Konzert-Kritik

Der herzliche Musikschaffende

Bruce Springsteen trat gestern im Zürcher Letzigrund auf. Er tats in altbekannter Manier: Röhrend und rockend, keuchend und schwitzend und steinsolide. Eine gute Show.

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Nebenan stand eines der vielen Büezer-Pärchen in Jeans und T-Shirts, und beide hatten schon Tränen in den Augen. Dabei war es doch erst halb acht, «The Boss» und seine E-Street-Band sollten noch weitere drei Stunden (Springsteen-Konzerte haben wagnerianische Ausmasse) performen.

Aber ja, das war eine gute Show. Springsteen gelang es rasch, das anfänglich etwas müde wirkende Zürcher Publikum – es war schliesslich Montagabend – prächtig zu animieren und amüsieren. Das tat der Ami mit einigen dramaturgischen Kniffs, die ihn die Hunderten von absolvierten Gigs gelehrt haben dürften (Wie viel Sozialkritik verträgt die Party? Wann das Publikum singen lassen? Wann mit der Band wuchtig einfahren? Wann das Klatschen einfordern?), vor allem aber mit seiner imposanten Präsenz – oder besser: Aura.

So hatten sich die Sozialdemokraten um 1900 wohl ihren idealen Arbeiterführer erträumt. Rebellisch und engagiert – das jüngste Album «Wrecking Ball» handelt fast ausschliesslich von der Wirtschaftskrise –, muskulös und lautstark, mal mit Schalk und sehr häufig mit einem herzhaften Lachen. Einmal packte sich der Sänger zwei Kinder aus dem Publikum; die beiden fühlten sich in Springsteens Nähe sofort sichtlich wohl und trällerten munter ein Liedchen, während der Star in den Hintergrund trat und sich freute.

Musikwünsche auf Karton

«Wenn Du das Herz am rechten Fleck hast, Dein Geld redlich verdienst und auch gerne ein wenig einfachen Rock 'n' Roll magst, dann bist Du willkommen». So lautet das so simple wie bestechende Erfolgsrezept des Bruce Springsteens. Viele fühlen sich angesprochen, und so füllen sich rund um den Globus die Stadien mit Zehntausenden von Zuschauern (gestern waren es 42'000), obwohl auch die Konzerte des sozial gestimmten Springsteens mittlerweile happige Eintrittspreise kosten.

Der Sänger revanchiert sich, indem er während seiner Auftritte immer mal wieder auf Tuchfühlung geht, das Publikum anfasst und sich anfassen lässt. Springsteen und seine engsten Fans pflegen ihr eigenes Spiel: Die Fans schreiben auf Kartons in grossen Lettern ihren Lieblingssong, der «Boss» wählt in der Folge einige Wünsche aus, die er und die Band dann erfüllen. Dass es für den 63-Jährigen selbst nicht mehr ganz einfach ist, dabei seinen voluminösen Backkatalog von 17 Alben zu überschauen, bewies gestern ein unscheinbarer Teleprompter, den Springsteen auf dem Piano platziert hatte.

Und die Songs? Springsteen rockte steinsolide und zelebrierte seine schönen Melodien, die Hits «Born in the USA» und «Dancing in the Dark» spielte er gleichberechtigt neben den übrigen Stücken. Zuletzt gabs gestern als Nachschlag ein Cover des 60er-Jahre-Klassikers «Twist and Shout» (bekannt geworden durch die Beatles). Die Interpretation klang nicht ganz so locker-flockig wie im Original, dafür ein wenig unbeholfen und sehr kraftvoll und eben wiederum überaus herzlich. Sie klang also sehr nach Springsteen.

Erstellt: 10.07.2012, 05:59 Uhr

Der «Boss» nimmt Fühlung auf (Zürich, 9.7.).

«Born in the USA» (Zürich, 9.7.)

«Dancing in the Dark» (Zürich, 9.7.)

Video

«We Take Care Of Our Own», 2012

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