Der amerikanische Dämon

Er wollte einen Schwarzen töten, aber da war ihm schon jemand zuvorgekommen: Auf seinem neuen Meisterwerk rappt Kendrick Lamar über die USA nach den Todesschüssen von Ferguson.

Kendrick Lamar ist die neue Stimme des schmerzhaften Selbstbewusstseins der Schwarzen. Foto: Christian San Jose (Universal Music)

Kendrick Lamar ist die neue Stimme des schmerzhaften Selbstbewusstseins der Schwarzen. Foto: Christian San Jose (Universal Music)

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Falls Sie nun auf der Strasse jemandem begegnen, der vor sich hin singt, jeder Nigger sei ein Star, so bleiben Sie ruhig: Es wird sich weder um einen Fall von negativem noch positivem Rassismus handeln, sondern um einen vermutlich harmlosen Hip-Hop-Fan, der sich das neue Album von Kendrick Lamar angehört hat. Mit einem Sample aus «Every Nigger is a Star», einem Soul-Singalong von 1973, eröffnet der 27-jährige Rapper aus Los Angeles sein zweites Album. Und so verfänglich wie seine erste Zeile bleibt «To Pimp a Butterfly» über die ganzen 80 Minuten und, grob geschätzt, eineinhalbtausend Textzeilen.

Was aus diesem Hip-Hop-Moloch sich zuerst in die Ohren brennt, das sind keine dieser Slogans, mit denen die Black Music ihre Hörer aufzurütteln pflegt. Es gibt hier kein «Say it loud, I’m black and I’m proud» wie bei James Brown, kein «Fight the Power» wie bei Public Enemy, und noch nicht einmal die Schwundstufe der Selbstermächtigung, die Pharrell Williams vor zwei Sommern mit «Happy» einpeitschte. Die Punchlines, die Kendrick Lamar setzt, sie sind vergiftet. «Lovin’ you is complicated», summt man mit, und das ist noch die süsseste Variante der Verwirrung, die das Album anzubieten hat. An anderer Stelle ist es ein obszöner Merksatz wie «The blacker the berry, the sweeter the juice», der sich festsetzt, oder gleich: «This dick ain’t free!»

Schwarz und gefährlich

Das ist, einerseits, normal explizite Rapsprache. Da schwingen, andererseits, so viele sexuelle und rassische Stereotype mit, dass sie nicht zu überhören sind. Dreimal wiederholt Lamar im Refrain den Aberglauben von der schwärzesten Beere, die den süssesten Saft gibt. Und lässt das sexuell geladene Wortspiel in der letzten Zeile in die afroamerikanische Realität zum Beispiel in Ferguson kippen: «The blacker the berry, the bigger I shoot.» Je schwärzer, umso gefährlicher der Mann: Kendrick Lamar spiegelt den Blick jenes weissen Polizisten, der im vergangenen Sommer auf den Strassen der Kleinstadt in Missouri den Teenager Michael Brown erschoss, weil er sich von ihm wie von einem «Dämon» bedroht fühlte, wie er aussagte.

«To Pimp a Butterfly» ist ein meisterhafter Bericht über die Verstörung, die mit den Ereignissen in Ferguson – und ähnlichen polizeilichen Übergriffen in New York und Cleveland – über die USA und ihre afroamerikanische Community gekommen ist. «Hit me!», klemmt ­George Clinton als Gastsänger das Säuseln von «Every Nigger Is a Star» ab; und das ist eine frühe, besonders bittere Pointe über das schwarze Amerika, das zwar mit Barack Obama den amtierenden Präsidenten und mit Beyoncé, Jay-Z oder Kanye West die grössten und glamourösesten Stars des Landes hervorgebracht hat, das am Ende aber doch wieder auf dem Asphalt liegt, weiss mit Kreide umrandet, wie D’Angelo auf seinem neuen Album gesungen hat.

Der Todesschuss und die folgenden Proteste in Ferguson haben die Black Music tatsächlich auf eine Weise politisiert, wie es lange nicht mehr der Fall war; gerade auch, weil Obama darüber als «Sachverhalte» sprach, «die zu häufig das Gefühl erwecken, dass das Gesetz auf eine diskriminierende Weise angewendet werde». Dead Prez rappte, der Präsident verkörpere «weisse Macht mit einem schwarzen Gesicht», und machte Obama damit den hässlichsten Vorwurf, dem man einem Afroamerikaner machen kann – den der Minstrelsy. Ähnlich Earl Sweatshirt, der auf seiner neuen Single «Grief» tief in die Metaphorik des alten, von der Rassentrennung unterfutterten Blues greift, wenn er reimt: «Fishy niggas stick to eating off of hooks / But we see you getting cooked, nigga.»

