Der Schweizer Blues-Professor in den USA

1982 hat Wale Liniger Bern verlassen, heute ist er Blues-Professor in den USA. Was er lehrt, weiss er selbst nicht so genau. Dafür, was er von seinen Studenten will.

«Ich habe im Moment ein Riesenpuff»: Wale Liniger.

«Ich habe im Moment ein Riesenpuff»: Wale Liniger. Bild: bluesprof.com

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Wale Liniger öffnet die Tür, grüsst, dann fängt er an zu schimpfen. Sie haben ihn geblitzt letztes Wochenende. 140 auf der Autobahn, vielleicht auch 150. Er habe einer brenzligen Situation ausweichen wollen. Aber das interessiere den Staat natürlich nicht. Der wolle seine Bürger ohnehin nur ausnehmen.

Wird man so, wenn man 28 Jahre in den USA war, so verwildert? Keine Zeit nachzudenken. Wale Liniger, 61, springt die Treppe hoch, zwei Stufen aufs Mal. Später sagt er, er sei kein «Lone Wolf», kein einsamer Wolf, eher eine «Lone Meersau». Halb glaubt man ihm.

Sie arbeiten seit 1993 als Blues-Professor an der University of South Carolina. Was ist Ihre Aufgabe?
Das weiss ich eigentlich auch nicht. Ich kann machen, was ich will.

Klingt gut. Gibt es dafür einen Lehrstuhl?
Ja, aber Sie dürfen sich vom Wort Professor nicht blenden lassen. In den USA bedeutet es nicht dasselbe wie hier. Ich verdiene schlechter als ein Primarlehrer. Ich habe keinen Titel, meine Stelle an der Uni wird immer nur für neun Monate erneuert. Wenn die Studenten sagen, mein Unterricht sei eine Zeitverschwendung, bin ich ganz schnell weg. Bis heute ist das nicht der Fall. Meine Kurse sind immer ausgebucht.

Anders gefragt: Welchen Stoff nehmen Sie ins Schulzimmer?
Zu Beginn habe ich wirklich Blues gelehrt, habe einen Haufen Musikbücher gelesen und dann mit den Studenten darüber diskutiert. Nach einigen Jahren habe ich gemerkt, dass das nichts bringt. Also habe ich begonnen, mit meinen Studenten darüber zu sprechen, was ihr Blues ist, der Blues eines heute Zwanzigjährigen.

Ein Beispiel . . .
Gewisse Dinge verändern sich nie: Beziehungskisten, auch das schlechte Gewissen, wenn man zu viel säuft oder kifft. Andere Sachen sind neu für mich: Die Angst, keine Stelle zu finden, die gab es in meiner Jugend nicht. Oder das Problem, dass es in unserer Gesellschaft zwar immer mehr Optionen gibt, aber immer weniger Freiheit. Man muss sich das mal vorstellen: Wenn meine Studenten den Bachelor-Abschluss machen, haben sie 50 000 Dollar Schulden, einen Job kriegen sie aber nicht. Aus Mangel an Alternativen schreiben sie sich ein für den Master, obwohl sie das gar nicht wollen. Da sitzen sie dann und sind angeschissen. Darüber reden wir.

Sie sind der Professor, der mit seinen Studenten im Schatten einer Eiche sitzt und diskutiert?
Ja. Ich stehe vorne, spiele ein paar Takte auf meiner Mundharmonika, dann reden wir, dann spiele ich wieder. Was ein Student bei mir lernt in vier Monaten Blueskurs – ich weiss es nicht. Aber ich garantiere jedem Studenten, dass er etwas lernt. Und zwar über sich selbst.

Müssen Sie auch Noten geben?
Ja, aber bei einem Aufsatz schaue ich nicht auf die Sprache. Wenn ich Creative Writing unterrichten würde, müsste ich das schon tun. Ich aber unterrichte Blues. Ich will von meinen Studenten eine Reaktion, die aus dem Bauch kommt.

Ist das der Blues: die Reaktion aus dem Bauch heraus?
Ja. Wenn man alles weglässt, was definiert ist – den Beat, die Struktur, die Stufen – kommt man auf die Essenz des Blues, die Story. Es gibt viele Schriftsteller, die nichts anderes machen als Blues. Albert Camus zum Beispiel, das ist doch voll Blues. Auch wenn die Leute das als Existenzialismus bezeichnen. Ich sage meinen Studenten immer: Hört auf, diese Wörter zu glauben! Es gibt nicht nur ein Wort, das richtig ist! Wenn ihr ein anderes Wort habt, dann braucht es. Vielleicht müsst ihr es erklären, aber dann habt ihr eine Story und keine Formel. Genau darum geht es.

