Der Sänger, die Fiedel und das Heroin

Ein Amerika aus Folk und Blues, Country und Bluegrass: Steve Earle, Emmylou Harris und Alison Krauss werden auf ihren neuen Platten vor einer rustikalen Klangtapete aber auch ganz politisch und persönlich.

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Er trägt seit ein paar Jahren einen Prophetenbart, vielleicht will er damit seine drohende Glatze kompensieren. Aber der Bart passt zu ihm. Denn Steve Earle, der linke Songschreiber aus Texas, hat es gerne mit den Letzten Dingen. Er provoziert, deklamiert und predigt. Die Rechte hasst ihn für seine Kritik an allem Republikanischen – manchen Linken kommt er besserwisserisch vor, wie ein Slogansänger.

Beide Seiten werden sich durch den grosssprecherischen Kommentar bestätigt sehen, mit dem der 56-Jährige seine neue Platte ankündigt: Sie handle von «Hank Williams und Heroin, also von der Sterblichkeit», sagt er. Williams und Heroin sind Earle gleichermassen vertraut, und sie spielen auch in seinem ersten, grellen Roman eine bestimmende Rolle, der so heisst wie Williams’ letzter Song und Earles neues Album: «I’ ll Never Get Out of this World Alive». Der Roman erscheint nächste Woche; das erste, im Internet veröffentlichte Kapitel macht eindrücklich vor, wie gut sich der Autor mit der Drogenszene und der Sucht auskennt. Das Album klingt eher melancholisch als verzweifelt: ein schönes, erstaunlich ruhiges Album für einen Sänger, der so wütend werden kann.

Fiedeln für New Orleans

Auf vielen Stücken setzt Steve Earle auf Instrumente, die auch Hank Williams gefallen hätten – etwa Fiedel und Steelgitarre. Dabei geholfen hat ihm T-Bone Burnett – als Produzent sehr gefragt, wenn es darum geht, neue Songs wie ganz alte klingen zu lassen, aber ohne Kitsch und Nostalgie. Dennoch hat Earle nur teilweise recht mit seiner Einschätzung, seine neue Platte sei stark von der Country-Musik inspiriert. Denn Earle und Burnett, die beiden Texaner, sind auch Eklektiker, und sie haben sich noch nie um Kategorien geschert.

Das Album, von Burnett wie immer klar konturiert und schwebend leicht produziert und in warmen, natürlichen Klängen gehalten, hat Nashville, Tennessee, ebenso viel zu verdanken wie New Orleans, Louisiana, oder Clarksdale, Mississippi. Es kombiniert die Sehnsucht der Country-Musik mit der Trauer des Blues und verortet beide immer wieder in New Orleans, der versehrten Stadt und Heimat der amerikanischen Musik.

Gleich drei der elf neuen Stücke beziehen sich auf die Stadt, darunter das bewegende «The City», in dem Earle singend verspricht, dass «diese Stadt nicht weggespült werden wird». In einfachen, starken Bildern evoziert er die Musik von New Orleans, das Wasser, die Marmorgräber, die Quartiere, die Menschen. Steve Earle singt sein Lied auch in «Treme», der exzellenten Fernsehserie über die Stadt, in der er eine Nebenrolle hat. Das Schlimmste sei nicht, was New Orleans passiert sei, sagt er in Anspielung auf den Hurrikan und die Ölpest: «Das Schlimmste ist, wie Amerika darauf reagiert hat»: Es habe die Stadt vergessen, der es so viel verdanke.

Der tote Freund

Was Hank Williams für Steve Earle bedeutet, bleibt Gram Parsons für Emmylou Harris: eine dauernde Inspiration. Auch Parsons starb früh den Drogentod, und auch er hat einen grossen Einfluss auf das Genre, indem er es zum Country-Rock ausweitete und Gruppen wie die Byrds und vor allem die Rolling Stones inspirierte. Im Unterschied zu Hank Williams, einem Begründer des Country, war Gram Parsons ein Zeitgenosse: Emmylou Harris hat mit ihm zusammen musiziert. Er war ihre Inspiration, sie seine Stütze.

Auf ihrem neuen, vor allem selbst geschriebenen Album «Hard Bargain» spielt sie wiederholt auf Parsons an, vor allem in «The Road». Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich singend an ihn erinnert, aber so deutlich hat sie ihrem toten Freund noch nie ihre Liebe erklärt. Wie Emmylou Harris die unterschiedlichsten Stile subtil ineinanderlaufen lässt, hätte ihm gefallen. Geschmackssicher hält sie die Stücke mit ihrem schmucklosen Gesang zusammen: Sie singt sie ernst und elegisch zugleich.

Gesanglich ebenbürtig, aber für einmal nicht ganz so überzeugend musiziert Alison Krauss mit ihrer Band Union Station. «Paper Airplane», das neue Album der Bluegrass-Sängerin, ist das erste seit ihrer gefeierten Zusammenarbeit mit Robert Plant, dem ehemaligen Sänger von Led Zeppelin. Was die beiden mithilfe von Produzent T-Bone Burnett auf «Raising Sand» schafften, nämlich die Fremdkompositionen gefühlvoll und zugleich elegant aufzuführen, gelingt Krauss diesmal nur zum Teil. Die 26-fache Grammy-Gewinnerin singt hier einfach zu schön, zu makellos rein. Das funktioniert bei einem so ergreifenden Lied wie «Dimming of the Day» von Richard Thompson, bringt einzelne Songs aber um ihre Spannung. Dan Tyminski, der Zweitsänger der Band, macht der Chefin wiederholt vor, was ihr hier etwas abgeht: die musikalischen Traditionen zu beleben, statt sie bloss zu zitieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2011, 16:49 Uhr

Neue Platten

Steve Earle: I’ll Never Get Out of this World Alive (New West Records)
Emmylou Harris: Hard Bargain (Nonesuch/Warner)
Alison Krauss & Union Station: Paper Airplane (Rounder/Universal)

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