Die Masse ist mit ihm

Antoine Konrad alias DJ Antoine wurde reich mit seinen Electro-House-Alben, verkauft aber auch Raumdüfte. Ab Januar kennt ihn ganz TV-Deutschland.

Eine Art Klassiker: Über 120 Millionen mal wurde «Welcome to St. Tropez» auf Youtube angeklickt.


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«Ein Schnäppchen wars», sagt Antoine Konrad und dreht am Fingerring mit dem goldenen Tigerkopf. Er hat ihn für gut 5000 Dollar in Dubai gekauft. «In der Bahnhofstrasse wäre das Ding zehnmal teurer gewesen.»

Konrad, bekannt für seine modische Extravaganz, ähnelt heute einem versnobten Privatbanker vor der Finanzkrise. Nach einer langen Tour besucht er wieder einmal sein Büro in Sissach. Er wird umwuselt von drei eifrigen Angestellten und umlagert von goldenen und silbernen Schallplatten. Im Büro wurden Konrad-Pappfiguren in Lebensgrösse aufgestellt, als müsste irgendjemand daran erinnert werden, wer hier der Boss ist.

«Der Brand ist alles»

«Der Brand ist alles», sagt Konrad und meint «Marke». Das Baseldeutsch des 39-Jährigen ist gespickt mit englischen Vokabeln, die nach Selbstsicherheit und Weltläufigkeit klingen. Um sich respektive seine Marke noch bekannter zu machen, wird Konrad Anfang Januar zur TV-Berühmtheit: Er wird Jurymitglied der Castingshow «Deutschland sucht den Superstar» und während der Sendung neben Popproduzent Dieter Bohlen und Schlagersänger Heino sitzen. «‹DSDS› ist eine tolle Möglichkeit, den Menschen meine Persönlichkeit zu präsentieren», sagt Konrad.

Selbstverständlich wird er die «Face-Time» nutzen, um seine aktuellen Produkte zu bewerben: Neben einem neuen Album hat er zuletzt seinen ersten Raumduft auf den Markt gebracht. «Ein freundlicher, nie aufdringlicher Duft», erklärt Konrad. Es gebe «AK 1» in vier Variationen, da habe es sicher für jeden etwas dabei.

Von «grosskotzig» bis «grottenschlecht»

In der Schweizer Musikszene wird niemand so beargwöhnt wie DJ Antoine. Bei vielen steht er im Ansehen noch tiefer als Rapper Bligg, der sich der Volksmusik angebiedert hat. Seine Musik gilt als ebenso belanglos wie jene von DJ Bobo, wobei dieser immerhin demütige Interviews gibt. In Onlineforen wird er wahlweise als «behämmert», «grosskotzig», «grottenschlecht» oder «einfach nur lächerlich» bezeichnet.

Doch die «Haters», wie Konrad seine Kritiker nennt, tun ihm unrecht; ihre Wut zielt ins Leere. Denn Antoine Konrad ist kein Musiker, der seine Seele und Kunst schändlich verkauft hat – sondern ein Unternehmer, der sich auf Verkauf und Vermarktung von Musik spezialisiert hat. Wer Konrad Kommerz vorwirft, der muss das auch dem Glacehändler in der Badi vorwerfen. Wieso soll man den Leuten kein Kaffee-Erdbeer-Eis verkaufen, wenn sie genau das kaufen wollen?

Konrads Jugendidol waren nicht Carl Craig, der Detroiter Elektro-Pionier, oder Sven Väth, der Guru des deutschen Techno, und auch nicht Giorgio Moroder, der Synthie-Zauberer der Italo-Disco. Nein, es war sein Grossvater, der KMU-Patron. Jules Konrad leitete bis Anfang der 80er-Jahre eine Firma, die Abdeckungen für Schwimmbäder produzierte und installierte. «Ich bewunderte seinen Unternehmergeist», sagt Konrad. Jules habe früh in ihm das Verlangen nach materiellem Erfolg geweckt. «Ich wollte etwas aufbauen und Geld verdienen damit. Mein Grossvater zeigte mir, was alles möglich ist, wenn man mit Geld sorgfältig umgeht.»

Der Wunsch, sich als Unternehmer selbstständig zu machen, habe sich während der Zeit als KV-Lehrling verstärkt – einerseits, weil er vom direkten Vorgesetzter schikaniert worden sei, anderseits habe ihn der Firmenchef beeindruckt: «Der hatte schicke Kleider, tolle Autos.»

