Essay

Die Altersweisen der Discos

Viele DJs sind um die 50. Ihr Publikum ist halb so alt. Ist man irgendwann zu alt, um hinter den Plattentellern zu stehen?

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«Dance for Freedom» lautet das diesjährige Motto der Street-Parade. In vergangenen Jahren hiess es «Still Have a Dream» oder «Celebrate the Spirit». Die Parolen sind nichtssagend. Doch was feiert man eigentlich an der Street-Parade? Um Hedonismus geht es, sagen die einen, um Eskapismus die anderen. Vielleicht. Die zuckenden Körper und die zur Schau gestellte nackte Haut deuten auf etwas anderes hin: eine Verehrung von Jugendlichkeit.

Die zentrale Rolle in diesem Ritual kommt dem DJ zu. Er spürt, was die Tänzer brauchen. Er kontrolliert ihre Gemütslage, er ist ihr verbindendes Element. Er sorgt dafür, dass die Leute keinem Event zuschauen, sondern zum Event werden. Er ist wie Sex-Pistols-Punker Sid Vicious, der von der Bühne sprang, um Teil des Publikums zu werden.

Doch wie lange kann das einer tun? Im Unterschied zur Rockmusik wächst das Clubpublikum nicht mit. Ist man irgendwann zu alt, um DJ zu sein? Wollen die Jungen nicht Gleichaltrige hinter den Plattentellern sehen? Weil sie denken, dass sie das selber sein könnten oder weil sie sich von ihnen verstanden fühlen? Und was ist mit den Drogen, welche die Jungen konsumieren: Sind sie nicht ein unvermeidlicher Teil, um die Transzendenz von Individualität zu erreichen, um die es in der Clubmusik letztlich geht?

Fit dank Blutwäsche

Es sind Fragen, die sich immer mehr Plattenaufleger stellen. Fast 30 Jahre alt ist die Technokultur inzwischen, viele DJs sind um die 50, die ersten könnten sich gar frühpensionieren lassen. Interessant ist, dass sie in den Medien bereits mit 35 Jahren als «Urgesteine» bezeichnet wurden. Offenbar hat man ihnen – oder ihrer Musik – keine lange Karriere zugetraut. Spricht man den 50-jährigen deutschen Star-DJ Sven Väth auf sein Alter an, reagiert er entsprechend trotzig: Natürlich sei man nie zu alt, um DJ zu sein. Er werde das allen beweisen. Dazu schreckt Väth auch nicht vor drastischen Massnahmen zurück. Eine Zeit lang liess er regelmässig sein Blut waschen, um die Drogen aus seinem Körper zu spülen. Dann setzte er auf einen jährlichen Ayurveda-Monat in Indien. Heute kümmert sich ein Personal Trainer um seine Gesundheit.

Alternde DJs denken während des Auflegens weniger an die Hypothek oder an den bevorstehenden Kindergeburtstag, aber es kann vorkommen, dass sie ein Gefühl der Hochstapelei befällt. Man mixt zwar zuverlässig wie immer, rechnet aber stets damit, dass sich plötzlich jemand auf der Tanzfläche umdreht und mit dem Finger auf einen zeigt: «Moment mal, du bist ja gar nicht jung!» Schlimm ist auch, wenn man vom Publikum gesiezt wird. Kurz, das Miteinander, die Gleichheit, die eine gelungene Party ausmacht, ist aufgehoben. Ich hier, ihr dort – wie beim Rockkonzert, von dem man sich ja bitte schön unterschieden haben möchte.

Laptops ersetzen Plattenspieler

Die Unsicherheit alternder DJs hat beim einen mit der dräuenden Einsicht zu tun, dass man seiner Jugend nachtrauert und sie per Plattenteller am Leben erhalten will. Beim andern handelt es sich um ein peinigendes, fehlendes Selbstbewusstsein gegenüber aufstrebenden Jung-DJs. Immerhin macht die Discowelt derzeit einen fundamentalen technischen Wandel durch. Die mühevoll archivierten Plattensammlungen weichen Computerfiles, die Platten­spieler werden durch Laptops ersetzt. Junge DJs schleppen nicht mehr gebückt schwere Plattenkoffer in die Clubs, sondern sie spazieren mit einem USB-Stick, vollgepackt mit Tausenden Songs, hinter das DJ-Pult.

