Die Leiden eines Rockstars

Von alten Beziehungslasten und neuer Lebensfreude – Dave Stewart von den Eurythmics über sein neues Soloalbum «The Ringmaster General».

Dave Stewart bei einem Konzert in New York.

Dave Stewart bei einem Konzert in New York. Bild: Keystone

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Dave Stewarts neues Album ist eine kleine Sensation. Stewart, die männliche Hälfte des 80er-Pop-Duos Eurythmics, produzierte zwar in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten Unmengen Platten seiner berühmten Kollegen wie Jon Bon Jovi, Bryan Ferry und Ringo Starr. Sein eigener Name war seit mehr als zehn Jahren aber nur noch im Kleingedruckten diverser Album-Cover nachzulesen. Dabei hat der notorische Sonnebrillenträger viel zu erzählen in seinen Songs. Im letzten Jahr erschien sein erstes Soloalbum nach knapp 13 Jahren, «The Blackbird Diaries». Aufgenommen unter Live-Bedingungen in einem Studio in Nashville, in nur fünf Tagen.

Eine unendliche Geschichte

Es ist dieser Spontaneität zu verdanken, dass jetzt, nur knapp zwölf Monate, später bereits ein neues Album folgt. Einer der markantesten Songs von «The Ringmaster General» heisst «A Different Man Now». Das Lamento ist zwar allen gewidmet, die Opfer von Verletzungen als Folge von Freundschaft und Liebe geworden sind, aber Mr. Stewart spricht darin eine persönliche Wunde an, wie der 59-Jährige überraschend offen erzählt.

«Es geht um die unendliche Geschichte zwischen Annie Lennox und mir. Wir haben nicht nur als Paar zusammengelebt, sondern lebten auch gemeinsam mit der Bestie Ruhm. Weder ich noch sie haben unsere Beziehung zueinander je entwirrt. Ihr erster Solo-Hit ‹Why› handelt vom gleichen Gefühl, das ich mit meinem neuen Song beschreibe. Das Video zu ihrer Single ‹Walking On Broken Glass› stellt sogar ihre Gefühle während der Hochzeit mit meiner zweiten Ehefrau dar. Dieser Kurzfilm gibt quasi meine Hochzeit wieder. Songschreiben ist für mich immer noch die gesündeste Form der Aufarbeitung meiner Biografie.»

Eingebettet in schweren Blues- und Country-Rock gewinnen Stewarts neue Songs sowohl an musikalischer als auch an textlicher Tiefe, deren Erkunden bei seinen früheren Platten oft die Leichtigkeit der Mitsing-Refrains im Wege stand. Auch und vor allem bei den Eurythmics. Hinter Pop-Evergreens wie «Sweet Dreams», «Here Comes The Rain Again» und «There Must Be An Angel» konnte freilich immer inhaltlicher Mehrwert gefunden werden. Heute ist Stewarts Musik im besten Sinne dunkler, erdiger, kantiger.

In einer düsteren Lebensphase steckt der ruhige, angenehme Gesprächspartner aber keineswegs, wie er sagt. «Seit Ewigkeiten lebe ich in Nord-Hollywood, in einem Haus, das eine besondere Atmosphäre besitzt. Wenn man rausschaut, überblickt man ganz Los Angeles, und innen fühlt man sich wie in einem New Yorker Loft.» Es ginge ihm so gut wie selten zuvor, nuschelt er. Seine Frau, seine Söhne, sein Tagwerk – alles mache ihn irgendwie glücklich.

Neues Superheavy-Projekt geplant

Die Lebensfreude wird nicht nur in seiner neuen Platte offenbart. Auch sein momentanes Arbeitspensum weist auf verstärkten Tatendrang hin. Im letzten Jahr produzierte er direkt im Anschluss an sein eigenes Album eine Platte für Joss Stone, die auch Teil seines Musikkonglomerats «Superheavy» war, das unter Mitwirkung von Mick Jagger zum grossen Wurf ausholte, der gemessen am Brimborium, der für die Band gemacht wurde, letztlich doch ausblieb. «Ich finde, dass wir die Idee einer modernen Supergruppe gut etabliert haben. Es wird auf jeden Fall ein weiteres Superheavy-Album geben», prophezeit Stewart. «Wer daran mitarbeiten wird, steht allerdings noch nicht fest. Ich habe die Gruppe ohnehin in Sachen Mitglieder nie statisch, sondern als Lust-Projekt betrachtet. Wer mitmachen will, ist herzlich eingeladen, solange er oder sie etwas Individuelles beizutragen hat.»

Über Unausgegorenes lohne sich aber ohnehin nicht zu reden, findet Stewart. Es gäbe Wichtigeres für ihn im Moment. Das Finden seiner eigenen Stimme beispielsweise. Zwar ist Stewart seit mehr als 30 Jahren einer der einflussreichsten Musiker und Komponisten der Popgeschichte, aber während er meist im Hintergrund die Saat säte, in die andere ihre Stimmen betten konnten, fand seine eigene Stimme kaum Gehör. Nicht zuletzt, weil er seine eigene Stimme selbst nie sonderlich mochte, wie er selbst sagt. «Meine eigene Stimme wollte nie zu den Songs passen, die ich schrieb und produzierte. Erst in den Sessions zur letzten Platte entdeckte ich die Besonderheiten meiner Stimme.»

Gesangliche Unterstützung fand er während der Aufnahmen zur neuen Platte von Freunden, die sich gerade in Nashville befanden: Alison Krauss, Joss Stone und Jessie Baylin. Die Arbeit an «The Ringmaster General» habe sich wie eine Heimkehr angefühlt, sagt Stewart. «Als kleiner Junge in England hörte ich die Musik, die ich jetzt selbst mache. Scheinbar brauchte ich Umwege zur Findung meines musikalischen Ideals. Das neue Album drückt aber auch ein Stück weit die Leiden eines Rockstars aus», spöttelt Stewart zum Schluss. «Die luxuriösen, wohlgemerkt. Vielleicht wirkt meine Stimme diesmal deshalb besonders authentisch.» (dapd)

Erstellt: 29.08.2012, 09:20 Uhr

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