Interview

«Die Freundschaft spielt heute im Musikgeschäft eine andere Rolle»

Mathieu Jaton, der 38-jährige Nachfolger von Claude Nobs, spricht über seinen ersten Abend als Chef des Jazzfestivals von Montreux. Und was er und sein Team künftig anders machen wollen.

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Es war schon sehr merkwürdig nach all den Jahrzehnten, plötzlich diese neue Stimme auf der grossen Bühne zu hören: Ihre. Wie haben Sie Ihr Coming-out erlebt?
(er lacht) Es war ein Moment intensiver Gefühle, das ist klar. Vorne im Auditorium Stravinski zu stehen und zum ersten Mal ohne Claude das Festival zu eröffnen. Die Reaktion des Publikums hat mich sehr gefreut.

Sie haben demonstrativ das ganze Team verdankt. Das hätte Nobs in einem solchen Moment nie getan.
Das ist für mich entscheidend: dass wir sehr viele sind, die dieses Festival organisieren und durchführen. Claude inszenierte eine One-Man-Show. Und wir, die Leute hinter ihm, standen bereit, um ihn im Hintergrund zu begleiten. Um sicherzustellen, dass all seine Ideen, seine Intuitionen und Wünsche realisiert wurden. Als Claude starb, war mir klar, dass die ganze Familie zum Tragen kommen sollte und es nicht bloss um mich geht. Das wollte ich von Beginn weg deutlich machen.

Auf dem Gelände sieht man viele Junge in Ihrem Team, die das zum ersten Mal machen.
Das Kader arbeitet hier seit zwanzig Jahren zusammen. Aber es stimmt, ich habe auch neue, junge Talente reingebracht. Ich möchte andere Ideen hören und umsetzen.

Claude Nobs’ Verdienste um das Festival sind unbestritten, er hat es gegründet und zu dem gemacht, was aus ihm wurde. Allerdings hat er es in seiner Entfaltung auch behindert mit Konzerten seiner alten, immergleichen Musikerfreunde. Sehen Sie jetzt eine Chance für einen Neuanfang?
Absolut, ein Beleg dafür sind die drei Konzertsäle, die wir anbieten und deren Programm wir vollkommen umgestellt haben. Im Auditorium Stravinski lassen wir die Legenden auftreten, im Lab möchten wir Neuentdeckungen anbieten, im Club soll Musik in einer intimen Atmosphäre aufgeführt werden, vor allem Jazz. Claude konzipierte das Festivalprogramm wie ein Koch, der er ja war, voller Zutaten und Gewürze: Wir möchten diesen eklektischen Zugang beibehalten, wollen aber die Konzerte, Künstler und Stile klarer gruppieren und auf die verschiedenen Säle verteilen. Das verlangt nach einer strengeren Programmierung.

Standen nicht schon achtzig Prozent des Programmes fest, als Nobs noch lebte?
Schon, aber das galt nur für den grossen Saal, das Stravinski.

Dort kosten die Konzerte bis zu 400 Franken, das sind unerreichbar hohe Preise für ein junges Konzertpublikum.
Im Stravinski spielen halt die Grossen, Leonard Cohen, Prince, Sting und andere Stars dieser Preisklasse. Um die drei Konzerte von Prince zu sehen, reisen Leute aus der ganzen Welt an. Im Lab bieten wir Konzerte für 35 bis 50 Franken an. Die Preise sind mir wichtig, es geht mir darum, einen vertretbaren Kompromiss zwischen Attraktivität und Eintrittsgeld auszuhandeln.

Während Jahrzehnten konnte Nobs von seinen Freundschaften zu den Musikern profitieren, er pflegte seine Kontakte und konnte diese für das Festival nutzen. Darauf müssen Sie jetzt verzichten. Hat sich das schon ausgewirkt?
Selbstverständlich fehlt Claude auch den Musikern, die ihn gekannt und geschätzt haben. Aber das Musikgeschäft hat sich radikal verändert, und das schon seit mehreren Jahren. Es hat sich verhärtet, es ist heute durchorganisiert, wird von grossen Agenturen wie Live Nation dominiert. Die Herzlichkeit bleibt unsere Haltung, mit der wir den Künstlerinnen und Künstlern begegnen. Aber die Freundschaft spielt im heutigen Musikgeschäft eine andere Rolle. Auch Claude hat das noch erlebt.

Geben Sie uns ein Beispiel.
Carlos Santana. Claude hat ihn ja schon mehrmals ans Festival geholt. Auch diesmal wollte er ihn haben, reiste zweimal nach Los Angeles, um ihn zu treffen. Trotzdem kam von seinem Management keine Bestätigung. Wir wurden unruhig und baten Claude, bei Santana nachzufragen. Claude beschwichtigte uns und glaubte, es sei alles in bester Ordnung. Ich insistierte, er solle doch Santana nochmals anschreiben. Fünf Minuten später kam die Auskunft seines Agenten, man habe sich für einen Auftritt am Paléo Festival von Nyon entschieden. Claude hat nichts gesagt, aber ich habe seinem Gesicht angesehen, wie sehr ihn das getroffen hat.

Immer wieder ist von Veranstaltern zu hören, wie aggressiv Agenten, Buchhalter und Anwälte an Festivals auftreten.
Es ist schon eindrücklich. Sie kommen her, rufen nach dem Auftritt an, sie wollen die Statistik der verkauften Billette sehen. Sie kontrollieren, ob ich nicht mehr verkauft habe als angegeben. Aber damit muss man klarkommen. Man kann das Geschäft nicht ändern, man kann bestenfalls versuchen, es ein wenig zu beeinflussen. Und noch immer finden Begegnungen statt. Nehmen Sie Rodriguez, den Musiker, der durch den Dokumentarfilm «Searching for Sugar Man» nachträglich berühmt wurde. Er war bei uns oben in Claudes Chalet; es gefiel ihm so sehr, dass er gar nicht mehr wegwollte. Er hat so etwas noch nie gesehen. So gesehen kann man sagen, dass der Geist von Claude Nobs noch immer präsent ist.

Er selber hat es zugegeben: Er war ein schwieriger Chef – launig, aufbrausend, rastlos und rücksichtslos in seinen Forderungen an seine Mitarbeiter.
(er lacht) Er hat mir oft gesagt, dass er sehr wohl wisse, wie unzufrieden und schwierig er oft sei. Aber derselbe Claude, der die Leute anschrie, war auch ein wunderbarer Mensch. An einem Tag hätte man ihn am liebsten in den See geworfen, am nächsten wollte man ihn umarmen. Klar ist: So wie Claude Nobs, der Pionier, die Konzerte veranstaltete, ist das heute nicht mehr möglich. Ich arbeite anders. Meine grösste Freude am ersten Abend war, die Freude meiner Mitarbeiter zu sehen. Mir scheint, wir hatten einen guten Start – gemeinsam.

Wie soll sich das Festival entwickeln?
Die ersten Änderungen haben wir bereits vorgenommen, und ich denke, dass sie sich auszahlen werden. Darauf wird das künftige Festival aufbauen. Es muss darauf reagieren können, dass auch das Publikum sich geändert hat. Es mag wenig Improvisationen, es will pünktliche Konzertbeginne, ein klar umrissenes Angebot. Das Publikum ist verwöhnt, weil das Angebot riesig ist, auch in der Schweiz. Entscheidend bleibt aber, dass noch das Unerwartete passiert, das Funken schlägt. Was die Leidenschaft für die Musik angeht, sind wir alle noch immer die Kinder von Claude Nobs. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.07.2013, 16:33 Uhr

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