Der Unendlichkeit entgegen

Eine Reise durch die neuere Ballettgeschichte: Das Opernhaus nimmt drei Abende wieder auf, deren letzte Aufführungen schon lange zurückliegen.

Tanz im unerbittlichen Rhythmus der Trommeln: «Falling Angels» zur Musik von Steve Reich. Foto: Gregory Batardon

Tanz im unerbittlichen Rhythmus der Trommeln: «Falling Angels» zur Musik von Steve Reich. Foto: Gregory Batardon

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Der neue Ballettabend am Opernhaus gibt sich bescheiden als «Wiederaufnahme», dabei war George Balanchines Choreografie zu «The Four Temperaments» von Paul Hindemith letztmals 1977 in Zürich zu sehen. Da stand noch keiner der Tänzer des jetzigen Ensembles auf der Bühne. Etwas grösser wären die Chancen bei den «Frank Bridge ­Variations» von Hans van Manen und bei «Falling Angels» von Jiři Kylián, die beide noch vor fünf Jahren in Zürich ­gezeigt wurden.

Aber auch so ist klar, dass die drei Choreografien dieses Abends komplett neu einstudiert werden mussten. Und dies nicht nur vom Zürcher Ballett, sondern auch von der Philharmonia Zürich unter der Leitung von Mikhail Agrest. Der hohe Stellenwert der Musik ist denn auch die alles verbindende Gemeinsamkeit dieser drei sehr unterschiedlichen Choreografien, die in ihrer Zusammenstellung daherkommen wie ein Lehrgang in Tanzgeschichte. Der in drei Schritten aufzeigt, wie sich das Ballett im Laufe des 20. Jahrhunderts aus ­seinem klassischen Korsett herauszuschälen begann.

Die Ellbogen gespitzt

So bediente sich der 1904 geborene ­Georgi Balantschiwadse, der als George Balanchine zur legendären Leitfigur des American Ballets und später des New York City Ballets wurde, grundsätzlich immer noch des gleichen Vokabulars wie Marius Petipa in den grossen klassischen Balletten des Jahrhunderts zuvor. Doch bei Balanchine, dem grossen Wegbereiter des neoklassischen Balletts, ragen die Arme nicht mehr sanft gerundet, sondern mit spitzen Ellbogen fordernd nach oben, und die Füsse, die immer noch in Spitzenschuhen stecken, zeigen in den Pirouetten auch mal keck nach aussen. Die Schwerpunkte verlagern sich mit der Fliehkraft, sodass die ­Körper sich der Unendlichkeit entgegenbiegen.

Die Tutus von einst sind in «The Four Temperaments» (Uraufführung 1946) strenger Trainingskleidung in Schwarz und Weiss gewichen, in der die klare Geometrie der Bewegungen umso deutlicher hervortritt. Paul Hindemith, der die Musik eigens für Balanchine und das Ballett komponiert hatte und auch nicht wollte, dass sie je konzertant aufgeführt würde, beginnt mit drei musikalischen Grundthemen, die von drei Paaren ­tänzerisch interpretiert und den vier ­antik-medizinischen Charaktertypen vorangestellt werden.

Dann begleitet das anfangs verzagt klingende, später quirlige und schliesslich immer dramatischer anschwellende Orchester die vier Tänzergruppen um Eric Christison (den Melancholiker), Viktorina Kapitanova und Denis Vieira (die Sanguiniker), Manuel Renard (den Phlegmatischen) und Katja Wünsche (die Cholerische) zum Finale, bei dem schliesslich alle wieder auf der Bühne stehen. Jeder Schritt, jede Bewegung, jede Geste, jede Pause auch, entspricht bei Balanchine einem Ton.

Mit den Ohren sehen

Nicht zuletzt aufgrund der strahlenden Interpretation durch Kateryna Tereshchenko (Klavier) und die hochemotionalen Streicher der Philharmonia Zürich wird in dieser Choreografie die Musik sichtbar. Genau so, wie es der 1932 geborene Hans van Manen einst gefordert hat: «Ein Ballett ist gut, wenn man es mit den Ohren sehen und den Augen hören kann.» Von ihm stammt das zweite Stück des Abends, die 2005 uraufgeführten «Frank Bridge Variations» zur Musik von Benjamin Britten. Wie bereits in der ­Zürcher Erstaufführung vor fünf Jahren tragen die Tänzer hautenge Ganzkörper­anzüge, olivgrün und schwarz changierend die Männer, in dunkelstem Rot die Frauen.

Doch was 2010 noch knisterte vor Erotik, wirkt in der Wiederaufnahme statisch und steril: Da begegnen sich die Paare, als hätten sie sich nichts zu sagen, nie etwas zu sagen gehabt. Van Manen, dieser «Mondrian des Tanzes», der ­George Balanchine immer sein grosses Vorbild nannte, «auch wenn das, was ich tue, nicht wie Balanchine aussieht»: Er befasste sich in dieser Choreografie doch mit der ganzen Skala der Emotionen in den dargestellten Beziehungsmustern! Es ginge also um sehnsuchtsvolles Liebeswerben, um Ablehnung, brodelnden Zorn oder auch erfüllte Liebe. Hier aber kommen sie technisch brillant und synchron, aber auch blutleer auf die Bühne. Dafür hat man Zeit, in Van Manens grandios simpler Formensprache neue Aspekte zu ent­decken. Zum Beispiel im Trauermarsch, in dem die Tänzer in wechselnden ­Formationen über die Bühne schreiten wie willenlose Geschöpfe: Soldaten oder die Roboter der nahenden Zukunft.

Chronologisch nicht ganz perfekt – die Uraufführung von «Falling Angels» war 1989, ganze 16 Jahre vor Van Manens «Variations» –, aber stilistisch absolut passend, folgt mit dem 1947 geborenen Jiři Kylián der jüngste, freieste und ­humorvollste Erneuerer des Abends.

Die individuellen Ausbrüche

Seine musikalisch-tänzerische Parforce-Tour zu Steve Reichs «Drumming, Part 1» lässt nicht nur das Publikum atemlos ­zurück: Acht Frauen tanzen pausenlos zum konstanten Trommeln von vier Bongos (virtuos gespielt von Hans-Peter Achberger, Didier Chevallier, Michael Guntern und Dominic Herrmann), ­deren Rhythmen sich langsam gegeneinander verschieben.

Wie ein kompliziert gewobener Teppich überlagern sich Töne und Bewegungen; und wie Webfehler, die einen Stoff erst einzigartig machen, erobern sich die Tänzerinnen individuelle Ausbrüche in kleinen Solos. Mal witzig, mal verzweifelt, doch immer vom unerbittlichen Rhythmus der Allgemeinheit gejagt. Das Publikum war begeistert: Standing Ovations.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2015, 19:14 Uhr

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