Der Kölner DJ und Schriftsteller Hans Nieswandt (49) räumt ein, dass er sich mit seinen Vinyl-Platten wie eine «Retro-Sensation» vorkomme. Es sei aber auch für ältere DJs möglich, die Beherrschung modernen Equipments zu erlernen. Und obwohl er sich vor seinen Auftritten auch schon als «Polizist oder Vater, der seine Tochter abholen kommt», fühle, mag er nicht von einem Generationengraben sprechen. Den Unterschied zu jungen DJs sieht Nieswandt in der «persönlichen Feierwut». Die lasse nach 30 nach, was allerdings ein Vorteil sei. Mit klarem Kopf lege er deutlich stärker auf. Tatana (37), die erfolgreichste Schweizer DJane gibt ihm Recht: Mit dem Alter werde man als DJ nicht nur ruhiger, sondern auch besser.

Keine Tricks, bitte!

DJ Harvey, der in den 80er-Jahren die House-Musik von New York nach Europa importierte, hat einmal gesagt, dass man unter 30 kein richtiger DJ sein könne. Weil man noch nicht genügend Musik gehört und ein zu grosses Ego habe. Tatsächlich verfallen jüngere DJs leichter der Effekthascherei. Statt Emotionen zu erzeugen, versuchen sie mit spektakulären Übergängen und technischen Tricklein zu gefallen. Doch Selbstinszenierung sollten DJs nicht nötig haben. Ihr Geschäft ist die Improvisation, und die beruht auf möglichst viel Erfahrung. Hier unterscheidet sich die elektronische Musik vom Rock. Während man von Bands neues Material erwartet, das sie aufgrund rückgängiger Kreativität mit zunehmendem Alter nicht liefern können, sammelt ein DJ mit jedem Berufsjahr neue Kenntnisse. In einem musikalischen Genre, das wie kein anderes von kurzlebigen Trends geprägt ist, darf der DJ nicht stehenbleiben. Im besten Fall wird er so zum kompetenten musikalischen Berater, der das Publikum auf der Tanzfläche unterhält, aber auch fordert. Einer, der neue Trends nicht nur spielt, weil sie in den Charts sind, sondern weil er sie versteht – hat er sie doch über die Jahre selbst hergeleitet.

Die Mischung machts

In schwarzen Musikrichtungen wie Reggae oder Blues wurden ältere Musiker noch nie entsorgt. Ist einer gut, wird er in Ehren gehalten. Die Musik verbindet die Generationen. Die elektronische Musik könnte die erste weisse Musik sein, die Ähnliches bewirkt. Er bewundere die Energie von jungen Leuten, sagt jedenfalls Hans Nieswandt. «Ihnen beim feiern zu helfen, ist wunderbar.»

Es scheint, als ob man ein vollwertiger Erwachsener werden, Kinder grossziehen – und DJ bleiben kann. «Ich frage mich schon oft, ob ich noch glaubwürdig bin», sagt der französische DJ Laurent Garnier (48). «Mein Publikum ist halb so alt wie ich. Aber so lange es noch ausrastet, mache ich weiter.» Er hat Recht. Denn ein erfahrener DJ mischt keine Platten, er mischt Gefühle: Freude, Liebe, Hoffnung, Überraschung, Verzückung. «Gott ist ein DJ», heisst ein Klassiker unter den Techno-Tracks. Diesen Herrn für eine Party zu buchen, ist schwierig. Die ergrauten Altersweisen der Discos sind aber keine schlechte Alternative.

* Der Autor ist 40 und steht selber immer wieder hinter den Plattentellern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2014, 11:09 Uhr

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