Die Droge wirkt nicht mehr

Sie wollte nicht in die Rehab, und jetzt muss sie doch: Die triste Karriere von Amy Winehouse zeigt, dass die Sucht im Popgeschäft jeden Glamour verloren hat.

Ihr Image ist untrennbar mit der Droge: Amy Winehouse bei ihrer Lieblingsbeschäftigung – dem Trinken.

Ihr Image ist untrennbar mit der Droge: Amy Winehouse bei ihrer Lieblingsbeschäftigung – dem Trinken. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einer Lache von Champagner liegt die zerbrochene Flasche, und auf der Flasche liegt Amy Winehouse. In ihrer linken Hand hält sie ein Glas, und ihr Körper ist mit kleinen Pillen übersät. Die Aluminiumskulptur stammt von Guy Portelli und heisst «Excess». Sie macht klar: Amy Winehouse ist keine Sängerin mehr, sondern eine Metapher. Ein Bild der Sucht. Und wo sie hier noch Haltung bewahrt über ihrem verschütteten Glamour, so weiss man es inzwischen besser: Da ist keine Haltung zu bewahren, wenn die Welt zusieht, wie eine Musik- in eine Drogenkarriere überführt wird.

Nun fielen die beiden Karrieren bei Amy Winehouse schon früh zusammen. Schon ihr erster Hit – «Rehab» von 2006 – verknüpfte ihr Image untrennbar mit der Droge: «Sie wollten mich zum Entzug überreden», singt sie, «aber ich sagte Nein, Nein, Nein.» Das trotzige Beharren auf der Sucht klingt auch jetzt noch grossartig: das gedrungene, klapprige Rhythm-’n’-Blues-Arrangement, die windigen Bläser, die berauschten Streicher. Und dieser Schneid im Gesang der damals 22-jährigen Londonerin, der keine Gefangenen macht.Der Song ist fantastisch, aber nur aus dem Mund einer Sängerin, die sich im Griff hat. Man hat diese Woche in Belgrad gesehen, was passiert, wenn nicht das Glockenspiel torkelt. Das Lied war der erbärmliche Tiefpunkt einer Darbietung, die zur Absage der ganzen Europatournee geführt hat.

Einst ein beflissener Lehrling

Als Abgängerin einer bekannten Londoner Art School weiss Amy Winehouse um die zauberhafte Wirkung von Drogen auf die Popmusik. Und sie erwies sich als fleissiger Lehrling, wie sie in einem Werbevideo auf ihrer Homepage erklärte: «Meine exzessive Ader erlaubt es mir, ungefiltert auf die Songs zuzugehen.» Wie «Rehab» zeigt, ist das Gegenteil der Fall: Der Song ist stark, weil er in disziplinierter Form durchscheinen lässt, wie gut die Sängerin den Rausch kennt.

Gute Drogensongs funktionieren so: Die Byrds begeben sich in «Eight Miles High» in konzisen dreieinhalb Minuten auf die Flughöhe eines LSD-Trips. Primal Scream brachten das in Ecstacy getränkte Lebensgefühl der britischen Jugend in «Screamadelica» (1992) auf den Punkt. Wie Sänger Bobby Gillespie auf einer gerade erschienenen DVD-Dokumentation sagt, habe sich die Band bestens ausgekannt auf den Raves, diesen tagelangen Wochenendpartys in englischen Industrieruinen. Im Studio aber sei man einigermassen nüchtern geblieben. Beides ist dem meisterhaften Album gut anzuhören.

Drogen haben Pop immer inspiriert, und das ist nicht erstaunlich bei einer Kunst, die nicht auf die grosse Erzählung zielt und nicht auf Vollendung, sondern auf Weltflucht und Ekstase. Schon Pioniere wie Robert Johnson, Hank Williams und Elvis Presley waren Süchtige, und später haben Drogen aller Art Stars aller Generationen geholfen, die Tournee-Langeweile auszuhalten. Den Druck, die nächste Single abliefern zu müssen. Das Lampenfieber vor und die Einsamkeit nach dem Bad in der Menge. «Ich möchte wirklich nicht mehr trinken», singt Amy Winehouse in «Rehab»: «Aber ich brauche nun mal einen Freund.» Die Pulver und Pillen sind den Musikern aber nicht nur ein diskretes Helferlein hinter der Bühne, sondern auch eine mythologische Krücke: Gerade auch, weil sie verboten sind, schärfen die Drogen das Profil des Rockmusikers als Aussenseiter, der am Rand der Gesellschaft ein rebellisches Leben führt (auch wenn es in Wahrheit nur ein eskapistisches sein sollte). Der Exzess beglaubigt die Expressivität, und Janis Joplin ist nur das prominenteste Beispiel einer Sängerin, die glaubte, sich in die Gosse trinken zu müssen, um den Blues richtig singen zu können.

