Die Alternative zum Rüpelrap

Casper ist der deutsche Rapper, der Hip-Hop in die Mitte trägt, wie zuletzt Jan Delay vor 13 Jahren. Was verrät das über das Musikgeschäft?

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Der 31-jährige Casper trägt noch immer diese skinny Jeans auf der Bühne. Eltern nennen sie Trombosehose, weil sie so eng ist, dass sie ab 40 Jahren die Blutgefässe quetschen kann, und Kinder stört sie beim Klettern. Aber Casper ist Rapper, der berühmteste deutscher Sprache immerhin. Er kann sich ganz gut bewegen darin, als Headliner beim Berlin Festival auf dem alten Flughafen Tempelhof. Es ist weniger ein Konzert als ein Animationsprogramm. Caspers grösstes Verdienst, so scheint es live: eine Hipsterhose durchgesetzt zu haben, die im Hip-Hop als schwul gilt.

Eine Hose ist eine Hose ist eine . . . Im Musikgeschäft macht auch das Beinkleid Symbolpolitik. Mode ist Teil der Inszenierung, man muss sie lesen lernen. Als Casper vor zwei Jahren mit dem Album «XOXO» dem Deutschrap eine neue Breitenwirkung verschaffte, verdichtete die feminisierte Jeans alles das, was die Musik anders machte: Casper rappte über Verlust, Tod, den Vater, und ach, über Gefühle, und die Musik illustrierte dies mit dengelnden Gitarren, weichen Synthies und auch mit hallendem Schlagzeug.

Der Emo-Bombast, die Emotionalität der Texte, trotz Rauchstimme und Pressvortrag: Casper gab im Deutschrap die völlig neue Figur des zärtlichen Heterosexuellen. Und wurde mit grossem Erfolg belohnt. Im biblischen Rapalter von 29 Jahren wurde Benjamin Griffey, wie der Deutsch-Amerikaner richtig heisst, zu einem der seltenen deutschen Hip-Hop-Stars. Offenbar hatte die Jugend auf eine Alternative zum Rüpelrap gewartet.

Die Jugend? Hey, die war hart!

Doch das Genre ist konservativ. Und so musste Casper gleichzeitig auch immer betonen, dass seine Jugend hart war, auch wenn sie nicht im sozialen Brennpunkt stattfand. Das Ich und seine Glaubwürdigkeit stehen auch auf dem aktuellen Album im Zentrum. «Hinterland» zeigt auf dem Coverbild eine Wiedertäuferszene in den Sümpfen des US-Südstaates Louisiana.

Es ist Cas­per selbst, der hier ins Wasser steigt, in der Heimat seines Vaters, dem ehemaligen Soldaten. Neu ist vor allem, dass die Musik gar nicht immer in die wattierte Privatheit will, die Casper in den meisten Texten sucht.

Historisch informierter Pop

Mit Markus Ganter und mit Konstantin Gropper stehen Casper zwei Produzenten zur Seite, die sehr viel verstehen von handwerklich fortgeschrittener und auch historisch informierter Popmusik. Vor allem Groppers Verpflichtung wirkt überraschend. Mit seinem Projekt Get Well Soon schafft der Anfangsdreissiger Gropper superfeinen Indiepop wie kein zweiter seiner Generation. Man hört nun auch bei Casper die musikalische Wunderkammer am Werk – Glockenspiele, Jahrmarktklaviere, diskrete Bläsersätze. Und obwohl einiges noch immer nach britischem Gitarrenpop klingt, geht die Reise öfter auch musikalisch in den Süden der USA. Und manchmal kann man nicht von Rap, sondern muss von Gesang sprechen.

Alles toll gemacht, allein: zu welchem Zweck? Vielleicht versteht man den ach so vielseitigen und dabei gefühlsechten Casper besser, wenn man an den letzten interessanten Star des deutschen Hip-Hop vor Casper erinnert: Jan Delay hat 2000 mit «Searching for the Jan Soul ­Rebels» ein ähnlich wichtiges Album vorgestellt wie Casper vor zwei Jahren mit «XOXO». Auch Delay hatte da bereits viel Erfahrung als Rapper, und wie Casper führte er den deutschen Hip-Hop in stilistisch unbeleuchtete Ecken.

Delay entdeckte Reggae, Funk und Soul für den deutschen Hip-Hop, Musikstile, die damals so weit weg lagen wie der britische Gitarrenpop heute für Casper: Delay griff auf die Siebzigerjahre zu, Casper auf die Achtzigerjahre. Man darf die für viele wohl provokante Parallele noch weiter ausdehnen, selbst auf die Mode. Auch Delay, der mit dem Trio Absolute Beginner bereits eine Hip-Hop-Grösse war, vollzog eine modische Verwandlung. Die tiefergelegten Baggy Pants, diese am Hintern gerade noch hängenden Hip-Hop-Zelte, wichen bei Delay schicken Retro-Anzügen, die mit Witz arbeiten. Jan Delay hat seither denselben Herrenausstatter wie Thomas Gottschalk.

An schönen Stilen schnuppern

Die herrlich überzogene Mode von Delay macht den Unterschied zu Casper wieder überdeutlich. Delay ist ein Rapper, der den Unterhalter gibt. Bei ihm ist alles grösser als das Leben. Casper dagegen will das Leben selbst sein. Delay hat Witz und manchmal sogar bissige politische Themen. Casper ist ernst und sein Thema ist er selbst. Der Narzisst ist in diesem Fall gerade nicht der, der sich besonders schön anzieht. (Sondern derjenige, der dieselbe Hose wie sein Publikum trägt.)

In diesem Unterschied zwischen Casper und Jan Delay spiegeln sich nicht nur zwei Ausnahmepersönlichkeiten. Man sieht hier auch die Digitalisierung des Musikmarktes aufblitzen. Vor 13 Jahren konnte man zwar bereits Musik digital «tauschen», aber die Archive waren nicht so zugänglich wie heute. Die Vergangenheit erscheint uns auch deshalb musikalisch so nah, weil man sie in Sekundenschnelle abrufen kann. Man bewegt sich dann in einem gasförmigen Gestern und schnuppert an den schönen Musikstilen. Nichts erscheint zwingend, aber alles ganz angenehm.

Jan Delay hatte sich von Reggae und Funk auch die Bissigkeit geborgt. Casper leiht sich höchstens Atmosphäre, alles, was Nähe zum Kunden herstellt, der einen «echten Menschen» sehen will. Das macht Casper zum zeitgenössischen, aber auch ein bisschen langweiligen Künstler in der Mitte der digitalisierten Gesellschaft.

Erstellt: 26.09.2013, 17:13 Uhr

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Die erste Casper-Single: «Herz aus Holz».

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«XOXO»: Ein Song, der Casper mit Indie-Rocker Thees Uhlmann aufgenommen hat.

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Eine Single von 2011: «Auf und davon».

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«Im Ascheregen», die erste Single vom neuen Album «Hinterland».

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«Hinterland», ein Track vom gleichnamigen Album.

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