Der Punk Gottes

Sie glauben vielleicht nicht an den Herrn, aber bestimmt an den Gospel: Junge Popmusiker wie James Blake, Algiers oder Chance the Rapper entdecken die Kraft der geistlichen Musik.

«Was du brauchst ist ein vierstündiger Messtanz jeden Morgen»: Chance the Rapper mischt Gospel mit versextem Minimal-Funk. Foto: Roger Kisby (Getty Images)

«Was du brauchst ist ein vierstündiger Messtanz jeden Morgen»: Chance the Rapper mischt Gospel mit versextem Minimal-Funk. Foto: Roger Kisby (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Friedhof steht eine Gruppe von Sklaven und schmettert das Lied vom Fluss, der die Toten mitnimmt. Nur einer singt nicht, es ist Solomon Northup. 1841 hat man ihn, den freien, schwarzen Bürger von New York und Liebhaber des europäischen Geigenrepertoires, in den Süden nach Louisiana verschleppt und auf eine Baumwollplantage verkauft. Und jetzt sehen wir auf seinem Gesicht, wie sein Mund sich zu bewegen beginnt, wie er einstimmt in «Roll, Jordan, Roll». Wie sich der neue Sklave ergibt, ist eine der kühnsten Szenen in «12 Years A Slave», in dem Steve McQueen vor drei Jahren die verbürgte Geschichte von Northup für das Kino aufbereitete.

Die Kühnheit liegt in der Ambivalenz des Moments. Der Sklave legt seinen Stolz und seine Kultiviertheit ab und gibt sich einem Spiritual hin, einer religiösen Hymne, die er in seinem alten Leben zweifellos als rückständig empfunden hätte. Doch gleichzeitig zeigt McQueen in dieser Szene, wie aus diesen schwarzen Zwangsarbeitern eine Gemeinschaft wird. Tatsächlich haben viele Autoren in der – oft heimlich – gospelnden Gruppe von Sklaven die Urzelle der afroamerikanischen Community erkannt, den verstohlenen Anfang einer Selbstermächtigung, ja den Anfang von «Soul», wie W. E. B. Du Bois bereits 1903 in «The Souls of Black Folks» geschrieben hat.

Es lagen im Gospel immer nur Nuancen zwischen einer reaktionären und revolutionären Lesart. In der Kirche gesungen, erzählt «We Shall Overcome» von der Freiheit, die erst im Himmel wartet; auf der Strasse wurde das Lied zur Bürgerrechtshymne. Und Ray Charles ersetzte in «A Little Light of Mine» nur ein Wort – «Licht» durch «Mädchen» –, und schon hatte er den Soul erfunden, eine Tanzmusik, welche die Sechzigerjahre und die Black-Power-Bewegung prägen sollte. Wie im Gospel, allein mit diesen ältlichen «Sorrow Songs» (Du Bois) und der rhythmischen und expressiven Wucht westafrikanischer Gesangstradition, eine eigene afroamerikanische Kultur gefeiert wurde: Daraus zieht Soul, daraus ziehen aber auch Funk und Hip-Hop grosse Teile ihres emanzipatorischen Furors.

Dass das immer noch funktioniert, zeigt derzeit ein junger Protégé von Kanye West, der wie dieser aus Chicago stammt und sich Chance the Rapper nennt. Der 23-jährige Chancelor Bennett hat mit «Coloring Book» eben sein drittes Album veröffentlicht, wie immer gratis im Internet, aber erstmals über die Streamingdienste. Den Plattenfirmen, die ihn seit Jahren mit unterschriftsbereiten Verträgen locken, droht er in «No Problem» an, seine «Niggas» vorbeizuschicken. Und in «Blessings» sagt er auch warum: «Sie wollen vierminütige Songs / Aber was du brauchst / Ist ein vierstündiger Messtanz jeden Morgen.»

Chance The Rapper: No Problem. Video: Chance The Rapper (Youtube)

Immer wieder «Are you ready?»

Wieder mal soll da also die afroamerikanische Musik aus den Fesseln der weiss dominierten Plattenindustrie befreit werden. Da trifft es sich gut, dass «Blessings» tatsächlich klingt, als zähle es eine Messe ein, eine kollektive Feier des Lebens und eines Gottes, der den Menschen zwei Hüften gegeben hat zum Tanzen und so weiter. Also denkt Chance the Rapper hier Chorgesänge im Gospelschema von Ruf und Antwort umstandslos mit dem versexten Minimal-Funk von Prince zusammen; sodass man nicht mehr sagen könnte, welcher Art die «Segnungen» sind, die gepriesen seien, und wofür man sich bitte schön bereit machen soll, wenn es immer wieder heisst: «Are you ready?»

