Der letzte Gott der Wüste

Josh Homme machte Staub zu Sound, starb fast bei einer Operation und hatte seine Band im Bataclan, als die Terroristen kamen. Ein Treffen.

Hat die Leichtigkeit wiederentdeckt: Rockstar Josh Homme. Foto: Steve Appleford (Redux, Laif)

Hat die Leichtigkeit wiederentdeckt: Rockstar Josh Homme. Foto: Steve Appleford (Redux, Laif)

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War das zu viel? Die Augen werden zu Schlitzen, die massigen Schultern in der Lederjacke beugen sich nach vorn. Man solle nicht über das Bataclan reden, hat die Managerin vorher gesagt, bitte nicht. Denn Josh Homme sei bereits gereizt. Der Bandbus hatte zwischen Wien und der Dübendorfer Samsung Hall eine Panne, und Homme hat sich erkältet – ausgerechnet jetzt, zu Beginn der Tour. Was er nicht gebrauchen kann, ist eine Erinnerung an jenen Tag, als die IS-­Terroristen das Pariser Konzertlokal stürmten und die Musiker fliehen und sich verstecken mussten. Die Eagles of Death Metal sind eine von Hommes diversen Bands, an jenem Abend war er zu Hause bei der schwangeren Frau geblieben, das war sein grosses Glück. Aber seine Freunde um Sänger Jesse Hughes hatte das Erlebnis traumatisiert. Homme kümmert sich noch immer um sie und ihre Familien.

Wenn nun die klischierte Frage gestellt wird, «ob Musik Seelen heilen könne» – verlogene Balladensänger lieben sie ganz besonders –, dann kann das bereits zu viel sein für Josh Homme, den grossen, schweren Mann und vielleicht letzten echten Rockstar. We­r nach Heilung fragt, denkt die Wunde ja immer mit. Tatsächlich antwortet Homme scharf: «Schau, ich habe Dinge erlebt und ge­sehen . . . ich hoffe wirklich, dass dir das erspart bleibt.» Er ergänzt: «Ja, Musik kann heilen. Ich weiss es.»

Zu Beginn des Zürcher Gigs spielen Homme und seine Hauptband Queens of the Stone Age den Song «Monsters in the Parasol». Homme wirft die Haarsträhne nach links, schwingt die Gitarre auf die rechte Hüfte. Bewegungen, die weit besser zu Prince passten, beim mächtigen Homme wundersamerweise trotzdem geschmeidig wirken; er gleicht einem Holzfäller, der den Baumstamm mit einer einhändigen Rückhand kappt. «Die Wände kommen näher, ach ja», singt Homme in seiner hohen, blasierten Stimme. Es geht um Drogengeister, die man erst zum Vergnügen gerufen hat und die dann dummerweise geblieben sind. Der Song stammt aus dem Jahr 2000. Josh Homme hat dann noch ein paar üblere Dämonen kennen gelernt.

Geburt und Empfängnis

Palm Desert, Kalifornien. Zerklüftete Berge, knallende Sonne, Wüste. Hier wächst der 1973 geborene Joshua Michael Homme auf. Es ist eher öde, Rentner sonnen sich und golfen. Josh nimmt Unterricht beim einzigen Gitarrenlehrer weit und breit, ein verpeilter Typ. Josh weiss lange nicht, was ein Plektrum ist und übt dafür Polka-Songs, Ursprünge eines eigenartigen Stils. Der Junge hat viel Freizeit, trifft sich mit Freunden, fährt in die nahe Wüste. Dort gammeln Freaks an Lagerfeuern. Es hat Pillen, der Himmel ist weit. Ein mitgeschleppter Generator reicht für einen Gig, also gründen der Teenager und seine Freunde eine Band namens Katzenjammer und beginnen zu jammen. Der Rock begattet die Langweile.

«Die Wüste ist noch immer meine Heimat», sagt er backstage in Dübendorf. Er zündet sich eine Zigarette an. «Sollte man wohl nicht machen, wenn man krank ist.» Er lacht, ein Kunstzahn blitzt. Homme hat sich früher ­geprügelt und ist vorbestraft.

