Die Wut der Welt vergessen

Mumford & Sons, Kygo oder The XX sorgten auf frisch gestaubsaugten Bühnen für Erlebnisse, Emotionen – und massenhaft Umsatz.

Musikerlebnis: Besucher tanzen am Openair Zürich. Fotos: Sabina Bobst

Musikerlebnis: Besucher tanzen am Openair Zürich. Fotos: Sabina Bobst Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Man könnte ja auf die Idee kommen, schon alles gesehen zu haben an so einem Openair. Aber dann steht man an einem Samstagabend auf dem Festivalgelände in Rümlang bei Zürich und schaut fasziniert dabei zu, wie die Hauptbühne gestaubsaugt wird. Das dauert etwa fünfzehn Minuten und ist nicht etwa die Aufführung eines Werks von John Cage, sondern dient tatsächlich dazu, den Bühnenboden von den Verschmutzungen durch das vorangegangene Konzert zu reinigen.

So weit ist es gekommen im 50. Sommer nach den allerersten Openairs: Die Popkultur beseitigt im Stundentakt ihre Spuren. Soll bloss niemand den Staub – oder das Konfetti – aufwirbeln müssen, den ein anderer Star dort hinterlassen hat. So lernt das heute jedes Kind: Bitte lassen Sie die Bühne so zurück, wie Sie sie gerne antreffen würden.

Wie um den Staubsauger zu über­tönen, spielt derweil auf der zweiten Bühne eine andere Band. Es sind London Grammar, und ihre Musik hängt über dem Gelände wie süsser Raumspray. Es könnten aber gerade so gut The XX sein, die schon zum dritten Mal am Zürich Openair auftreten und dabei nicht mehr klarmachen können, wohin es mit ihrer Musik noch gehen könnte. 2010, als die Londoner mit ihrem Debütalbum zum ersten Mal ans Festival kamen, gelang ihnen mit ihren klirrend kalten Clubballaden eine Demonstration von menschlicher Distanz, die vis-à-vis der Publikumsmassen noch an Intensität gewann. 2013 dann war das Konzept hörbar gereift, doch 2017 nun scheint es an seinem Ende angekommen.

Einfach alles vergessen

«I See You», das aktuelle Album, hat es angedeutet: Diesmal ist in Rümlang eine Band zu sehen, die ihre karge, langsame Ästhetik in etwas Neues, etwas Poppigeres übersetzen will. Das ist nachvollziehbar, denn The XX sind älter geworden und singen nicht mehr über Teenage-Angst. Sie sind sicherer und selbstbewusster und zeigen, dass ihnen die Musik auch Spass macht. Wo Romy Madley Croft (Gitarre, Gesang) und Oliver Sim (Bass, Gesang) früher einfach nur auf der Bühne standen wie schockgefroren von der eigenen Musik, da gehen sie jetzt tänzelnd darüber hinweg, lachen ins Publikum und fragen Zürich, ob es gut gehe. The XX spielen heute hemdsärmliger, schneller – und beliebiger.

Die englischen Metronomy am Samstagabend auf der Hauptbühne des Zürich Openair.

Ihre neuen Soulpop-Nummern sind ja hübsch, aber die losen Gitarrenfiguren wirken darin wie eine noch nicht weggeräumte Restanz. Und auch mit der feinziselierten Elektronika, die Jamie Smith an der Konsole aufruft, gehen diese Songs nicht mehr richtig zusammen. Und so entsteht der Eindruck, dass diese Band womöglich einfach nicht mehr weiss, was sie eigentlich zu sagen hat. Dafür spricht eine Ansage von Oliver Sim, der erklärt, warum er Festivals so sehr liebe: «Weil man hier für ein paar Tage alles vergessen kann, was einen in der Welt wütend macht.»

Die Band, die mit ihren frühen Liedern zahllosen Teenagern eine Stimme gegeben hat, feiert neuerdings also den Eskapismus. Wie so was allerdings richtig ginge, zeigt Jamie Smith, als er nun sein Solo-Set aufstartet und mit dem Schub von ein paar Beatböllern und funkelnden Synths endlich dafür sorgt, dass ein Ruck auch durch das Publikum geht. Es ist, als sei in genau diesem Moment das Ende einer Band zu hören – auf der leer gesaugten, hell erleuchteten Hauptbühne eines Festivals. Danach ziehen die Leute einfach weiter, über die Wiese zu Rümlang, tätigen über das Cashless-System eine von insgesamt 240'000 Transaktionen, essen Pulled Pork und Burger nepalesischer Art. 80'000 sind gekommen, deutlich mehr als im Vorjahr und überhaupt so viele wie noch nie. Es ist ja auch viel Wut in der Welt, die hier an der Hand von hundert Bands vergessen werden will. Und ausserdem ist das Wetter schön.

