Die Herrin der Stimmen

Sophie de Lint ist eine Schlüsselfigur im neuen Zürcher Opernhaus. Für manche auch eine Reizfigur.

«Wir wollen das Bestmögliche bieten»: Operndirektorin Sophie de Lint.

«Wir wollen das Bestmögliche bieten»: Operndirektorin Sophie de Lint.

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Seit knapp zwei Jahren hat das Zürcher Opernhaus nicht nur einen neuen Intendanten, sondern auch eine Operndirektorin. Sophie de Lint heisst sie, 39 Jahre alt, Holländerin, in Genf aufgewachsen, zuletzt bei der Zürcher Künstleragentur Artists Management tätig – und heute zuständig für alle Besetzungsfragen im Opernhaus. Sie bucht (in enger Absprache mit dem übrigen Leitungsteam) Sänger, Dirigenten, Regisseure. Und sie teilt mit, wenn jemand nicht oder nicht mehr erwünscht ist. Ein heikler Job.

Alexander Pereira hatte ihn noch selbst gemacht, und wer mit ihm über «seine» Sängerinnen und Sänger sprach, der hörte Hymnen, Liebeserklärungen, wonnige Prophezeiungen. Seine rechte Hand, Grischa Asagaroff, war vor allem mit Fragen der Regie und der Organisation befasst. Andreas Homoki nun kommt von der Regie her, also suchte er Unterstützung beim musikalischen Casting. Bewährte Operndirektoren hätten sich interessiert für den Posten, sagt ­Sophie de Lint, «aber er nahm die, die noch alles beweisen musste».

Dass sie es tatsächlich allen zeigen will, ist offensichtlich. Hymnen sind zwar nicht ihr Stil, sie wirkt sachlich, energisch, schnörkellos. Aber die Liste der Stars, die sie nach Zürich holt, zeigt unmissverständlich, dass sie den Wettstreit mit dem Vorgänger aufgenommen hat. Und auch in ihrer Standardantwort auf allerlei Fragen trifft sie sich mit ihm: «Wir wollen das Bestmögliche bieten.»

Grippeviren, Fehlplanungen

Manchmal wird das Bestmögliche Realität. Bei der «Alcina» im vergangenen ­Januar war das so, verblüffenderweise. Denn wenn die Bandbreite der Sängerinnen vom Superstar bis zum Ensemble-Neuling reicht, ist das nicht risikolos. Aber es stimmte alles: das Amalgam der Stimmen, die Chemie zwischen den vier Hauptsängerinnen, die Inszenierung.

Nicht immer allerdings klappt es so gut. Da war zum Beispiel die «Aida», für die man Gastsänger aus allen Himmelsrichtungen nach Zürich geholt hatte; sie sangen teils gut, teils akzeptabel, aber sie fanden nicht zusammen. Oder da waren, gerade in letzter Zeit, viele Umbesetzungen: Dass es nicht dem propagierten Ideal der sauber geprobten Produktionen entspricht, wenn der Daland in vier Aufführungen des «Fliegenden Holländers» von drei verschiedenen Sängern verkörpert wird, ist klar.

Die meisten dieser kurzfristigen Wechsel hatte man Grippeviren zu verdanken, die allen Operndirektoren dieser Welt das Leben schwer machen. Aber manchmal hat man auch erst im letzten Moment erkannt, dass die engagierte Person eben doch nicht die richtige war: Weil sie in eine Stimmkrise geraten war oder man sie falsch eingeschätzt hatte. «Wir buchen die Sänger lange im Voraus», sagt Sophie de Lint, «da kann einiges passieren.» Bis man die Konsequenzen daraus ziehe, brauche es «sehr, sehr viel: Es ist schwierig, aus einem Vertrag auszusteigen.» So kommt es vor, dass sie notgedrungen bei einer halbidealen Lösung bleibt. Und leidet, wenn sie von Zuhörern darauf angesprochen wird: «Ich weiss ja selbst als Erste, wenn etwas nicht gut ist.»

Kürzere Verträge

Gastsänger sind das eine, das Ensemble der fest angestellten Sänger das andere. Dieses Ensemble war das Herzstück von Pereiras Oper, auch für Sophie de Lint steht es im Zentrum. Aber ganz anders. Wer von Pereira engagiert wurde, bekam einen Fünfjahresvertrag, also Zeit, sich zu entwickeln und zu bewähren; viele blieben bis zur Pensionierung. Neu werden nun Verträge über zwei bis drei Jahre abgeschlossen, und Lebensstellen sind nicht vorgesehen: «Das Ensemble muss in Bewegung bleiben», sagt Sophie de Lint. Neue Talente, auch aus dem eigenen Opernstudio, sollen nachwachsen können, und die Besten schwärmen nach ein paar Jahren sowieso aus – «man darf nie sagen, das Ensemble ist gut jetzt, lassen wir es so».