Die Musik dazu ist nicht viel mehr als ein Brummen und Kirren, wie eine zerschossene und eilig zusammengewischte Black Music. «Ihr Zirkusnigger», bellt Sweatshirt seinen illustren Rapkollegen zu, «ihr habt euch in eure Tricks verwandelt.» Auch ihm erscheint der fett gepimpte Rap und Rhythm & Blues des Mainstreams angesichts der Schlagzeilen offenbar wie eine Rückkehr der Minstrelshow, und man darf gespannt sein auf sein neues Album, das schon im Titel auf Ferguson anzuspielen scheint: «I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside» wird nächste Woche erwartet.

Das Ich sind wir

Kendrick Lamar ist also nicht allein, wenn er die Nachrichtenlage mit den alten Traumata des schwarzen Amerika abgleicht. In Tagen, da Hollywood mit Filmen über Martin Luther King oder James Brown an dessen Helden erinnert, feiert er die Black Music im brillanten Flow dieses Albums, in dem Bop, Blues, Soul und Hip-Hop funkelnd in den retrofuturistischen Soundflächen eines elektronisch zerstäubten Freejazz aufgehen. Nichts läge Lamar aber ferner, als dem strukturellen Rassismus in den USA – sichtbar in Polizeistatistiken, im Wohlstandsgefälle oder in der Wahlkreispolitik – eine alte oder neue Black Power entgegenzustellen. Das Album ist politisch, aber seine Erzählweise ist es nicht.

Anders als seine Kollegen bezieht Kendrick Lamar nicht die naheliegende Position. Er lässt sein rappendes Erzähler-Ich vielmehr durch einen Spiegelsaal aus Positionen und Perspektiven taumeln. Seine Stimme kippt ständig, klingt selbstbewusst, dann sarkastisch. Hysterisch, dann einfach nur tief traurig. Das ist ein «stream of consciousness», in dem ständig das Register wechselt und die Rollen vertauscht werden. Nie wird klar, wer das «I» ist und wer das «You». Es gibt einen Kendrick und eine Lucy. Es gibt die Homies des Rappers, die einmal sogar im Weissen Haus feiern, und es gibt Barack Obama. Es gibt Gott, den Teufel und die afroamerikanische Gesellschaft. Und wer ist nun gemeint, wenn es so simpel heisst: «Lovin’ you is complicated»? Die Frau? Der Präsident? Die Community? Oder doch der Rapper selber? Irgendwann schwirrt der Kopf ob all dieser gerade und direkt geführten Raps, die kein Wort verplempern und doch nur Widersprüche erzeugen. Und man realisiert: Es ist jeder Einzelne, und es sind alle miteinander.

Um dieses schizoide Ich entwickeln sich lose Erzählstränge über einen Mann in einem Hotelzimmer oder über Rapper und ihren faustischen Pakt um Geld und Goldketten. Dazwischen ruft Lamar die Bilder der Sklaverei und der Segregation auf und schliesst sie mit der Gegenwart kurz: «You made me a killer, emancipation of a real nigga.» Diese höhnische Volte macht den um sich schiessenden Gangsta zum emanzipierten, man könnte fast sagen: befreiten Schwarzen. In einem Interview mit «Billboard» sprach Lamar auch über Ferguson und sagte: «Wie können wir von den Polizisten denn Respekt erwarten, wenn wir uns selber nicht respektieren?» Und auf dem Album heisst es nun: «I was gonna kill a couple of rappers / But they did it to themselves.»

Dass Kendrick Lamar in mehreren Zeilen die Gewalt unter Schwarzen anspricht, hat ihm Kritik eingetragen. Aber auch sie sind keine Position, sondern nur eine Stimme in diesem dunkel groovenden Strom, der sich aus der Ära der Sklaverei bis in die Tagesnachrichten ergiesst. «Aus dem doppelten Leben, das jeder amerikanische Schwarze leben muss, als Schwarzer und als Amerikaner, muss ein schmerzhaftes Selbstbewusstsein hervorgehen», hat W.E.B. Du Bois 1903 im bahnbrechenden Buch «The Souls of Black Folk» geschrieben: «Ein fast morbides Persönlichkeitsverständnis und moralisches Zaudern.»

Dieses schmerzhafte Selbstbewusstsein hat in Kendrick Lamar eine neue, ebenso irritierende wie begeisternde Stimme gefunden. Zum Ende der Amtszeit von Barack Obama rappt er über die «Schuld der Überlebenden», die «Depression» und die «Tage der Frustration». Der Rapper und der Präsident – zwei introvertierte Intellektuelle im Licht der Öffentlichkeit. Doch nur einer stellt die entscheidende Frage, so, als vergewissere er sich seiner selbst: «You hate me, don’t you?»

Kendrick Lamar: To Pimp a Butterfly (Universal) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2015, 18:31 Uhr

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