Chance The Rapper: Blessings. Video: Patiino 47 (Youtube)

Wie Kanye West ist auch Chance the Rapper ein gläubiger Christ, und seine neue Musik ist getränkt im Gospel. Ein Gospelalbum ist «Coloring Book» allerdings nicht, was man schon daran erkennt, dass als Gast für «How Great», einen weiteren expliziten Lobgesang auf den Herrn, mit Jay Electronica ein bekanntes Mitglied von Nation of Islam aufgeboten wurde. Diese Musik ist vielmehr ein Beispiel dafür, wie Gospel in den letzten Jahren in die Popmusik zurückgekehrt ist: nicht als heiliger Geist, der eine von Geld und Gottlosigkeit besudelte Szene heimsucht, sondern als Erzählelement, das sich mit Chören, Orgeln und donnerkeilenden Klavieren heranzitieren lässt. James Blake etwa zieht über einem Grundgemäuer aus Gospel seinen Clubsoul auf, einen Sakralraum für eine solitäre Stimme, die via Autotune nur noch zu sich selber spricht.

Bei Frank Ocean, The Weeknd oder, ja, auch bei Kanye West haben wir gehört, wie eine Black Music ohne Gospel klingt, eine schwarze Nachtmusik, die keine Aussicht mehr hat auf ihre Läuterung in der Morgenmesse: Auf ihren Platten singen zutiefst einsame und deprimierte Stimmen, die den Anschluss an die Community verloren haben. Auf «The Life of Pablo» rang Kanye West kürzlich um seinen Platz in seiner Familie, in der Rapgemeinde und im schwarzen Amerika. In «Ultralight Beam» war der Gospel dann zurück in seiner Musik: Die Beats schlagen wie ans verriegelte Kirchentor, und das Gebet fällt auf den Rapper zurück: «Gib uns Klarheit / Gib uns Frieden / Gib uns Liebe.» Es war ein «Sorrow Song» von hier und heute.

Kanye West: Ultralight Beam. Video: Papi Chulo Sachi (Youtube)

Vielleicht war die Zeit einfach reif für einen neuen Gospelsound, am Ende von Barack Obamas doch eher enttäuschender Präsidentschaft. Die Polizeigewalt gegen Schwarze in Ferguson oder Baltimore hat die Bürgerrechtler zu Zehntausenden auf die Strasse gebracht; die Diskriminierung, welche die teilprivatisierte Gefängnisbranche in den USA beherrscht, brachte immer wieder den Vergleich auf mit der Sklaverei. Selbst ein junger Filou wie Chance the Rapper, der auf seinen früheren Platten am liebsten über Schuleschwänzen, Kiffen und Brandlöcher im Hoodie erzählte, wird in «Blessings» deutlich: «Jesus’ black life don’t matter», rappt er in Anspielung auf die derzeit wuchtigste Bürgerrechtsbewegung im schwarzen Amerika.

Dass ein schwarzer Jesus im Bible Belt gute Chancen hätte, erschossen zu werden, würden wohl auch Algiers unterschreiben. Das Trio stammt aus Atlanta im Süden der USA, lebt aber inzwischen in New York und London und tritt am Montag in Zürich auf. Es kombiniert auf seinem einzigen Album fiebrige Gospelgesänge mit brachialen Beats und Punkgitarren; die Musik klingt wie ein Kurzschluss, wie eine heftige Entladung der gesammelten Energien aus der Kirche, dem Club und von der Strasse. «Viele Freunde von mir sind nur Atheisten, weil die Musik so schlecht ist, die sie aus der Kirche kennen», sagt der schwarze Sänger der Band, Franklin James Fisher.

Algiers: Irony. Utility. Pretext. Video: AlgiersMusics Channel (Youtube)

Die Welt braucht neue Messen

Im apokalyptischen Donnern des Gospels hören er und seine zwei weissen Mitmusiker, wie sie gesagt haben, ein Echo auf unsere heutige Zeit – auf die Apathie und Zukunftslosigkeit vieler ihrer Jugendfreunde, aber auch auf eine Gemeinschaftlichkeit, die in den neoliberalen Jahren zerbrochen sei. Im Video zu «Blood» zeigen sie zerstückeltes Footage aus dem Bürgerrechtskampf und der Rockgeschichte. Die brennende Intensität ihrer Musik und Texte dient also durchaus der Agitation, ganz im Sinne von Chance the Rapper: Was die Welt braucht, das sind keine neuen Lieder, sondern neue Messen.

«Das Schlimmste ist», zitieren Algiers den Philosophen Sören Kierkegaard im Video zu «Irony. Utility. Pretext.», «sich an eine Zukunft zu erinnern, die man nie haben wird.» Es ist, als hätten sie Solomon Northup ins Gesicht gesehen. Und dann in sein Lied eingestimmt.

Chance the Rapper: Coloring Book; Algiers: dto. (Matador / MV); Konzert: 7. 6., Bogen F, Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2016, 19:17 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Blog Mag Facetime überall?

Mamablog Bye, mein Grosser

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Auf Abfall gebettet: Ein Arbeiter einer Wertstoffdeponie in Peschawar, Pakistan, ruht sich auf einem riesigen Berg Plastikmüll aus. (17. August 2017)
(Bild: Fayaz Aziz) Mehr...