Der klingende Schlafzimmerblick

Das Duo Goldfrapp begeht auf der neuen CD den schmalen Grat zwischen Düsternis und Schönheit.

Schmeichelmusik, die von Abgründen erzählt: Alison Goldfrapp.<br /> Foto: PD

Schmeichelmusik, die von Abgründen erzählt: Alison Goldfrapp.
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Es sind viele La-Las zu hören, auch einige Uhs und Ahs gibt es zu vermelden. Und Alison Goldfrapp haucht oft im Grenzbereich, der offenlässt, ob die Stimme gerade aufgestanden ist oder eine durchwachte Nacht hinter sich hat. «Tales of Us», das sechste Album von Goldfrapp, setzt auf brüchige Rollenprosa. Es sind alles Geschichten von Frauen. Und diese Sängerin ist eine gewiefte Frauendarstellerin.

Goldfrapp, wie das Duo mit Will Gregory seit zwölf Jahren heisst, hat viel Erfahrung mit Maskeraden und stilistischen Moves. Spaghettiwestern, synthetischer Chill-out, Elektro, Disco, schamloser Glamrock: Das alles hat man schon gehört von den beiden, und von Marlene Dietrich über die Disco-Diva bis zur Zirkusartistin kann Goldfrapps Bühnenperson morphen. Aktuell sind die Roben von dunkler Romantik inspiriert. Anderes bleibt gleich: akustische Gitarren, die gut mit der gehauchten Stimme zusammengehen, die Liebe für die teuren Streicher und billigen Effekte des Italowestern, der Wille zum Pop und seiner Parodie. «Tales of Us» zeigt das so deutlich, wie es seit «Felt Mountain», ihrem Debütalbum, nicht mehr zu hören war.

Dies ist eine Band, die in schlechten Momenten harmlos klingen kann. Wenn sie gut ist wie immer wieder auf «Tales of Us», begeht sie einen Grat zwischen Unheimlichkeit und Düsternis auf der einen und Schönheit und Souveränität auf der anderen Seite. Noch vor Goldfrapp gelang dies Portishead, einer weiteren Britband mit hoher Frauenstimme. Und auch sie war verliebt in Filmsoundtracks – nicht in die von Ennio Morricone, sondern von Lalo Schifrin. Der geschmeidige und avancierte Sound kehrte in den 90ern vor allem mit Quentin Tarantinos Gewaltorgien zweiter Ordnung zurück ins Popvokabular. «Zitieren» wurde zum Zauberverb. So konnte man Gegensätze mühelos verbinden: Glamour und Gewalt, Schönheit und Depression. Oberfläche wurde zu Tiefe.

Doch die Frage, ob Schmeichelmusik auch von Abgründen erzählen kann, kehrt in der Popgeschichte oft wieder. Fast immer sind es Frauenstimmen, die unter dem Verdacht der Liftmusik stehen. Billie Holiday galt zwar nur den Tauben als Hotelsängerin. Sie hielt die Töne, so lang sie wollte, spielte mit dem Takt, verfärbte die Vokale. Obwohl ihre Tonlage begrenzt war, sang sie als Erste so, wie Jazzbläser bliesen. Ihr musikalisches Torkeln erzählte von der Gefahr des Kontrollverlusts. Holidays Freundin Ella Fitzgerald wirkte dagegen wie eine Stechuhr, ihre Präzision kündete von Disziplin. Easy Listening ist eine endlos tiefe Kunst des Leichten, wenn die Dunkelheit zwischen den Silben steckt.

Zwischen Stachel und Streicheln

Ab Mitte der 80er kehrte der kuschelige Hoteljazz in den Pop zurück. Wieder waren es die Frauen, die man fragte, ob ihre Stimmen zu mehr als zum Knutschen taugten. Etwa Sade oder Tracey Thorn von Everything but the Girl. Thorn erklärt die Balance zwischen Stachel und Streicheleinheit mit ihren Texten, etwa in ihrer Autobiografie «Bedsit Disco Queen». Doch mehr als Thorns enge Reime erzählt auch hier die Stimme. Es sind diese Ruhe in der mittleren Lage, der klingende Schlafzimmerblick jenseits billiger Erotik, die Normalität im Umfeld der extravaganten Sounds und Stile, die der Musik etwas Realismus zurückgeben.

Und wo steht das neue Goldfrapp-Album im Kontinuum zwischen Schmusen und Stechen? Die Filmemacherin Lisa Gunning, Goldfrapps Partnerin, hat zu fünf Songs Videos gemacht, die im Herbst in einzelne Kinos kommen. «Jo» und «Drew» sind schon eine Weile im Netz zu sehen. Beide Filme zeigen Goldfrapp als Hauptfigur – mal im überschicken Eigenheim, mal in postaristokratischer Ruine. Immer hart an der Grenze zwischen gespannten Oberflächen und drohendem Kunstgewerbe. Das Bild übersetzt den Widerstreit der Musik damit sehr genau. Seit ein paar Tagen kursiert auch das Video zu «Annabel»: Wie man die Geschichte eines Jungen, der seine femininen Seiten entdeckt, so klar visualisieren kann, ohne Schamgrenzen zu überschreiten, ist beeindruckend. Und der Film macht deutlich, wie sehr die Gruppe den Pop als Rollenprosa begreift: Die Mutter in der Küche ist Goldfrapp – eine Rolle, die nicht weiter von der Künstlerin entfernt sein könnte.

Goldfrapp trägt diese fragilen Identitäten zart, aber souverän vor. Da ist Luft in den Arrangements, Platz für die Ängste und lustbetonten Abgründe dieser Figuren. Dafür, in diesen Vignetten die Krise oder auch schon ihre Überwindung herauszuhören.


Goldfrapp: Tales of Us (Mute). (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2013, 07:54 Uhr

Goldfrapp: «Annabel».

Goldfrapp: «Drew».

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Trailer zum neuen Goldfrapp-Album «Tales of Us».

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