Die Droge als Gerücht

Natürlich ist die Sucht bei Amy Winehouse oder Pete Doherty längst ein medizinisches Problem. Da hilft es den beiden kaum, dass sie daran glauben, die besten Melodien seien da zu finden, wo das Verderben blüht (wie Doherty aus seiner Zelle bloggte). Das mag im Einzelfall stimmen. Aber wo das Verderben für alle sichtbar auf Youtube blüht – eingefangen von den Handykameras der tüchtigsten aller Paparazzi, nämlich der Fans –, ist es vorbei mit dem existenzialistischen Mehrwert des Suffs und des Katers. Wer das Geflüster der Insider über wilde Backstage-Partys hört und liest, darf noch an die Boheme glauben. Wer aber zusieht, wie Amy Winehouse in Jeans und BH durch die Strasse schwankt, wie sie Crack raucht und in Belgrad nicht mehr weiss, wie ihre Lieder gehen, der sieht ein: Das Verderben ist als Gerücht glamourös, als sichtbare Realität gibt es nichts Schäbigeres. Das Publikum lernt das in der digitalen Ära; die Musiker wussten es schon immer: Auf die Wonnen eines Flashs spielten sie nur an, in Sprachbildern, im rauschenden Klang der Instrumente. Erst wenn sie warnten, wurden sie so konkret wie John Lennon in «Cold Turkey» oder Neil Young in «The Needle and the Damage Done».

«The Only Good Rock Star Is A Dead Rock Star»

Die Zeiten, in denen Popstars stellvertretend für ihre Fans den Absturz wagten, sie scheinen ohnehin vorbei. «The Only Good Rock Star Is A Dead Rock Star», nannte Marco Perego seine Skulptur der erschossenen Amy Winehouse und stellte sie damit in die lange Reihe jung zugrunde gegangener Stars. Ein Pantheon, der freilich längst geschlossen ist. Denn es steckt noch nicht einmal ein Rest von Heldenverehrung darin, wie sich der Popboulevard derzeit am Langstreckenabsturz der Winehouse amüsiert. Es ist bloss trauriger, unterhaltsamer Klatsch.

Ein Poppublikum, das um 20.03 Uhr pfeift, wenn der Star noch nicht auf der Bühne steht, ist dazu übergegangen, die Überlebenden zu feiern. Figuren, die durch die «Drogenhölle» gegangen und zurückgekommen sind: Marianne Faithfull, Joe Cocker oder Johnny Cash. Furchige Stimmen, die pünktlich auf der Bühne erscheinen, um noch einmal die alten, nur noch in der Vergangenheitsform geniessbaren Mythen von Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll aufzusagen. Stars, die stellvertretend für ihre Fans ein wildes Leben geführt und nun den Höhepunkt eines würdevollen Alters erreicht haben.

Bis dahin ist es für Amy Winehouse ein weiter Weg, und das Beste, das ihr derzeit widerfahren kann, ist Unsichtbarkeit. Die Plattenfirma hat die Handybilder ihres Auftritts in Belgrad aus dem Internet entfernen lassen.

Erstellt: 25.06.2011, 19:10 Uhr

Artikel zum Thema

Amy Winehouse sagt Schweizer Konzerte ab

Nach dem desaströsen Konzert in Belgrad hat die englische Sängerin alle Konzerte ihrer Sommertournee abgesagt. Darunter auch ihre Auftritte in Locarno und Nyon. Mehr...

«Wir gehen davon aus, dass Amy Winehouse kommt»

Amy Winehouse hat nach einem desaströsen Auftritt zwei Konzerte abgesagt. Wie sicher sind ihre beiden geplanten Auftritte in der Schweiz? Mehr...

Die neue Amy Winehouse

Rox präsentiert mit «Memoirs» ein Debütalbum, das so facettenreich ist wie das Leben der Künstlerin. In ihrer Heimat London wird sie bereits als neue Amy Winehouse gefeiert. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...