Jams und Anarchie

Der Wüstenrock war die letzte Rock-Revolution. Sie begann 1988, als Homme die Band Kyuss gründete. Den eigenartig flirrenden, wuchtigen Sound erkennt man nach Sekunden. Er hat Melodien, wie gezupft von einem groben, aber in Jimi Hendrix verliebten Landsknecht; den Groove eines wütenden Bisons, der nicht mehr aufzuhalten ist; Texte, gewoben aus psychedelischer Redneck-Poesie, geerdet und zugleich abgefahren. Und es geht immer um Anarchie. «Es ist falsch, die Wüste als toten Ort zu sehen», sagte Homme einmal. «Es ist ein harter Ort.» Das ist die wichtigste Lehre der Wüstenmenschen und von Homme insbesondere: Suche dir einen unwirtlichen, allseits verschmähten Platz, mache ihn dir zu eigen, lebe dort frei und ungezwungen, härte dich. Dann gehe hinaus und umarme die Welt.

Als sich Kyuss 1995 aufgelöst hatten, lud Homme zu den Desert Sessions. Hillbillies wie Jesse Hughes besuchten Homme im Studio, aber auch Indie-Sängerin PJ Harvey. Die Jams mündeten in zehn Alben. Dass selbst die alte Punk-­Lederhaut Iggy Pop mit ihm zusammenarbeitet, beweist das Prestige von Josh Hommes musikalischer Hebammenkunst. Hommes Stunde kam im Jahr 2002, als er und seine neue Band Queens of the Stone Age mit «Songs for the Deaf» eines der grossen Rockalben der Nullerjahre veröffentlichten. «QOTSA» stand nun in fetten Lettern auf den Festivalplakaten. Während viele seiner ehemaligen Freunde versauerten, stieg Homme zum letzten Gott des Wüstenrocks auf.

Heute kann ein Jan Delay in der «Aargauer Zeitung» die damalige Single «No One Knows» als «besten Rocksong aller Zeiten» bezeichnen, und jeder weiss, wovon er redet – und auch, dass er damit durchaus recht haben könnte. Das Stück, ein Wechselspiel zwischen abrupten Homme-Riffs und voranpreschender Rhythmusgruppe, ist der kleinste gemeinsame Nenner der Wüstenrock-Fans. Die Samsung Hall jubelt, als Homme den ersten Akkord anschlägt.

Auferstehung und Tanz

Nachdem Josh Homme berühmt geworden war, klopfte ihn das Leben weich. Im Guten: Auf seine Knöchel hat er die Kosenamen seiner Kinder tätowiert. Aber auch im Schlechten: Das Bataclan-Attentat setzt ihm zu, auf der Bühne in Zürich verliert er sich in wirren Monologen über «Sicherheit» und «Gehenlassen». Homme hat private Horrorjahre hinter sich, 2010 überlebte er nur knapp eine verpfuschte Routineoperation. Danach konnte er monatelang nicht spielen, wurde depressiv.

Das neue Album der Queens, «Villains», beginnend mit dem Song «Feet Don’t Fail Me», entsetzt mit seiner Disco-Färbung viele Wüstenrock-Puristen, tatsächlich ergänzt es ein breites Repertoire um eine schöne Facette. Homme sagt: «Musik kann das Ding sein, das Menschen durch eine schwere Zeit bringt. Und es kann das Ding sein, das Menschen brauchen, bevor sie rausgehen in die Nacht.»

Dass er die Leichtigkeit beschwört und sich dafür Unterstützung bei Mark Ronson holt, der schon eine Lady Gaga produziert respektive poliert hat – wen kann das verwundern, wer will es ihm verargen? Wer tanzt, ist schliesslich definitiv am Leben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2017, 17:41 Uhr

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Wer tanzt, ist am Leben: «Feet Don’t Fail Me» (Queens of the Stone Age)

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