Dialekt mit Computerstimme

So ungemütlich war Berndeutsch schon lange nicht mehr: Die Band Jeans for Jesus datiert den Berner Rock für die verpixelten Existenzen von heute auf.

Lethargische Panik statt Marziliweltschmerz: Jeans for Jesus aus Bern.

Lethargische Panik statt Marziliweltschmerz: Jeans for Jesus aus Bern. Bild: zvg

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Nichts gegen Berner Mundartrock, aber wer zu viel davon hört, fühlt sich irgendwann tatsächlich, als ziehe sich die Aareschleife langsam zu, wie es in einem Lied von Stiller Has heisst. Dieses Orgeln des Dialekts und der Bluesgitarren. Dieser Marziliweltschmerz, diese Fluchtbewegungen nach Belp und Blüemlisalp. Diese Regenmetapher (oder war es Honig?). Nun, ganz frei gemacht von der lokalen Tradition haben sich auch Jeans for Jesus nicht, die eben ihr Debütalbum veröffentlicht haben. «Es isch Novämber / Mäntimorge, sit Jahre», hebt ein Lied an, und wenig überraschend geht es darin um Menschen, die auf den trüben Tag warten, da ihr Kaff auf der Wetterkarte von «Meteo» kommt.

Aber dann ist doch fast alles ganz anders auf dieser erstaunlichen Platte. Selbst wenn sie, wie im Titelstück, mal manimattert, tut sie es mit Computerstimme. Tatsächlich klingt diese Band nach dem europäischen Kunstpop der Gegenwart – mal nach den weiten, von elektrischen Gitarren wachgeklingelten Hallräumen von The XX, mal nach den grellen Synthesizerblendungen von Phoenix, und einmal sogar nach einem salopp verschnittenen Baile Funk für den Dancefloor der Bleichen. Und auch in den Texten ist diese Band nahe an ihrer Zeit, an der lethargischen Panik nämlich von Dreissigjährigen mit verpixelter Existenz: Kunden, die dieses Leben kauften, haben sich auch für diese Leben interessiert. Oder: «Baby, das isch aues z chly für das, wo mer wei.»

Falscher Fluchtreflex

Er wolle eine «ästhetische Musik mit berndeutschen Texten» machen und dabei «nicht schweizerisch» klingen, sagte Marcel Kägi in einem Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Der Berner DJ und Produzent hat für Kutti MC gearbeitet und ist bei Jeans for Jesus erstmals Teil einer festen Band – gemeinsam mit Philippe Gertsch, Demian Jakob und dem Sänger Michael Egger. Als Kägi letzten Sommer über die Band sprach, hatte die gerade ihren zweiten Song veröffentlicht. Das war – nach dem tanzbaren Agitprop von «Kapitalismus Kolleg» – ein Sommerhit namens «Estavayeah», der den Sehnsuchtsort Ibiza am Neuenburgersee verortet. Nur um sich zwischen Technofurzen und fröhlichen Exotika von der Festplatte dann doch heim in die Berner Depression zu wünschen: «Zwüsche ihrne Bey öffnet sich ä Abgrund / Weisch, we si wenigstens dr Blues hätt.»

Die Flucht ist eben nur noch ein falscher Reflex in diesem Berner Rock zweinull, der weiss, dass die Leute nur weggehen «zum Zrüggcho u Gläbtha», wie es in «L. A.» heisst. «Sie fahre los, fahre wäg, fahren y Sportclub», heisst es in «Lösig», und so klingen auch manche dieser Songs – wie gelähmt mit ihren losen Beats und schwer und schlecht atmenden Synthesizern. «Nie meh» ist eine Hymne des Triebstaus, in der Michael Egger genau den selbstmitleidigen Ton trifft, der sich selbst erkennt und ekelt, wenn es heisst: «Niemer hed z tüe / Niemer het Zyt.» Da ist es, das Stresssymptom der modernen Stadtbohemiens. Und so hat sich längst auch die Revolte ins Wartehäuschen freigetanzt («Occupy Postoutostation Flamatt») – und das Leben in den Computer. Denn der «cha meh, als dy Gott cha».

Hin und weg wie auf dem Screen

Die Liebe bringen, zum Beispiel: In «Hollywood Was Talking About Love Before Anyone Else Did» gelingt sie kurz und kitschig. Aber wenn dieser Sänger je hin und weg war, dann wie etwas, was man auf dem Screen hin- und wieder wegwischt. Denn: «Isch Liebi nur ä Situation / Ä Code, wo mer bediene / Tradition. / Jede muess Liebi finge / Bechunt syni Glägeheit / Sich y das ynezsteigere.» Es ist Berndeutsch, aber so ungemütlich war es lange nicht mehr.

Jeans for Jesus: dto. (Irascible). Konzerte: Rössli Reitschule (27. Feb.), Mokka Thun (7. März), Bierhübeli Bern (25. April). (Der Bund)

Erstellt: 30.01.2014, 15:57 Uhr

Jeans for Jesus - L.A. (Radio Edit)

Jeans for Jesus - Albumtrailer

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