Interview

«Die Hochkultur brauche ich nicht, schon gar nicht die Oper, die ist Horror»

Von der Roten Fabrik in die Tonhalle: die Jazzpionierin Irène Schweizer über ihre lange Karriere als Musikerin.

«Ich habe nicht mehr das Bedürfnis zu stampfen»: Irène Schweizer will das Leben nun geniessen.

«Ich habe nicht mehr das Bedürfnis zu stampfen»: Irène Schweizer will das Leben nun geniessen. Bild: Doris Fanconi

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Irène Schweizer, mit fast 70 Jahren spielen Sie zum ersten Mal in der Tonhalle. Nervös?
Ja, sehr. Das ist nicht mein Ambiente.

Wissen Sie schon, was Sie spielen?
Ich bin dran, das Programm zusammenzustellen (dieses Interview fand drei Wochen vor dem Konzert statt, Anmerkung der Red.). Ich habe noch nie ein so langes Solokonzert gegeben, mindestens 75 Minuten. Es wird also nur ein Teil improvisiert sein, daneben werde ich Stücke von Musikerinnen und Musikern interpretieren, die ich schätze – etwa von Thelonius Monk, Don Cherry oder Carla Bley.

Wissen Sie, was Sie anziehen?
Ja, das ist geklärt.

Und?
Bestimmt kein kleines Schwarzes und keine High Heels (lacht).

Ist es für Sie etwas anderes, in der Tonhalle zu spielen als im Jazzclub?
Ja.

Warum? Haben Sie das Gefühl, von Ihnen werde ein definitiveres Statement erwartet, ein Werk?
Ja, genau.

Es ist doch bloss ein anderer Raum.
Schon, aber er hat eine ganz andere Tradition und eine ganz andere Atmosphäre. Es ist eben nicht die Aktionshalle in der Roten Fabrik, in der ich mich eher daheim fühle. Aber die Unsicherheit rührt ja gerade daher, dass ich nicht weiss, wie es sein wird.

Ihr Stammpublikum wird auch da sein.
Aber es werden auch Leute kommen, die nie einen Fuss in die Rote Fabrik setzen würden. Sie sagen sich: Jetzt kommt der Jazz in die Tonhalle, jetzt gehen wir ihn uns mal anhören.

Jetzt ist es Kunst.
Hohe Kunst.

Was bedeutet es Ihnen, mit fast 70 Jahren in den etablierten Kulturbetrieb aufgenommen zu werden?
Eigentlich nichts. Darauf habe ich nicht gewartet.

Man kann sich fragen, ob die Tonhalle für Sie die richtige Bühne ist.
Ja, das meine ich auch. Nun gut, wir werden es sehen (lacht).

Das Konzert ist am Tag des Sechseläutens. Das könnte als Statement verstanden werden einer Musikerin, die sich in den 80er-Jahren in der Gegenkultur bewegt hat.
Das Datum ist Zufall. Beziehungsweise war es das einzige, das frei war.

Wir müssen also nicht damit rechnen, dass Sie zum 75. Geburtstag im Opernhaus spielen.
Nein, bestimmt nicht. Diese Hochkultur brauche ich nicht, schon gar nicht die Oper, die ist der Horror.

Spielten klassische Komponisten denn gar keine Rolle für Ihre eigene Musik?
Doch, in den 60er- und 70er-Jahren beschäftigte ich mich intensiv mit der Wiener Schule von Schönberg, Berg, Webern. Auch die zeitgenössische Klaviermusik interessiert mich immer noch, gerade habe ich von Elliot Carter die «Night Fantasy» gekauft.

Was für Musik hören Sie sonst?
Kollegen, die neue CDs herausbringen. Und sonst vor allem die alte Jazzschule: Monk, Miles Davis, Coleman, Coltrane, Nichols. Die 50er-Jahre vor allem.

Die eigenen CDs?
Nie.

Fühlen Sie sich als Jazzmusikerin noch als Teil einer Avantgarde?
Ich trage immer noch diesen Stempel aus den 70er-Jahren: Die Schweizer, das ist diese Free Jazzerin, die mit den Ellbogen spielt. Heute sind Les Diaboliques sowie die Duos mit Pierre Favre und Han Bennink aber die einzigen Gruppen, in denen ich völlig frei spiele. Meistens spiele ich schön brav Kompositionen.

Die Pionierin des europäischen Free Jazz ist gar keine Free Jazzerin?
Ich habe vor und nach Free Jazz andere Sachen gespielt. Klar, in den 70ern war es ja gewissermassen verboten, konventionellen Jazz zu spielen. Niemand, der vorwärtskommen wollte, spielte ihn noch. Ich machte da auch mit, aber in Wahrheit war ich nie so radikal. Ich streute immer wieder einen «richtigen» Jazzakkord ein oder spielte im Timing.

Was bedeuten Freiheit und Radikalität heute in der Musik?
Nichts, diese Begriffe stimmen nicht mehr. Sie passen nicht zur heutigen Zeit. Obwohl die Gewalt gerade wieder allgegenwärtig ist in der Welt, ist es doch ganz anders als in den 60er-Jahren. Vielleicht bin ich auch nur älter geworden. Ich habe jedenfalls nicht mehr das Bedürfnis, zu stampfen und dieses Powerplay zu spielen – ich kann es auch nicht mehr. Ich muss mich nicht mehr wehren, und ich bin auch nicht mehr die einzige Frau, die Jazz spielt.