Ein bisschen Ökonomie

Und die Maschine läuft. Die Bands produzieren pünktlich Erlebnisse und Emotionen, und für Hitzeschläge und leere Handyakkus hat man Notfallzelte eingerichtet. Es gibt viel gute Musik. Metronomy aus Totnes, England, spielen, wenigstens bis ihnen die guten Songs ausgehen, einen wunderbar schnippischen, in den hohen Gesängen fast schon hysterischen Elektropop, der in den besten Momenten an die Talking Heads erinnert. First Aid Kit, zwei Schwestern aus Schweden, übersetzen ihre oder auch unsere Amerikasehnsucht in schnurgerade Country- und Folksongs und fallen eins ums andere Mal in ihren süchtigen Satzgesang. Oder die belgischen Warhaus, sie machen das Publikum zum Komplizen eines sexuell höchst zwielichtigen Voodoo-Rocks.

Abgesehen von solchen musikalischen Randslots zeigt die Maschine aber vor allem auch, was sie am Laufen hält. Diese grossen Sommerfestivals sind der Markt, auf dem die Bands heutzutage einen schönen Teil ihrer Einnahmen generieren, und auch von daher rührt die Professionalität und lächelnde Freundlichkeit, die sie in ihren Auftritten eins ums andere Mal demonstrieren. So ist an diesen vier Tagen am Zürcher Stadtrand nicht nur zu sehen, wie eine Band wie The XX um ihre Zukunft ringt. Es ist überhaupt zu sehen, wie Erfolgsmodelle kommen und wieder verschwinden.

V, W und L. Die drei Buchstaben, die am frühen Samstagabend immer wieder andersfarbig im Bühnenhintergrund leuchten, stehen aber trotzdem nicht für die Volkswirtschaftslehre, sondern für Von Wegen Lisbeth, eine Band aus Berlin. Und doch, diese Leute wissen, was eine Nachfrage ist: Als hätten sie einen Tag zuvor bei den unfassbar erfolgreichen AnnenMayKantereit abgeguckt, spielen auch sie diesen WG-Küchen-Burschenrock, in Viervierteltakt und deutscher Sprache. Das heisst, sie singen über Freunde in Kneipen und die Welt, die auseinanderfällt, wenn die Freundin weg ist. Sie tun so, als zitierten sie aus ihrem Tagebuch, buchstabieren in Wahrheit aber den lieben Megatrend.

80'000 Zuschauer sind ans Openair gekommen – ein Rekord.

Noch vor zwei Saisons waren es die bärtigen, rustikal behemdeten Akustikrocker, die das Zürich Openair prägten. Aber eben, Moden kommen und gehen, und so sind in diesem Jahr vom Folk-Revival nur noch Mumford & Sons übrig, die Stars der Szene. Allerdings haben sich die Briten unterdessen die Bärte ­abgeschnitten und den Staub aus den Kleidern gesaugt, und zurück bleibt eine Stadionrockband mit Stehbass. Ihre Songs sind zielstrebig auf ihre Schlüsselreize hin gespielt – Funktionsmusik wie bei Kygo, dem norwegischen Produzenten, neben dem andere Stadion-DJs wie tiefgründige Künstler wirken.

Doch anders als bei Kygo, der in Siegerpose über der Menge herrscht, kann man bei Mumford & Sons erst noch dabei zusehen, wie sich die Band in ein Format verwandelt. Nämlich in eine Classic-Rock-Combo, die beschlossen hat, nicht mehr von einem flüchtigen Trend zu leben, sondern von einer Realwirtschaft aus arenatauglichen Hits. Nur, wohin jetzt mit der Nostalgie? Als der Sänger Marcus Mumford die Fans auffordert, die Handydisplays leuchten zu lassen, entflammen sie stattdessen ihre Feuerzeuge. Analog ist besser: Ist das nicht das, was ihnen diese Band immer erzählt hat? Das Publikum überführt die Musiker jener Lüge, an die es immer noch glaubt. Es ist der einzige magische Moment in diesem Konzert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 18:06 Uhr

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