Die Platten-Spieler

Kick ’n’ Roll: Pascal Claude hat in Zürich eine einzigartige Sammlung von Fussballsongs zusammengetragen. Sie ist bereits mehrfach ausgestellt worden und jetzt auf einer tollen Webseite anzusehen und anzuhören.

Klassiker des Klangschaffens: Eine kleine Auswahl aus Pascal Claudes umfangreicher Sammlung.

Klassiker des Klangschaffens: Eine kleine Auswahl aus Pascal Claudes umfangreicher Sammlung. Bild: Dominique Meienberg

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Es erinnert stets ein bisschen an das Ende im Film «Casablanca», wenn man miterlebt, wie etwas Kleines bei einem gestandenen Mann das ganz grosse Gefühl erweckt. So jüngst geschehen an einem Gartentisch im Zürcher Friesenbergquartier, wo der Familienvater Pascal Claude die Vinyl-Single «Muchachos Yo Soy de Boca» in den Händen hielt und nach einem Schluck Espresso vermeldete: «Wenn ich eine solche Rarität finde, schüttelt es mich richtig durch.»

Das Lied ist ein Tango aus den 50er-Jahren, eingespielt von Jose Berra Y Su Orquesta, dramatisch bis in die Eingeweide, wie es sich für diese Gattung nun mal gehört. Und doch gibt es da einen entscheidenden Unterschied: Besungen wird nämlich nicht die Liebe zu einer holden Maid, sondern die Zuneigung zu den Boca Juniors, bei denen 1981 auch Goldjunge Maradona auf seinem Weg zum Fussballgott eine Spielzeit lang ein Torfestival veranstaltete.

Wenn Pascal Claude solches Wissen preisgibt, tut er es auf dieselbe packende und doch entspannt-augenzwinkernde Art, die man von seinen Fussballkolumnen her kennt: Die schelmischen Expertisen sind von 1997 bis 2004 in seinem Fanzine «Knapp daneben» und von 2006 bis 2008 unter selbem Namen in der WOZ erschienen, seither publiziert er sie auf seiner Website. Die Texte, die ebenso viel übers Leben wie über den Sport erzählen, haben Claude quer durch alle Fanlager zu einer Instanz gemacht. Zudem, das wäre nun der Rückpass zur Musik, haben sie ihm beim Ausbau seiner Fussballsongkollektion geholfen: Seit er mehrmals über singende Spieler schrieb, erhält er immer wieder Platten, die Kollegen und Leser auf Flohmärkten oder in Brockis entdeckt und extra für ihn erworben haben.

Ganz nah bei «Kaiser» Franz

Es passt zu dieser Anekdote, dass der Trompeter des Rock-’n’-Roll-Orchesters Jolly and the Flytrap, musikalisch einst durch Hardcore-Punk sozialisiert, die eigenen Verdienste an seiner Sammlung relativiert. Seine erste 45er, den «FCZ-Song» der Dorados, habe er 1994 von einem WG-Kumpel geschenkt bekommen, sagt Claude. Und ohne die Hilfe von «grandiosen Scouts» – befreundete Musikdealer in Mailand und Bolton sowie Buzz und Netz Mäschi mit ihren Plattenläden 16 Tons und Spooky Sound im Zürcher Kreis 4 – «wäre die Sache wohl ein amüsanter Zeitvertreib geblieben».

Die Realität sieht anders aus. Claudes Sammlung, die rund 900 Singles und etwa 100 Compilations, LPs und CDs umfasst, ist zwar nicht die umfangreichste; bei Cherry Red Records in England oder auf dem deutschen Portal fc45.de sind mehr Fussballtonträger gelistet, und jüngst hat ein italienischer Kollege eine laut Claude «fantastische Calcio-Platten-Diskografie» publiziert. Doch was die geografische Breite, die Originalität und die immense Anzahl an Seltenheiten anbelangt, ist seine Singles-Sammlung weltweit einzigartig.

Indirekt bestätigt wird diese Einschätzung durch zwei Ausstellungen: 2006, im Vorfeld zur Fussball-WM in Deutschland, wurde ein stattlicher Teil der Kollektion im Berliner Martin-Gropius-Bau präsentiert – direkt neben dem Warhol-Porträt von «Kaiser» Franz! Zwei Jahre später, als Österreich und die Schweiz die Euro 08 durchführten, war die eigentümliche Gebrauchsgrafik in Form von Platten-Covern in der «herz:rasen»-Schau im Technischen Museum in Wien zu bestaunen. Zudem hat jüngst auch die französische Tageszeitung «Le Progrès» gross über die Sammlung berichtet.

Dieses breite positive Echo hat Claude schliesslich dazu bewogen, die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zum einen veranstaltet er in unregelmässigen Abständen Fussballmusikvorträge, zum andern hat ihm der Bandkollege Fabian «Hefe» Christen die formidable Website 45football.com eingerichtet: Klickt man eine der vielen Hundert Plattenhüllen an, öffnet sich ein Fenster. In diesem sind die A- und die B-Seite, das Erscheinungsjahr, das Label, das Land sowie die Band oder der Interpret ersichtlich. Zusätzlich kann man sich – in den meisten Fällen – den A-Seiten-Song anhören. Es versteht sich von selbst, dass die Kuratierung dieser Onlinegalerie einer Menge Recherchearbeit bedarf. Und wer intensiv recherchiert, häuft Wissen an – Hintergrundwissen über die Geschichte und die Phänomene der Fussballmusik.

