Die Bekenntnisse der Nina Hagen

Die Frau ist nicht leicht zu durchschauen. Wie es unter der dicken Schicht Schminke aussieht, kann man nur vermuten. In einer Autobiographie bieten Nina Hagen nun Einblick in ihr ungeschminktes Leben.

Die schrillste Sängerin Deutschlands offenbart sich: Nina Hagen.

Die schrillste Sängerin Deutschlands offenbart sich: Nina Hagen. Bild: Keystone

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Ihre Fans lieben sie, manch anderer schüttelt nur fassungslos den Kopf über soviel Schrillheit und Provokation. Jetzt offenbart sich die Sängerin Nina Hagen in ihrer Autobiografie und macht ganz persönliche «Bekenntnisse» über ihr Leben. Mit den herzlichen Worten «Ich grüsse euch meine lieben Geschwister» kommt die 55-Jährige mit ihrer Gitarre in der Hand auf die Bühne des Kulturhauses Astra in Berlin gestapft. Von den rund 400 Zuschauern wird sie an diesem kalten Mittwochabend warm empfangen. Jung und alt sind gekommen, Hagen präsentiert sich in einem kurzen schwarzen Kleid, ihre schwarze Mähne zu langen Zöpfen zusammengebunden, rote Blumen dienen als Kopfschmuck.

Ganz selten liest die schrille Autorin, die meiste Zeit erzählt sie einfach frei Schnauze. Sie muss ja wissen, was in dem Buch steht: Schliesslich ist es ihr Leben, das sie da preisgibt. Die Zuschauer amüsiert, was sie hören. Dabei kehrt die Autorin ihr Innerstes nach aussen und lässt das Publikum teilhaben an einem tiefen Blick in ihre Seele. Gar nicht mehr so ausgeflippt und schräg wie die Nina Hagen, die die Öffentlichkeit sonst kennt.

«Unendliche Vater- und Mutterlosigkeit»

Es geht ums Scheitern und um Sehnsüchte in einer nicht so rosigen Welt. Nina Hagen erlebte ein «Trauma» nach dem anderen. Als Kind fühlte sie sich alleingelassen, von einer «unendlichen Vater- und Mutterlosigkeit» spricht sie an diesem Abend. Ihre schauspielernde Mutter, die «Marylin Monroe der DDR», habe ihre Tochter eher als eine «Einrichtung in ihrem Leben» gesehen. Doch in ihrer «einsamen Kindheit in der DDR» sei auch ihre «superkrasse Stimme geboren worden».

Mit 13 Jahren begegnet Hagen ihrer ersten Liebe, und sie lernt was es heisst, verlassen zu werden. Sie begeht einen halbherzigen Versuch, sich umzubringen. Als ihre Mutter sie findet, schimpft die: «Mach mir doch nicht alles nach!»

Die spätere Gründerin der Nina Hagen Band will ausbrechen - aus der Einsamkeit und dem Sich-Gefangen-Fühlen. Ihr erster Versuch aus der DDR zu fliehen, scheitert. Später dann im Westen angekommen, fühlt sie sich trotzdem nicht freier. Alle wollen der jungen Sängerin sagen, wie sie sich zu verhalten hat, wie sie sein soll. Aber sie wollte doch frei sein!

«Den roten Faden» des Lebens finden

Immer nur darum dreht es sich in Nina Hagens Leben: die Wahrheit und «den roten Faden» des Lebens zu finden. Den meint sie, in ihrem Glauben zu Gott gefunden zu haben. Schon ganz früh entscheidet sie sich für diesen Weg. Als 17-jähriges Mädchen sei sie Gott begegnet. Sie habe trotz des atheistischen Umfelds immer geahnt, dass es Gott geben muss.

Die wohl schrillste Sängerin der Nation wirkt gleichzeitig stark und forsch sowie schwach und sensibel. Der Zuhörer weiss nicht so recht, ob sie sich richtig wohlfühlt in ihrer Haut, und ob sie ernst meint, was sie erzählt. Doch vielleicht öffnet gerade der Grad an Selbstironie und Witz, den sie einfliessen lässt, dem Zuhörer den Zugang zu der Ernsthaftigkeit ihrer Botschaft.

Auch mit Gott läuft nicht alles glatt. Ihr Leben ist ein wahres Auf und Ab: wochenlange Drogentrips, unglückliche Männergeschichten, immer wieder Scheitern und Aufgeben und immer wieder Neuanfänge. Aber «Gott ist kein Erbsenzähler, sondern ein Verzeiher», sagt sie.

Ihr Fazit: Das Leben ist ein Geschenk, und jeder einzelne von uns eine «tolle Idee von Gott». Gott und ihr Leben als eine «Anreihung scheinbarer Zufälle» waren ihre zwei Lehrmeister. Auch wenn uns bei der Ankunft im Himmel immer noch der Dreck an den Schuhen kleben wird, sieht sie unsere Welt mit Hoffnung.

«Wenn ihr was wollt, dann bittet darum»

Ihre Lebensgeschichte untermalt die zierliche Frau zwischendurch immer wieder mit Liedern aus einem kompletten Gospel-Repertoire. Alle Stücke handeln von Gott, Jesus, dem Heiligen Geist, Tod und Himmel. Mit einer kräftigen Soulstimme und grooviger Gitarrenbegleitung reisst sie die Gäste mit. «Ich hätte es mir schräger vorgestellt - war nett», resümiert einer der Zuschauer nach dem zweistündigen Seelenstriptease.

«Seid nicht faul, Leute, wenn ihr was wollt, dann bittet darum», bei Gott oder auch bei ihr, meint Hagen, die «Künstlerin des Volkes», wie sie sich selbst bezeichnet. Und mit den Worten «Hab' euch ganz dolle lieb» ist sie wieder weg. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.05.2010, 11:57 Uhr

Das Buch

Nina Hagen: Bekenntnisse. Verlag Pattloch, 296 Seiten.

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