Der wiedergeborene Rock’n’Roll-Star

Liam Gallaghers Karriere war eigentlich zu Ende. Nun zelebriert er seine Rückkehr – und ist am Zürcher Konzert dann am grössten, wenn er die Oasis-Songs des verhassten Bruders singt.

Klassische Pose, neuer Elan: Liam Gallagher am 1. März 2018 im Zürcher X-tra.

Klassische Pose, neuer Elan: Liam Gallagher am 1. März 2018 im Zürcher X-tra. Bild: Samuel Schalch

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Er ist wieder der Rock’n’Roll Star, den er in seinem gelben Parka gleich im ersten Song des Abends feiert und besingt. Doch die klassische Pose des Liam Gallagher – die Hände verschränkt hinter dem Rücken, der Kopf in Rücklage – wirkt in Zürich, wenn er sie überhaupt einnimmt, entspannt. Und nicht mehr streng und verknorzt wie in der jüngeren Vergangenheit, als er mit seiner Nach-Oasis-Band Beady Eye so fürchterlich scheiterte.

Gallagher wirkt am Donnerstag im ausverkauften Zürcher X-tra vielmehr so, wie er sich derzeit fühlt, wenn er wieder auf der Bühne stehen und die Lieder singen darf, die seinem Dasein Sinn schenken: ziemlich gut – in Gallaghers Worten «very zen». Und für einen, dem das Etikett des letzten Rock-Rüpels anhaftet, spektakulär ausgeglichen.

Solodebüt als Schwachpunkt des Konzerts

Denn fast wäre Liam Gallagher ja verlustig gegangen und würde nun weiterhin den Rasen seiner Villa mähen und pflegen, wie er das in Interviews zu Protokoll gab. Der Neo-Bartträger bekannte, dass er dem Ende nahe war. Weil was will einer, dessen Begabung nicht das Songwriting ist, auch machen, wenn die Songs fehlen? Eine prominente Songschreiber-Armada half ihm dann aus, und es reichte im vergangenen Herbst für das solide, doch auch recht egale Material seines Solodebüts «As You Were», das in seiner britischen Heimat zur Überraschung aller Platinstatus erreichte.

Die Songs dieser Platte sind die Schwachpunkte des Konzerts, das Liam Gallagher mit einer allzu lauten und dennoch wenig verwegenen Band gibt (in der Ringo Starrs Schwiegersohn der Leadgitarrist ist). Eine Überraschung ist das nicht, denn die neuen Songs müssen sich behaupten gegen die Allergrössten aus der Feder von Liams grossem und leidenschaftlich gehasstem Bruder Noel.

Liam Gallagher - For What It's Worth, Live At Air Studios, Video: Youtube/Liam Gallagher

Es sind jene Songs, mit denen die beiden Buben aus Manchester in den Neunzigerjahren wenn nicht die Welt, so doch zumindest England eroberten, als sie trotz allen Fehden in der Band Oasis vereint waren. Es war jene Band, welche die beiden mit ihrem schliesslich eskalierten und via Twitter noch immer anhaltenden Bruderzwist in den Abgrund rissen.

«Wonderwall» wird zum Sing-Along

Liam Gallagher singt in Zürich viele frühe Oasis-Songs, sehr zur Freude der 1800 Zuschauer, die immer wieder «Liam, Liam»-Sprechchöre anstimmen, als gelte es, dem Ego des 45-Jährigen weiter zu schmeicheln: Songs wie das anrollende «Some Might Say» führt er wieder so auf, dass diese Hymne bei aller Kraft und aller Schnoddrigkeit eine sentimentale Stimmung ausstrahlt, die selbst harte Bierhooligans zu Tränen rühren kann.

Lieder wie «Slide Away» beschwören an diesem Abend das Gefühl, dass alles möglich sei – auch der Flug zur Sonne. Selbst wenn Liam Gallagher «Wonderwall» anstimmt, ist das nicht der hundertmillionenfach durchgenudelte und längst unhörbare Lagerfeuerklassiker, sondern wird zum Sing-Along, der dem Rüpel ausser Dienst zu Herzen gehen scheint. Und der ganz zum Schluss des nur 70-minütigen Konzerts den Unsterblichkeitssong «Live Forever» gibt.

Oasis – Live Forever, Video: Youtube/Oasis

Dass all diese Lieder wieder so gut funktionieren, hat am Zürcher Konzert nichts mit dem Brexit oder einer diffusen Sehnsucht nach «Cool Britannia» der Neunziger zu tun, mit dem Liam Gallaghers gegenwärtiger Erfolg allenfalls erklärt werden könnte. Sondern mit dem Sänger, der die Deutungshoheit über die Oasis-Vergangenheit und damit die Songs seines abwesenden und doch immer anwesenden Bruders vehement beansprucht. Liam Gallagher hat sie an diesem Abend ganz ohne Pöbeleien gewonnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 10:30 Uhr

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