzeleien aus seinem Notizbuch und setzt sie zusammen. Der Song «So Long» beginnt so: «I paint my face / In colors of yesterday’s night, / Unwashed and forgotten, / Heavy rain falls feeding my sorrows.» Die eigentliche Bedeutung entwickelt sich mit der Zeit. «Die Texte machen oft im Nachhinein mehr Sinn als am Anfang», erklärt Magnusson.

Dass er kein Konzept hat, das betont er so sehr, dass es eben doch Konzept hat. Der Junge aus Schwyz, der mit vier Jahren begann, Gitarre zu spielen, halb Schwede und halb Schweizer ist und zurzeit im Wohnzimmer eines Freundes lebt, braucht genau diese Art von Leben für seine künstlerische Entfaltung. Das Unstete. Das Unkonventionelle. Das durchdacht Undurchdachte.

Die Angst vor dem Normalen vermischt sich bei Magnusson mit der Angst vor Repetition. Von manchen Werken existieren vier Versionen. Auch live vermeidet er – wann immer möglich – Wiederholungen. Mal spielt er ein Konzert solo, nur um dann einen Monat später wieder mit Band auf der Bühne zu stehen. «Wenn man Konzerte spielt, ist man sowieso eine Coverband von sich selber, wenn man nicht immer genau das Gleiche machen will.» Das Gleiche machen. Still sitzen. Stillstehen. Das will er nicht. Kann er nicht.

Great Black Waters: Glow, Sand & Other Songs (Irascible); Plattentaufe: 7. 2, 22 Uhr, Helsinki Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2015, 18:27 Uhr

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