Das Ende einer französischen Ära

Ein Grosser des französischen Chansons ist tot: Georges Moustaki war der Sänger der Freiheit und ihrer Schwester, der Einsamkeit.

Migrierte in den 1950er-Jahren nach Frankreich: Georges Moustaki mit seinem Lied «Le métèque» (Der lästige Ausländer). (Quelle: Youtube.com)


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Die letzten Jahre, bis ihm die Lungenkrankheit die Luft abdrehte, pflegte er nur noch seine eigene Legende. Immer noch tourte er um die Welt, sang in grossen und kleinen Sälen von seiner Freiheit und ihrer Kehrseite und Gefährtin, der Einsamkeit.

Präsentierte sich als Kanaken, als Aussenseiter, unerwünschten Ausländer. Obwohl er doch ein bewunderter Star war. Immer noch war er sehr schlank, mit immer noch üppigem, inzwischen grauem Haar und wildem Bart. An seiner Seite stets eine schöne, viel jüngere Frau, im Saal ein Publikum mit glänzenden, manchmal tränenden Augen, vergangenheitsselig. Manche liessen sich vom Sänger gar zu einem Tänzchen animieren.

Ein Lieferant für die Erfolgreichsten

Ja – «Ma solitude», «Ma liberté», «Le métèque» und vor allem «Milord», das waren Welthits, wie sie wenige auteur-compositeur-interprètes zustande bringen. Noch heute kann sie in Frankreich jeder mitsummen, und in frankophilen Milieus anderswo auch. Und sie machten Georges Moustaki tatsächlich zu einer Legende. Mit seinem Tod, in der Nacht auf Donnerstag, in einem Spital in Nizza, geht eine Ära des französischen Chansons zu Ende, auch wenn mit Charles Aznavour und Juliette Gréco noch zwei Vertreter aktiv sind. Die Ära: Das waren die 50er- und 60er-Jahre in Pariser Bars und Kabaretts, für die Erfolgreichsten dann auch grosse Säle wie das Bobino. Zu diesen gehörte Moustaki lange nur indirekt: als Lieferant.

Der 1934 in Alexandria geborene Grieche mit jüdischen Wurzeln (seine Vorfahren kamen, wie Albert Cohen, von der Insel Korfu) war in einem kosmopolitischen Milieu aufgewachsen. Aber die französische Kultur zog ihn am stärksten an. Mit 17 ging er nach Paris, lernte in einer Piano-Bar Georges Brassens kennen und nahm aus Verehrung dessen Vornamen an (sein Taufnahme war Youssef Mustacchi).

Rebellion light

Er schrieb Texte und Musik für Brassens und bald auch für Yves Montand, Dalida, Juliette Gréco, Serge Reggiani. Und natürlich für Edith Piaf, die den schönen exotischen Mann unter ihre dominanten Fittiche nahm und für eine kurze turbulente Zeit auch mehr. «Milord» wurde einer der grössten Erfolge des Paars. Piafs künstlerische Nachfolgerin wurde die spröde, intellektuellere Barbara, der er das Chanson «La longue dame brune» dedizierte und mit der er auf Tournee ging. Als Barbara 1961 einmal ausfiel, ging er allein auf die Bühne – so begann eine Solokarriere, die erst 2009 in Barcelona endete, als er sein letztes Konzert gab – und abbrechen musste.

An Moustaki war alles sanft, von den Gesichtszügen über die Stimme, die gern von säuselndem Gitarrenspiel getragen wurde, vor samtweichem Streicherhorizont, bis hin zu seinen ohrwurmträchtigen Melodien. Selbst seine Protestlieder klingen wie Rebellion light. Mit seinem politischen Engagement war es ihm aber ernst. Seine Sympathie galt den Unterdrückten in aller Welt, besonders natürlich den Griechen, als dort die Junta herrschte und er Musik von Mikis Theodorakis interpretierte. Politisch war er ein humanitärer Utopist, der die permanente Revolution à la Trotzki mit dem Recht auf Faulheit mühelos zusammenbrachte. Aus ihm sprach der Geist von 1968, als alles möglich schien oder zumindest gefordert werden musste. In seinen eigenen Worten: «Je déclare l’état de bonheur permanent / Et le droit à chacun à tous les privilèges./ Je dis que la souffrance est chose sacrilège / Quand il y a pour tous des roses et du pain blanc.» Adieu, Métèque! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2013, 11:41 Uhr

Hatte eine Liebesaffäre mit Edith Piaf: Moustaki bei einem Konzert am Paleo Festival in Nyon. (Juli 2004)

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