Der Mund-Art-Clan

Während die Musikindustrie in sich zusammenfällt, laufen die alten Recken des Mundartrap zur Höchstform auf. 21 Jahre nach ihrer Geburt hat die Kunstform dank Temple of Speed eine neue Phase erreicht.

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Es ist ein Gefühl zwischen Selbstsicherheit, Freude und Ungläubigkeit, mit dem die Protagonisten die Szene betreten. Daniel Bachmann, Künstlername Skor, sieht gar aus wie ein staunender Skitourist: Im Langarmshirt, die Wollmütze schief auf dem Kopf, die Digicam im Anschlag, betritt er am Sonntagmorgen kurz vor halb eins die Bühne des Zürcher Clubs Exil. Was er knipst, ist allerdings kein Alpenpanorama, sondern ein Bild des Zuspruchs: Ein komplett ausverkaufter Club, gefüllt mit johlenden Hip-Hop-Fans aus der ganzen Deutschschweiz. Sie alle sind gekommen, um Temple of Speed zu sehen.

Schon lange hat kein Mundartrap-Projekt mehr solche Euphorie geweckt. Als zum Auftakt die Namen der Beteiligten eingeblendet werden, brandet Jubel auf. Etliche der jungen Besucherinnen und Besucher schneiden das Konzert mit ihren Smartphones mit und rappen die Zeilen nach. Eigentlich durchlebte Mundartrap doch gerade noch eine ausgiebige Durststrecke. Plötzlich sind die altgedienten Künstler, zu denen neben Skor bislang die Schwergewichte E.K.R., Baze, Tinguely dä Chnächt und Kalmoo sowie Produzent und DJ Sterneis gehören, wieder in aller Munde. Was ist da los? Woher rührt die Begeisterung?

In der Form und im Spirit, lautet die Antwort. Mit dem Projekt Temple of Speed haben sich alte Könner ein Gerüst gebaut, um in Form zu bleiben. Oder wieder in Form zu kommen. Ausgehend vom Kernteam, bestehend aus Tinguely dä Chnächt, Sterneis und Skor, entstehen seit Mitte 2011 in unregelmässigen Zeitabständen Tonträger mit jeweils zehn namenlosen Stücken. Zehn solcher Alben sind geplant, mit jedem kommt ein weiterer Protagonist hinzu. Zu erwerben ist das Ganze – Sie erahnen es – für zehn Franken.

Zufallsgeburten und Bierideen

Die Tonträger werden für ein Butterbrot hergestellt und komplett unabhängig vertrieben. Oft werden sie direkt aus den Rucksäcken der Künstler gehandelt. In den Katzenjammer der Musikbranche mögen die selbst ernannten Tempelritter nicht einstimmen. Sie üben sich lieber im Sparring – auf den Beats von Sterneis. Schnell und unkompliziert geht das Ganze: Eine Woche vor dem Aufnahmetermin erhalten die Rapper eine Auswahl von Instrumentalstücken, an zwei Tagen wird aufgenommen. Ohne grosse Selbstzensur, irgendwo zwischen Freestyle und bruchstückhaften Songs.

Am Ende entstehen dichte Soundcollagen – und manchmal auch herrlich launische Rapsongs mit poppigen Refrains (die schönsten Livemomente im Exil sind mitunter jene, in denen die fünf Rapper am Bühnenrand in einer Linie Stellung beziehen und unisono raunen und jaulen). Alles Zufallsgeburten, alles Bierideen. Produzent Sterneis verwebt die Raps dafür mit angedickten Fundstücken aus der Musikwelt und Zitaten aus Filmen, Youtube-Clips, Fernseh- und Radiobeiträgen. Sie sind schlicht gefertigt – alles spielt sich auf vier, fünf Spuren ab –, und doch ungemein stimmungsreich. Mal düster und drängend, stoisch und bedrohlich, mal soulhaltig und leichtbrüstig. Ob sich die Rapper zu einem Stimmungsbild von der Zürcher Langstrasse – inklusive Seitenhieb an die oberflächliche Reportage des Schweizer Fernsehens – oder einem Herzschmerzsong über die Beziehung zu Hip-Hop hinreissen lassen, bestimmt der von ihm gesetzte Ton.

Weckruf für die Szene

Bislang sind vier Tonträger oder vierzig Tracks entstanden. Und sie wirkten wie ein Weckruf für den Rest der Szene. In den letzten Jahren haben sich viele alte Mundartrap-Vertreter entweder in Richtung Crossover und Mainstream oder in die Bedeutungslosigkeit verabschiedet. Viele wissen nicht, wie und wo sie sich positionieren sollen, wie sie Hip-Hop und das Älterwerden in Einklang bringen. Oder sie haben aufgegeben: Wer Hip-Hop macht und nicht Stress oder Bligg heisst, lebt hierzulande von der Hand in den Mund. Wieso soll man da überhaupt noch zum Mikrofon greifen?

Und dann ertönte der Gong: Aus der Hüfte geschossene Raps, fadengerade, konsenslos, direkt. Dazu Wortspiele, kurze Streiflichter auf das Leben in der kleinen Grossstadt, keine lähmenden Konzepte. Und ausserdem begann das Rätseln: Welcher Rapper wird bei der nächsten Ausgabe hinzukommen? Aus welcher Stadt wird er kommen? Wird es irgendwann Konzerte geben (die Show im Exil war die erste überhaupt, laut der Legende hatte sich Tinguely dä Chnächt lange standhaft geweigert)? Wann erscheint die nächste Scheibe? Temple of Speed hat dem Schweizer Rap ein kleines Mysterium geschenkt.

Bienenschwarmartige Energie

Es ist fast wie damals vor zwanzig Jahren in New York, als sich im Stadtteil Staten Island neun Rapper mit ausgeprägten unterschiedlichen Charakteren zusammentaten, deren chaotische, bienenschwarmartige Energie noch heute fasziniert: Die Rede ist vom Wu-Tang Clan. Dieser etablierte eine komplett neue, schummrige Soundästhetik sowie ein kleines Kabinettstück in Sachen Popkultur.

Gut möglich, dass Mundartrap nun an jenem Punkt in der Hip-Hop-Zeitrechnung angekommen ist, an dem die USA zu Beginn der Neunziger waren. Es wäre ein Segen: Dem Aufkommen des Wu-Tang Clan folgten einige der kreativsten und vielseitigsten Jahre der bisherigen Hip-Hop-Geschichte. Es entstand Musik, die trotz ihrer radikalen Eigenständigkeit den Weg in den Mainstream fand. Die Erfahrung vom Samstag könnte darauf hindeuten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.04.2013, 13:33 Uhr

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