Für die Sängerinnen und Sänger (und auch für ihre allfälligen Familien) ist es damit ungemütlicher geworden. Stammplätze sind keine mehr zu haben, und gerade von den Bisherigen müssen sich etliche mit marginalen Rollen begnügen. De Lint halte die von Pereira geerbten Sänger klein, um ihre eigenen gross herauszubringen, ist ein Vorwurf, den man inner- und ausserhalb des Opernhauses immer wieder hört. Aber nein, sagt sie, «es gibt viele Pereira-Sänger, die ich sehr schätze». Und auch wenn jemand nicht mehr oder nur noch selten beschäftigt werde, heisse das nicht, dass sie ihn nicht gut finde: «Wenn eine Sängerin schon bei der letzten oder sogar vorletzten Produktion die Lucia di Lammermoor gesungen hat, ist es Zeit für einen Wechsel.»

Jubeln – und schweigen

Unter den Neuen, die dann nachrücken, befinden sich etliche «Mitbringsel» aus de Lints ehemaliger Agentur. Das sei sinnvoll, sagt sie: «Ich habe diese Leute ja vertreten, weil ich sie wirklich gut finde. Und ich kenne sie besser als alle anderen, das hilft.» Meistens jedenfalls: Als sie Pavol Breslik, einen ihrer Schützlinge, zum Faust in Gounods gleichnamiger Oper machte, befand die Kritik in seltener Einigkeit, dies sei die falsche Partie für diesen ansonsten ­guten lyrischen Tenor gewesen. Umgekehrt haben sich Sänger auch schon in Rollen bewährt, die sie sich selbst nie und nimmer ausgesucht hätten. Bei der Oper «Tri sestri» von Peter Eötvös etwa war das so: Neue Musik auf Russisch – so etwas lernt keiner freiwillig, also musste das Ensemble ran. Es hat gelitten. Und dieses Werk schliesslich mit sichtlichem Spass und packendem Resultat gesungen.

Fragt man im Zürcher Opernhaus nach der neuen Operndirektorin, hört man alles und das Gegenteil davon: Als umgänglich wird sie beschrieben, dann wieder als kalt. Manche rühmen ihre Kompetenz, andere halten sie für überfordert. Und wie ist die Stimmung im Ensemble? «Super!» jubeln die einen, aber immer wieder heisst es auch: «Ich will nichts sagen, ich habe Angst.»

Angst? Er höre das oft, sagt Hannes Steiger, Geschäftsführer des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbands: «Es ist nun mal so, dass Stellen am Opernhaus enorm begehrt sind. Auch wer nicht glücklich ist, muckt selten auf, aus Furcht vor Sanktionen, die existenziell sein könnten; es gibt ja kaum gleich­wertige Alternativen.» Dass es zuweilen knirscht in den Kulissen, habe auch, aber nicht nur mit dem Leitungswechsel zu tun: «Die Theater sind noch immer feudale Institutionen, da wird subjektiv entschieden, wer drin ist und wer nicht; das war unter Pereira nicht besser.»

Keine falschen Hoffnungen

Wie geht nun die neue «Feudalherrin» mit ihrer Verantwortung um? Sie habe gelernt, dass man «sehr klar» sein müsse, sagt Sophie de Lint: «Ich wecke keine falschen Hoffnungen. Ich sage ganz direkt: Ich weiss, dass du dies oder jenes singen möchtest, aber in Zürich wirst du das nicht tun.» Dass das nicht immer gut ankommt, dass sie Sänger (und bei langjährigen Zürcher Protagonisten auch ihre Fans) enttäuscht: Das weiss sie, «und glauben Sie mir, es ist nicht immer an­genehm».

Ein heikler Job, wie gesagt. Einer, der nicht nur fachliche Kenntnis, sondern auch menschliche Umsicht verlangt. Es sei in jeder Hinsicht ein Learning by Doing, sagt Sophie de Lint. Was sie heute anders machen würde? Diese Frage beantwortet sie nur inoffiziell. Aber wie es ihre Art ist: deutlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2014, 08:33 Uhr

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