Villa in Sissach

Die Dinge, die er an seinem Chef bewundert hatte, kann er heute alle selber haben. Als die Musikindustrie Anfang der 2000er zusammenkrachte, bezog er in Sissach eine Villa. Er besitzt mittlerweile vier recht eindrückliche Autos. «Ich bin happy mit meinem Leben», sagt er. Es gibt keinen Grund, ihm das nicht zu glauben – schliesslich konnte er in der glamourösen Musikbranche reich werden und musste dafür nicht Schwimmbäder ausbessern wie sein Grossvater.

Seit der Gründung des Plattenlabels Houseworks 1999 hat Konrad ein komplexes Firmengeflecht aufgebaut. So betreibt er auch die Global Productions GmbH, die Konrad Antoine Global Bookings GmbH, die Edition 100 Percent Hype GmbH und die AK Babe GmbH. Konrad veröffentlicht jedes Jahr mindestens ein eigenes Album, die letzten drei Alben erreichten alle Platz eins der Schweizer Hitparade. Dazu kommen Remixes und Kompilationen. Mehr als 3 Millionen Tonträger hat Konrad insgesamt verkauft, über 120 Millionen Mal wurde der Clip zu «Welcome to St. Tropez» auf Youtube angeklickt. Pro DJ-Set verdient er bis zu 60 000 Franken. Ohne Zweifel: Die Masse ist mit DJ Antoine.

Bewirtschaftete Sehnsüchte

Spricht man Konrad allerdings auf seine künstlerischen Ziele an, verstummt der muntere Plauderton. «Einen guten Mood müssen meine Stücke haben», sagt er knapp. Seine Songs und Remixes folgen allesamt dem Prinzip der routinierten Euphorie: die Behauptung der ultimativen Party und des Über-sich-hinaus-Tanzens, das Versprechen einer sofortigen Erlösung von Arbeit und sozialen Zwängen, das Feiern einer Luxuswelt voller Ruhm, Geld und Sex. Die letzten Alben hiessen «We Are the Party»,«Sky Is the Limit», «Welcome to DJ Antoine» und «WOW».

Konrad bewirtschaftet letztlich dieselben Sehnsüchte wie etwa die Realitysoap «Keeping Up with the Kardashians». Die Herstellung eines neuen DJ-Antoine-Songs unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Herstellung eines neuen Joghurts; standardisierte Prozesse erlauben hier wie dort eine reibungslose Massenproduktion. Konrad stützt sich auf die DJs seines Labels, aber auch auf ein imposantes internationales Netzwerk von Produzenten und Musikern, die für einen steten Zustrom an Beats, Melodien und Texten sorgen. Als es darum ging, den Gesangspart der Single «Ma Chérie» zu besetzen, liess Konrad unter anderen auch Enrique Iglesias vorsingen. «Aber das passte irgendwie nicht.»

Bald auch Schlager?

Wie gross Konrads künstlerischer Anteil an einem fertigen Song ist, lässt sich nur schwer sagen. Er programmiert zwar auch Beats, seine eigentliche Stärke liegt aber im Abwägen von Sound-optionen, die ihm andere vorschlagen. Er pflegt keinen eigenen Stil, sondern umkreist den Massengeschmack. Den Schlagerboom um Helene Fischer verfolgt er derzeit denn auch sehr aufmerksam. «Schlager zu produzieren, würde mich reizen», sagt er. Konrad perfektioniert als DJ Antoine, was Soziologen als «Kulturindustrie» bezeichnen: die Bewertung von Musik nach ausschliesslich ökonomischen Massstäben. Nur Zahlen zählen, Chartsplatzierungen also und Airplay im Radio. Konrad sagt: «Musik, die es in die Charts geschafft hat und von den Radios rauf und runter gespielt wird, kann nicht wirklich schlecht sein.»

Bevor er TV-Juror wird, zieht sich Konrad zu Jahresende auf die griechische Insel Santorini zurück. Dort hat er eine Villa mit mehreren Aufnahmestudios gemietet. One Republic, eine der -erfolgreichsten Popgruppen der USA, habe auch schon dort gearbeitet, sagt Konrad. Der Basler hat eine komplette Band auf Abruf bestellt und lässt diverse renommierte Produzenten einfliegen. Einer von ihnen hat Hits für Britney Spears angefertigt, ein anderer schon für Jennifer Lopez gearbeitet.

«Der nächste Hit muss kommen, klar», sagt Konrad. Trotz Millionenumsatz und TV-Präsenz, Jugendstilvilla und Goldring: Es ist dasselbe bange Gefühl, mit dem sein Grossvater Jules früher auf den erlösenden Anruf eines Schwimmbadbetreibers gewartet hatte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.12.2014, 23:06 Uhr

Klar, wer hier der Boss ist: Unternehmer DJ Antoine in seinem Büro in Sissach. (Bild: Dieter Seeger)

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«We are the Party», 2014.

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«Light It Up», 2013.

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«Broadway», 2012.

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«Ma Chérie», 2010.

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