Die Sauberfrau aus Sibirien

Der deutsche Schlagerstar Helene Fischer füllt das Hallenstadion zweimal. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

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Als die Hipster von Viva «Who the fuck is Helene Fischer?» fragten, erhob sich ein gewaltiger Shitstorm. Wenn die Feuilletonisten naserümpfend alte Reflexe bedienen («kitschig, verklemmt, kleinbürgerlich»), hagelt es empörte Leserbriefe. Alle Welt weiss doch: Helene Fischer, vor 30 Jahren in Krasnojarsk geboren, ist die amtierende «Königin von Deutschland» («Rolling Stone»): Eine «grandiose Stimmungskanone» (Bundestrainer Löw), eine «Top-Granate» (Hape Kerkeling), ein «fescher Hase» (Andreas Gabalier), ein «heisses Gestell» («Bild»).

Sie hat sieben Millionen Tonträger verkauft und alle Preise von der Krone der Volksmusik bis zum Echo abgeräumt. Sie hat die deutsche Nationalelf zum WM-Titel geführt und die Fanmeile vor dem Brandenburger Tor gerockt. Til Schweiger will sie als Partnerin im «Tatort». Sie steht als Wachsfigur bei Madame Tussauds, hängt als Starposter in Kinderzimmern, in Österreich kann man sie als Briefmarke ablecken – und im Zürcher Hallenstadion tritt sie jetzt an zwei Abenden nacheinander auf. Ihr Hit «Atemlos durch die Nacht» wird beim Oktoberfest gegrölt und von Afterkünstlern wie Ikke Hüftgold («Hackevoll durch die Nacht») parodiert.

Feiern mit der Nationalmannschaft: Helene Fischers Auftritt mit den Weltmeistern 2014 auf der Berliner Fanmeile. (Video: Youtube/ARD)

An den Texten kann ihr Erfolg nicht liegen. Zwar kam es im Schlagergeschäft noch nie auf poetische Subtilitäten an; Matthias Reim, Miley Cyrus oder Shakira kochen ja auch nur mit Wasser. Aber Titel wie «Willkommen in meinen Träumen» oder «Gefühle wie Feuer und Eis», Liedzeilen wie «Ich schliesse meine Augen /Lösche jedes Tabu. / Küsse auf die Haut / so wie ein Liebestattoo, oho» lassen erahnen, dass der vielfach beschworene «Wahnsinn» nicht mehr als eine Kompi­lation von Reizwörtern ist, so bieder wie ihre Bühnenperformance. Was Bewunderer der schönen Helene als «unglaublich positive, sympathische und natürliche Ausstrahlung» beschreiben, erscheint anderen als die sterile Anmutung einer Barbiepuppe.

Zeitgemässe Fusion

Keine Frage, die «staatlich anerkannte Musicaldarstellerin» kann singen, tanzen und eine Fernsehgala unfallfrei moderieren. Aber ihr Erfolg hat andere Gründe. Helene Fischer steht für eine zeitgemässe Fusion von Volksmusik, Schlager und Pop. Zwar bildet sie ein Dreamteam mit Florian Silbereisen, doch das «Feste der Volksmusik»-Gesicht passt zu ihr wie der Gamsbarthut zum Chanel-Kostüm. Ihr Image als sauberes Mädel – keine Tattoos, keine Piercings, keine Nacktfotos – hat sie sich auf der Ochsentour durch «ZDF-Fernsehgarten» und «Aktuelle Schaubude» hart erarbeitet. Irgendwie erweckt sie den Eindruck, als könne sie viel mehr, als von Herzschmerz zu schluchzen, das «Biene Maja»-Lied neu einzusingen oder Reiseleiterin im «Traumschiff» zu spielen.

Helene Fischer gehört nicht zu den traurigen Schnulzensängern, die ganz in Weiss bei Ballermannpartys auftreten. Sie fährt im BMW-Cabrio vor mit einem Powerlächeln: Wahnsinn. Die Frau, die 1988 aus der sibirischen Kälte kam, ist so etwas wie die Luxusausgabe des deutschen Schlagers geworden, und das macht ihre Landsleute stolz und ihre Fans atemlos närrisch: «Du fängst mich auf und lässt mich fliegen / Tanzen im Bad, die Sterne berühren, / mit dir kann mir alles passieren.»

Erstellt: 19.10.2014, 20:11 Uhr

Video

Helene Fischer, «Atemlos durch die Nacht».

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