Sie sind Berner, haben nie auf einer Baumwollplantage gearbeitet. Jetzt erklären Sie der Südstaatenjugend den Blues. Ist das nicht ein bisschen bizarr?
Meine Studenten haben keinen Bezug mehr zu den Cotton-Fields. Überhaupt muss man saumässig aufpassen: Es gibt nicht den richtigen Weg, es gibt auch nicht den richtigen Blues. Man darf Tradition nicht missbrauchen, um Exklusivität herzustellen. Wenn man immer die Hautfarbe und das Erlebnis auf der Plantage verlangt, dann ist der Blues schon lange vorbei. Als Lehrer musst du den Mut haben, dieses Ding aus der Vergangenheit herauszuholen. Das Baumwollfeld ist eine Metapher. Früher waren es die Plantagen, heute sind es Computer-Terminals. Oder 500 Bewerbungen für eine einzige Arbeitsstelle. Nimm das von der Vergangenheit mit, was du begreifst. Und vergiss den Rest.

Was ist Ihr persönlicher Blues?
In gewisser Weise geht es mir wie den Schwarzen damals. Ich lebe in den USA, mein Zuhause ist aber die Schweiz. Es gibt diesen Bruch in mir. Und die Schwierigkeiten nehmen eher noch zu.

Sie nehmen zu?
Ja, ich habe im Moment ein Riesenpuff. Mit den USA und mit der Schweiz. Ich merke gerade, dass ich 25 Jahre lang nur ein Betrachter war in Amerika, ein Tourist. Es schmerzt, das zu erkennen. Die ganzen Jahre: Standing on the Sideline.

Und mit der Schweiz?
Das ist kompliziert. Du kommst zurück und merkst, dass du dich die ganze Zeit, die ganzen 25 Jahre auf etwas verlassen hast, das es nicht mehr gibt. Alles hat sich so stark verändert, dass du es nicht mehr erkennst. Und du erkennst Dich selbst nicht mehr darin. Das ist ein Teil meines Blues: Die Sachen in meinem Leben haben sich verschoben, die Ordnung ist weg.

Was fällt Ihnen auf an der Schweiz?
Ich habe das Gefühl, dass es immer enger wird. Ich kriege Atemnot.

In den USA fühlen Sie sich weniger eingeengt?
Ja, die Distanz zwischen den Menschen ist grösser.

Sind Sie ein Lone Wolf?
Ein Eigenbrötler bin ich schon. Ich wäre auch gerne ein Wolf, bin aber keiner. Eher eine Lone Meersau.

Bereuen Sie es, ausgewandert zu sein?
Nein.

Vermissen Sie es, eine Heimat zu haben?
Irgendwie schon. Ich habe lange geglaubt, meine Heimat sei die Länggasse. Immerhin verbrachte ich dort meine Kindheit. Vor einigen Jahren ging ich wieder ins Quartier. Ich habe fast nichts wiedererkannt. Die Häuser waren zugesperrt. Nur ein paar Bäume standen noch. Und das Loch im Asphalt, in das wir früher unsere Murmeln spielten, war auch noch da. Sonst nichts.

Es heisst, Sie hätten die Schweiz 1982 verlassen, um den Blues zu suchen. Nun haben Sie ihn gefunden.
Ich will keine Fiktion darum aufbauen. Wenn ich ehrlich bin, weiss ich bis heute nicht, warum ich gegangen bin. Früher habe ich manchmal Dinge erzählt, Gründe für meinen Abschied genannt. Aber das waren immer nur Bruchstücke. Vielleicht ist es ein Geheimnis, das ich nie verstehen werde.

Stört Sie das?
Nein, im Gegenteil.

Warum?
Es muss doch im Leben noch Mysterien und Überraschungen geben.

Das müssen Sie erklären.
Manchmal schenke ich meinen Studenten die Lektion. Meine Bedingungen: kein Handy und alle bleiben im Klassenzimmer. Ich will testen, wie sie damit umgehen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ich will, dass persönliche Kontakte stattfinden. Wenn ich sehe, wie meine Studenten sonst immer herumrennen, von morgens bis abends mit dem Rucksack, den Finger immer am Handy – Tack! Tack! Tack! Noch vor zehn Jahren war mein Büro ständig voll mit Studenten. Wir haben geplaudert und zusammen gejammt, einige meiner besten Sessions haben da stattgefunden. Diese Studenten hatten Zeit. Heute kommt fast keiner mehr.

Wale Liniger, 61, ist in Bern aufgewachsen. Nach der Ausbildung zum Sekundarlehrer unterrichtete er acht Jahre in Kehrsatz. 1982 reiste er durch die USA und blieb hängen. Nach einem Brotjob im Blues Archive von Mississippi erhielt er 1993 einen Lehrauftrag an der University of South Carolina. Wale Liniger hat als Musiker diverse Alben veröffentlicht. Im Rahmen der Ausstellung «BernNewBern» berichtet Liniger morgen Sonntag, 25. April, um 12 Uhr im Historischen Museum von seiner Auswanderung. (len) (Der Bund)

Erstellt: 24.04.2010, 18:41 Uhr

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