Hintergrund

Die Abrissbirne ist zurück

Vom braven Kinderstar Hannah Montana zur nackten Femme fatale: Miley Cyrus' Imagewandel ist radikal. Am Freitag erscheint ihr Album «Bangerz». Hier ein erster Eindruck, Song für Song.

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1. Adore You: Mit der Verehrung ist es ja leider so eine Sache: Man soll es nicht übertreiben. «Gott wusste genau, was er tat, als er mich zu dir führte», singt Cyrus, und hebt den Besungenen auf einen immer höher werdenden Sockel: Bis in alle Ewigkeit könnte sie neben ihrem Angebeteten liegen, säuselt sie im triefigen Einstieg, und die Streicher fiedeln im Hintergrund. Wo bleibt die Skandalmaus mit dem Schaumstoffzeigefinger?

2. We Can't Stop: Auch hier ist Gott im Spiel, allerdings als einziger Richter, während Cyrus und ihre Clique die Sau rauslassen. Idealer Soundtrack für die erste Party im sturmfreien Elternhaus. Zentrale Botschaft: Wir machen, was wir wollen. Da tanzen die rotzigen Teens doch gerne auch mal mit Molly – eine Cyrus-Songzeile, die schon beim Single-Release für rote Köpfe sorgte: Molly ist schliesslich umgangssprachlich für die Droge MDMA, geläufiger Ecstasy.

3. SMS (Bangerz) ft. Britney Spears: Unweigerlich wird man ins Schlumpfenland gebeamt, das Spears jüngst zur Feier des neuen Schlumpfenfilms mit ihrer Kaugummistimme beehrte. Hier sind die Schlümpfe irgendwie wütend und ein Oberschlumpf mit tiefer Männerstimme dröhnt monoton dazwischen, während einem der Albumtitel immer wieder vor die Ohren geknallt wird.

4. 4x4 ft. Nelly: Noch so gerne reist man mit dem nächsten Gast weg vom Schlumpfenland, auf einem Roadtrip ab in den Süden, mit Allradantrieb natürlich. Die Musik ist irgendwie zackig-bluesig und Cyrus würde hier passenderweise Cowboystiefel und einen Tuxedo tragen und lustige Sachen mit Heuballen machen. Schliesslich singt sie selber, dass sie ein weiblicher Rebell sei, und Nelly sitzt am Steuer und sein Pflästerli auf der Backe sitzt auch. Da wippt sogar der Fuss mit und der Fahrtwind weht um die Nase.

5. Stand by Me ft. Future: «Stand by Me» ist ein Soulhit von Ben E. King aus dem Jahre 1961. Soll er auch bleiben. Miley wird wieder weinerlich.

6. Wrecking Ball: Ja, das ist er. Der Song zu dem Miley nackt auf der Abrissbirne turnte. Zu Deutsch singt sie im Refrain: Ich kam rein wie eine Abrissbirne. In Englisch schlägt diese Birne tatsächlich ein, rein akustisch, ganz ohne die Nacktturnerei. Der Beat der Powerballade lässt Oberkörper und Kopf vor- und zurückwippen und die Kniescheiben zucken, während sich Cyrus als ausgeliebtes Wrack besingt. Dürfte nicht lange gehen, bis der Song ordentlich durch den Dubstep-Wolf gedreht und zu später Stunde in einschlägigen Clubs gespielt wird. Auch Karaoke-Abende dürften nicht verschont bleiben.

7. Love, Money, Party ft. Big Sean: Liebe, Geld und Party: Wenn mans hat, hat mans. Von der Botschaft wär das alles. Big Sean macht ein bisschen auf Dancehall, aber tanzen würde man nicht wollen zu diesem Song. Der Kopf wippt auch nur aus Verlegenheit.

8. Get it Right: Im Hintergrund wird unschuldig gepfiffen, dabei wälzt sich Cyrus hier in den Laken: Die ganze Nacht könnte sie im Bett liegen mit diesem Buben, der «ihre Saiten wie eine Gitarre zupft». Da fühlt sie sich glatt, als trage sie keine Unterhosen, wie sie bekennenderweise singt. Auch ihre Zunge kommt zum Einsatz – sie streckt sie ja als Signaturgeste auch auf jedem Bild keck aus dem Mund. «Es ist Zeit, es endlich zu tun, aber wir müssen es richtig machen» – wenn die DJs dieses Register ziehen, ist die Tanzfläche voll, das Publikum unter 20 auch und die Luft geschwängert vom Duft dieser würzig-wuchtigen Deosprays.

9. Drive: Cyrus ist wieder traurig und verzweifelt. Ihr Bube (es geht um ihren Ex Liam Hemsworth, was von der Klatschpresse bereits ausführlich durchgekaut wurde) kam einfach nicht mehr zurück. Retrospektiv war dieser Typ ein grosser Fehler, aber mit der Abrissbirne machte Cyrus eindeutig ein klareres Statement.

10. FU ft. French Montana: Nur zwei Buchstaben hat sie jetzt für ihren Buben übrig, F und U, den Rest kann man sich denken. Das Stück kommt soulig daher und Cyrus erinnert ein bisschen an eine überdrehte Version von Adele, während sie ihre Hasstirade runterbetet.

11. Do My Thang: Sie macht ihr Ding, singt sie, und das jeden Tag, «Bang Bang». Das ist so eine «Art I Will Survive» nach Miley-Manier: Ego-Wiederaufbau, nachdem sie in den Vortracks ihr Innerstes nach aussen kehrte. Klingt wie die Black Eyed Peas, aber leider nach ihren guten Zeiten, als sie nervig und lärmig wurden.

12. Maybe You're Right: Der Beat erinnert verdächtig an «Wrecking Ball», kommt aber nicht an die Abrissbirne heran. Das kurzzeitig aufgebaute Ego scheint wieder dahin.

13. Someone Else: Da treiben die Dancefloorbeats die vollsten Blüten. «Ich bin zu einer anderen Person geworden», singt Cyrus, und leckt weiter ihre Wunden. Ein Umkleidekabinensong für die überfüllten Filialen an Samstagnachmittagen, wenn alle nur noch weg wollen.

Erstellt: 02.10.2013, 20:03 Uhr

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Die meistdiskutierte Birne des Jahres: Der Clip zu «Wrecking Ball».

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Der Skandalauftritt mit Robin Thicke: Miley Cyrus an den MTV Music Awards.

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Und sie tanzen auf Ecstasy: «We Can't Stop»

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