Sie suchen heute eher den Frieden als die Freiheit?
Ja. Ich habe in letzter Zeit die afrikanische Musik aufgearbeitet, die ich eigentlich von Dollar Brand her aus den 60er-Jahren schon kannte. Diese schönen, fast hymnischen Stücke neu zu interpretieren, das ist wunderbar.

Die 70er- und 80er-Jahre waren wohl die intensivste Zeit in Ihrer Karriere. Vermissen Sie es nicht ab und zu, Teil eines künstlerischen und politischen Aufbruchs, einer so kraftvollen Bewegung zu sein?
Nein, das müssen heute andere machen. Ich habe da keine Ambitionen mehr.

Sie haben den Frieden gefunden.
Sagen wir es so: Ich will meine Ruhe (lacht).

Wie ruhig kann man als Berufs-Jazzerin überhaupt alt werden? Reich sind Sie ja nicht geworden.
Nein, aber ich habe jetzt meine AHV, auch wenn sie nicht besonders hoch ist, und ich hatte eine dritte Säule. Ich lebe allein und habe keine Familie, kein Haus und kein Auto. Ich kann leben so – und zwar ohne dass ich mich ständig um Auftritte kümmern müsste. Junge Musiker beneiden mich darum, dass ich nicht mehr rumtelefonieren muss, sondern dass ich angefragt werde für Konzerte. Das ist tatsächlich ein Privileg.

Vor drei Jahren brachen Sie sich den Arm und konnten drei Monate lang nicht spielen. Was bedeutete das?
Ich hatte drei Monate keine Einnahmen. Und ich konnte als freischaffende Musikerin ja auch nicht stempeln gehen. Die Suisa hat einen Fonds für Notfälle, sie hat mir ein bisschen Geld überwiesen.

Eine weltbekannte Musikerin wie Sie musste betteln gehen?
Es war ja nur das eine Mal.

Dachten Sie in Ihrer 50-jährigen Karriere nie: So, jetzt müsste dann mal etwas Geld reinkommen, jetzt wäre mal Mittelstand angesagt?
Nie.

Aber das ist wohl trotzdem ein Vorteil davon, in der Tonhalle zu spielen: Die Gage ist besser.
Das ist sie.

Keith Jarrett soll 100'000 Franken für sein Solokonzert in der Tonhalle erhalten haben.
Jarrett ist ein Abzocker. Ein Solokonzert ist nicht 100'000 Franken wert.

Wie viel ist ein Solokonzert wert?
Vielleicht 10'000 Franken?

Sie werden bald 70. Was suchen Sie noch in der Musik?
Das ist eine schwierige Frage. Vor allem möchte ich mit den Musikerinnen und Musikern, mit denen ich in den letzten Jahren gespielt habe, weiterspielen. Und ich wünsche mir, dass das für mich selber interessant bleibt und mich weiterhin antörnt. Aber ich habe keine Ambitionen, mich neu zu erfinden.

Hatten Sie in Ihrer langen Karriere nie Angst, langweilig zu werden?
Nicht wirklich.

Auch nicht sich selbst gegenüber?
Doch, ich hatte Ende der 90er-Jahre eine Krise. Mir war es ein wenig verleidet, was und wie ich spielte, ich dachte, es sei immer das Gleiche. Und ich spürte auch von vielen Mitspielern her keine guten Vibes mehr. Wie sagt man dem: Klimakterium.

Und wie kamen Sie da raus?
Ich spielte weiter, und irgendwann ging es besser.

Aber Sie spielten auch weniger.
Ja, ich wollte die Zahl der Auftritte abbauen und habe abgebaut. Ich gehe nicht mehr drei Wochen auf Tournee.

Sie schwimmen lieber im Zürichsee.
Ja, ich will die Zeit geniessen. Ich bin 70. Wenn ich noch zehn Jahre auf Tournee gehe, werde ich mit 80 keine Zeit mehr haben, die ich geniessen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2011, 20:37 Uhr

Irène Schweizer

Pionierin des Schweizer Jazz

Am 2. Juni 1941 in Schaffhausen geboren, arbeitete Irène Schweizer noch als Sekretärin, als sie 1960 das Amateur-Jazzfestival in Zürich gewann. Auf den Zürcher Jazzbühnen der 60er-Jahre traf sie Abdullah Ibrahim und Cecil Taylor und fand so zum Free Jazz. Die Pianistin und Schlagzeugerin wurde zu einer der wichtigsten Exponentinnen dieser Musik in Europa. Immer wieder spielte Schweizer in ihren Gruppen mit Frauen zusammen, so in der Feminist Improvising Group, mit Co Streiff oder bei den heute noch bestehenden Les Diaboliques (mit Joëlle Léandre und Maggie Nicols). Daneben gründete Schweizer das Taktlos-Festival ebenso mit wie die Zürcher Plattenfirma Intakt Records, wo ihre CDs erscheinen. 1990 erhielt sie den Kulturpreis der Stadt Schaffhausen, 1991 den Kunstpreis der Stadt Zürich, wo sie lebt.

Irène Schweizer hat in ihrer 50-jährigen Karriere ein paar Dutzend CDs veröffentlicht – nur schon die neueren Arbeiten geben einen Eindruck von der Vielseitigkeit dieser Musikerin. Die CD «Portrait» (2005) gibt einen Überblick über die lange Karriere von Irène Schweizer. Kurz vor ihrem 70. Geburtstag nun spielt die Pianistin heute Montag, 11. April, ihr erstes Solokonzert in der Zürcher Tonhalle. (cf)

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