Der düstere Zeremonienmeister

Das Publikum durfte ihm gar ans Herz fassen: Nick Cave gab sich im Zürcher Hallenstadion an einem fantastischen Konzert nahbar.

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Wie soll man diesen Mann nur fassen? Klar, seinen dunklen Anzug, seine Frisur, seine jugendliche Postur und seine Lackschuhe, sie machen Nick Cave auch über Kilometer Entfernung noch als Nick Cave erkennbar. Doch was die Stimmungen angeht, die Cave mit seinen Bad Seeds an diesem Abend im Hallenstadion nicht nur aufführte, sondern durchlebte, sie waren facettenreich und intensiv, dabei zutiefst widersprüchlich. Sie reichten von verzweifelt bis selbstironisch, von wütend bis traurig und blieben dabei vor allem immer eines: mitreissend.

Dabei dauerte es fast 20 Minuten, bis die erste Gitarre durchs Stadion krachte. Cave begann sein Konzert sitzend auf einem Barstuhl, mit drei Stücken des neuen, ebenso düsteren wie bewegenden Albums «Skeleton Tree». Dunkel, minimal, eher karge, von Synthesizern durchwobene Sound-Landschaften als Rocksongs. Und es war schon erstaunlich, wie gebannt das Publikum von Beginn weg war. Wie rasch es ging, bis Cave die Zuhörer im beinahe ausverkauften, zum Club umfunktionierten Hallenstadion auf seiner Seite hatte.

Herzschlag oder Pistole?

Nicht zuletzt deshalb, weil er den Zuspruch des Publikums schon von Beginn weg einforderte. Zu beobachten gab es ein richtiggehendes Ringen mit den Zuschauern in der ersten Reihe, die Cave Mal für Mal abschritt. Hin und Her. Dabei ergriff er die ihm entgegengestreckten Hände, suchte die Blicke der Zuhörer, nur um sich gleich wieder abzuwenden; liess sich beim «Higgs Bosom Blues» ans Herz fassen und sang dazu «boom boom boom». Und man wusste nicht recht, ob er den Herzschlag meinte oder den Klang einer abfeuernden Pistole, die er mit der Hand imitierte. Klar ist: dieser Pathos funktioniert bei Cave, er darf das, vielleicht weil alles, was er tat, am gestrigen Abend so stimmig wirkte. Er sang die Lieder nicht nur, er lebte mit ihnen.

Es war auch schwierig, das Konzert – und das letzte Album – nicht im Lichte der Tragödie zu sehen, die Cave und seine Frau Susie im Jahr 2015 ereilte, als ihr Sohn Arthur in Brighton von einer Klippe stürzte und starb. Natürlich würde das Album anders klingen, wäre das nie passiert, gab er später zu Protokoll. Und bestimmt wäre auch das Konzert anders geworden ohne dieses Trauma, das so schmerzlich nachzuvollziehen ist in dem Domkumentarfilm «One More Time with Feeling» von Andrew Dominik aus dem Jahr 2016, der gleichzeitig mit dem Album erschienen ist.

Scheitern wird zum Kunstwerk

Man kann darin einem Elternpaar zuschauen wie es versucht weiterzumachen nach einem Trauma und dabei immer wieder scheitert. Aber auch, wie Cave diese Erfahrung zusammen mit der Band in die Komposition der neuen Lieder legt, wie er dabei immer wieder sprichwörtlich die Stimme verliert – nur um sie irgendwann in einer veränderten Form wieder zu finden. Wie aus dem Scheitern ein musikalisches Kunstwerk wird, das Cave zwar als irrelevant und unzureichend bezeichnete, das aber aber genau aus diesem Ringen seine Schönheit und die Intensität zieht. Eben: das alles ist auch an diesem Abend nicht wegzudenken.

Erst nach 20 Minuten und mit dem Brutalo-Blues «From Her To Eternity» aus der Frühphase Caves, beleuchtet grelles Licht die ebenso konzentriert wie routiniert aufspielende Band, die bis anhin in Purpur oder Dunkelrot getaucht war. Blitzlichtgewitter durchzucken die Halle, Cave und sein kongenialer Partner Warren Ellis geben die Derwische. Was die Brachialität betrifft, war dieses Stück und das folgende «Tupelo» auch schon der Höhepunkt des Abends. Es folgte mit «Jubilee Street», einem sich in die höhe schraubenden Boogie, wieder eine Abkühlung. Ebenso mit dem «Ship Song», dem Cave voranstellte, man dürfen nun mitsingen, weil das schliesslich ein Gemeinschaftsgefühl evoziere. Er meinte das ernst und die Halle folgte seiner Anweisung. Es war schön.

Eine Reise für Band und Publikum

Dazwischen war Nick Cave auch immer einfach Nick Cave. Der König des Underground-Rock, der düstere Zeremonienmeister, der grimmig dreinblickende Zeterer, der Punk im Jackett, auch noch mit 60. Man kann ihn nennen, wie man will. Am treffendsten ist es wohl, wenn man ihn als Suchenden beschreibt. Es ist kein Zufall, bewegte er sich die meiste Zeit des Konzertes im breiten Zwischenraum zwischen Band, die ihn an sich band und den Zuschauern, zu denen er beständig den Kontakt suchte.

In Interviews betonte Nick Cave gerne, ein gelungenes Konzert sei wie eine Reise, die Band und Publikum gemeinsam unternehmen und bei der hinterher beide verändert herauskommen würden. Beim letzten Stück schliesslich holte Cave etwa hundert Leute aus dem Publikum auf die Bühne. Er tänzelte sich durch sie hindurch, hielt ihre Hände und sang: «Some people say it’s just rock ’n’ roll. But it gets you right down to your soul. You gotta just keep pushing.» Etwa: Manche sagen, es ist nur Rock ’n’ Roll. Aber es fährt dir tief in die Seele. Mach nur immer weiter.

Es war dies der passende Abschluss eines grossartigen, irre wuchtigen, und hochgradig emotionalen Konzertes. Eines, das einem zumindest eine Weile lang verändert zurückgelassen hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2017, 11:19 Uhr

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