Mundartpop

Die Banalität des Liebens

Mit den neuen Platten von Plüsch, Züri West und Patent Ochsner wird der Mundartpop auch in diesem Jahr erfolgreich sein. Doch mitten im Boom steckt das heimelige Liedgut in seiner tiefsten Krise.

«Oh, ich bruuche nümme meh»: Baschi brätelt.

«Oh, ich bruuche nümme meh»: Baschi brätelt. Bild: René Ruis

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Sie sind, wer sie sind. «I ha mi nie probiert z verschtelle», singt Ritschi schon im ersten Song von «Eile mit Weile», dem neuen Album von Plüsch. Und nimmt damit so schnell es geht das jüngste Leitmotiv des Mundartpop wieder auf. Schon 2004 hatte die Band aus Interlaken ein Album so eröffnet: «Hey, i bliibe eifach, wieni bi.» Vor einem Jahr war es dann Baschi aus Basel, der sein Mundartalbum zwar «Neui Wält» taufte, dem Publikum aber mit der ersten Zeile versicherte: «Hey, ich bliib eso, wien i be.»

Und auch sonst soll sich bitte schön nichts ändern. «Wieso wei alli immer ds Gliiche, dass alles anders wird, als s isch», heisst es bei Ritschi weiter; und bei Baschi ist sein Verhältnis zu den Verhältnissen gar ein erotisches: «Es git nüt Schöners für mi, als wenn i dörf in dir si», sang er in «Heimat», zweideutig durchaus: «Das isch es Liebeslied, du bisch mi Stadt, mis Land und das bis a mis Änd / Oh, ich bruuche nümme meh.» Es ist, als hätten die jungen Mundartsänger ihre Identität verfestigt: Sie sind, wer sie sind, und lassen sich so wenig verbiegen wie das Land, in dem sie leben.

Der Flug über die Grenze

Das war auch schon anders, und natürlich erinnert die letzte Zeile von Baschi an das vielleicht ergreifendste Lied, das je in hiesiger Mundart getextet worden ist: «Es isch, als gäbs mich nümme meh», seufzte Dominique Grandjean in «Campari Soda» (1977). Das Lied erzählt vom Gefühl, das sich einstellt, wenn sich die eigene Identität in der Schwerelosigkeit auflöst wie der Eiswürfel im Apérogetränk. Es ist ein mulmiges und ein wohliges Gefühl. Und, kein Zufall, es erfasste den Sänger in einem Flugzeug.

In manchem seiner besten Momente variierte der eidgenössische Mundartpop die «Schweizer Existenzformel» von «Auszug und Heimkehr», wie Peter von Matt sie in seinem neuen Buch nennt (TA vom 9. 2.), der das Land nicht nur viele tote Söldner verdankt, sondern auch seine beste Literatur. Aber auch «Campari Soda» (von Taxi), «D Rosmarie und I» (Rumpelstilz), «Bümpliz–Casablanca» (Züri West) und natürlich «Bälpmoos» (Patent Ochsner): Alle diese Klassiker des Mundartpop erzählen vom Traum, die gegebenen Grenzen zu überspringen; davon, sich vom Land und ein wenig auch von sich selbst zu lösen.

Und darum rührt in diesen Liedern auch die Mundart an, in der Reibung nämlich zum Land und zu den Leuten, die sie hervorgebracht haben. Das Mundartlied, das war die gebrochene Heimatliebe der Gegenkultur, aus der 1968 die Pioniere von Rumpelstilz und eine Generation später neben den erwähnten Bands auch Stop the Shoppers und Stiller Has gekommen waren. Bundesbern war für diese Musik die logische Heimat; nicht nur, weil dort der rhythmischste und melodischste Dialekt des Landes geredet wird. «Vatter, la mi la gah», rief Endo Anaconda von Stiller Has der Staatsautorität zu. Das war 1989.

Amerika wird importiert

Gölä war dann 1998 auf seinem erstaunlichen Debüt der letzte Mundartrocker, der mit einem Lied über die Flucht aus der Schweiz populär wurde. «Uf u dervo» hatte aber eine deutlich andere Färbung als «D Rosmarie und I» von 1976 oder «Bälpmoos» von 1991. Anders als seine Vorgänger nutzte Gölä das Geld, das er mit seinen Hits verdiente, tatsächlich dazu, seine Heimat zu verlassen. Aber er tat es, um in ein Land aufzubrechen, das seinem Naturell mehr entsprach als die Finöggelischweiz der Städter und Künstler. Sprich: Er wanderte nach Australien aus, um so zu bleiben, wie er war.