Charles Lewinskys GC-Song

Als älteste Platte gelte eine auf Schellack verewigte Aufnahme des englischen Cupfinals von 1927 zwischen Cardiff City und Arsenal, erzählt Claude. Der Durchbruch als eigenständige Gattung kam in den Sixties, vorab in England und oft in Form martialisch anmutender Marschmusik. Auf diese Zeit geht auch der berühmteste Football-Chant überhaupt zurück: «You’ll Never Walk Alone» in der Version von Gerry & The Pacemakers; vor jedem Anpfiff an der Anfield Road in Liverpool und im Celtic Park in Glasgow von den Fans ins Rund geschmettert.

1966 erschien dann zum ersten Mal eine offizielle WM-Single, bald darauf stellte sich auch der berühmte Pelé ans Mikrofon und popularisierte so die Untergattung der singenden Akteure (die im Internet bisweilen ironisch als «Platten-Spieler» bezeichnet werden). Auch in Italien wurde zu jener Zeit Fussballmusik produziert – hoch professionell, wie Claude betont, die oft pathetischen Lieder wurden von gestandenen Orchestern und Sängern eingespielt.

Die dunkelste Periode erlebte das Genre in den 80er- und 90er-Jahren, als kommerzieller Schrott und akustische Verbrechen auf Vinyl verewigt wurden. In letzter Zeit gehe es tendenziell wieder aufwärts, findet der Experte: Die 2010 veröffentlichte St.-Pauli-Hymne «Das hier ist Fussball» von Tomte-Sänger Thees Uhlmann habe wirklich Stil, und kürzlich habe er einen coolen neuen Rap über Olympique Marseille gehört.

10'000 Fussballplatten weltweit

Weltweit, schätzt der 43-Jährige, der Teilzeit als Pädagoge arbeitet, gebe es etwa 10'000 Fussballplatten. Dabei seien es vorab drei Faktoren, die zu Veröffentlichungen führten: die Tradition und Wichtigkeit eines Vereins, gewonnene Titel sowie der Stellenwert des Fussballs in einem bestimmten Land.

Beim Kaufen sei er heute kritischer als früher, verrät Claude. Klassiker, Raritäten und Lieder, «die nahe am Geschehen» sind, das gehe immer. «Schräge Sachen müssen aber schon richtig wehtun, damit ich sie nehme, so wie ‹Kebab (Jetzt kommt Maradona)› von Werner Wichtig.» Ein besonderes Augenmerk hat er seit jeher auf Schweizer Clubsongs gelegt – und so herausgefunden, dass es mehr Singles über GC (4) als über den FCZ (3) oder den FC Basel (1) gibt ... und dass der Text zum von Nöggi gesungenen «GC günt!» tatsächlich aus der Feder von Charles Lewinsky stammt!

Ja, und damit wären wir schliesslich bei jener Frage angelangt, auf die man unter grossen Buben einfach nicht verzichten kann – es ist die Frage nach den Lieblingssongs seiner Sammlung. Hier sind sie:


1. «Azul y Grana» (Los Jugadores del F. C. Barcelona, 1974).
2. «Ich glaube an de SVD» (Gerald Wrede, 2001).
3. «Muchachos Yo Soy de Boca» (Jose Berra Y Su Orequesta; 50er).
4. «We Are Leeds» (The Crew, 1990).
5. «Himna Crvene Zvezde (Studijski ansambl)» (Hor KUD Branko
Krsmanovic, 1976).


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2013, 23:05 Uhr

Mag Sportmusik: Pascal Claude. (Bild: Dominique Meienberg)

«Azul y Grana»

«We Are Leeds»

Singende Beine

Die Fussballsongvorträge
Hin und wieder bringt Pascal Claude sein Fussball-Vinyl auch vor Publikum zum Einsatz. Unter dem Titel «Singende Beine» veranstaltet er höchst unterhaltsame Vorträge zu spezifischen Themen, bei denen er nicht nur die Lieder (und Heuler!) anspielt, sondern auch Wissenswertes über die Stücke verrät. Die Vorträge dauern in der Regel 2× 45 Minuten – inklusive Halbzeitpause.

Einmal, erzählt er, sei er für eine Feier der stolzen Muttenzer Fankurve engagiert worden. Aus «Ironie» habe er da die von Nöggi intonierte Hymne «GC günt!» aufgelegt. Zu seinem Erstaunen hätten die hartgesottenen FCB-Anhänger, die den Song vom Stadion her kannten, sofort johlend eingestimmt. Anders die Reaktion, als er das Lied bei einem Fananlass in St. Gallen spielte: «Da hielten die Leute die Ohren zu und flehten mich an, die Tortur zu beenden.»

Was Pascal Claude im Vortrag thematisiert, den er heute an der Finissage der Fankulturausstellung im FCZ-Museum hält, entscheidet er spontan. Dafür, verrät er, könne man die «Singenden Beine» neuerdings offiziell auch «für Firmenanlässe, Hochzeiten und so» buchen. Für Interessenten: knappdaneben@gmail.com. (thw)

Vortrag «Singende Beine», heute, 20 Uhr,
FCZ-Museum, Letzigraben 89.

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