Im neuen Jahrhundert konnte Gölä getrost in die Schweiz zurückkehren, denn ein schöner Teil des Landes hatte sich ihm angepasst: Im gleichen Zug, wie der Bauernstand und der Katholizismus erodierten, verbreitete sich am Alpenrand ein neuer Lebensstil: Er gleicht dem der Rednecks in den ländlichen USA und zitiert mit Geländeautos, Cowboyhüten und Countryrock auch dessen Insignien. Er misstraut der Stadt wie dem Staat, dem Intellektuellen wie dem Fremden, hat aber durchaus Spass: mit Familie und Freunden, im Baumarkt und an Barbecues. Es waren die Jahre, da sich die Schweiz der europäischen Union entzog, indem sie sich amerikanisierte. Gölä war ihr logischer Hymniker. Und blieb, wie er war.

Die Amerika-Fantasie taucht ab und zu noch auf im Mundartpop, und keiner hat sie so eindrücklich mit einem kleinbürgerlichen Lebensentwurf versöhnt wie Adrian Stern in «Amerika»: «Chum mir schtiiged in es Flugzüg und verschwinded uf Amerika / Chum mir baued es Hus und mached ganz vil Chind / Chum mir bliibed zäme glücklich, bis mir alt und schrumplig sind.» So teilt man schnell einmal die Zweifel, die den Sänger prompt befallen: Lohnt es sich, Geld für Flugtickets auszugeben, das man auch in eine Plastikrutschbahn für den Garten investieren könnte?

Wo der Traum vom Auswandern deckungsgleich geworden ist mit dem vom trauten Heim: Da war «Amerika» vielleicht das allerletzte Lied, das sich im Zeichen der «Schweizer Existenzformel» singen liess. Natürlich gibt es an den Rändern des jüngeren Mundartpop – bei Kutti MC, Stahlberger oder Tinguely dä Chnächt – noch immer grossartige Lieder, die eigentümlich ans Schweizerische rühren. Im Mainstream aber hat Mundartpop aufgehört, über die Schweiz mehr als die Schlagerwahrheit zu erzählen, wonach es hier schön sei.

Songs wie holländischer Käse

Das wäre nicht weiter schlimm, hätten die jüngsten Mundarthits denn überhaupt etwas zu erzählen. Wer aber die aktuellen Platten von Adrian Stern, Baschi oder Plüsch hört, glaubt bald, dem endlosen und unredigierten Beziehungsgespräch eines jungen Paares zuzuhören. «Jedi Meinig akzeptiere, nume mini nid», heisst es etwa bei Plüsch: «I bi bereit, e Umwäg z gah derfür / Wemer wei, de finde mir derdür / Aber mängisch hani Angscht, du wöllsch das nid.» Bei Baschi gibts dazu die passende Lebensberatung: «Gib nit uf, und wenn s dir mol schlächt goht / De schtand wieder uf, denn das isch din Wäg.»

Und man glaubt wieder uneingeschränkt an die Banalität des Liebens, wenn das letzte Lied verklungen ist: Die Liebe ist schön, doch nicht für immer, aber die Zeit heilt dem alle Wunden, der sich nur treu bleibt: «I bliibe eifach, wieni bi / O we sich alls um mi verändert, verstell i mi nid / U i wett niemer anders sii, i ha alls, woni bruuche / I bi z fride so, wini bi.» Nicht nur aus diesen Zeilen von Plüsch spricht eine narzisstische Selbstgenügsamkeit, die nun doch wieder an die neue, isolationistische Heimatliebe erinnert, die unser Land erfasst hat. So gesehen, ist der aktuelle Mundartpop keine Erzählung mehr über die Schweiz, sondern eines ihrer Symptome. Und sein Boom ist seine tiefste Krise.

Die Ironie ist jedenfalls unüberhörbar: Die Lyrik, aus der diese Lieder gemacht sind, ist so globalbanal wie die mal sensiblen, mal aufgerauten, mal hysterischen Tonfälle, in denen sie gesungen ist. Und sie sind so austauschbar wie die sausenden Rockgitarren oder die hypersensiblen Balladenklaviere, die sie rahmen. Diese Mundartlieder schmecken wie Emmentalerkäse aus Holland. Und klingen ungefähr so überzeugend wie all die Teilnehmer all der Castingshows, die in der jeweiligen Landessprache in die Fernsehkameras hinein beteuern: «Hey, i bliibe eifach, wieni bi.»


Plüsch: Eile mit Weile (Sony); das neue Album von Züri West erscheint am 23. März, das von Patent Ochsner im Juni. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2012, 13:26 Uhr

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