Hintergrund

Die dargebotene Monsterhand

Mit ihrer offiziellen Fan-Website schuf Lady Gaga eine neue Form der Fankultur. Ein Besuch zeigt: Die Seite ist neben einem Anbetungsort vor allem eine Selbsthilfegruppe.

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«Kleine Monster» nennt Lady Gaga ihre Fans. In ihrem «Little Monster»-Manifest schreibt sie: «(…) meine kleinen Monster sind die Könige. Sie sind die Königinnen. Sie schreiben die Geschichte des Königreichs, und ich bin so etwas wie ihr ergebener Hofnarr.» Ort der Geschichtsschreibung ist ihre offizielle Fanseite Littlemonsters.com, die Anfang 2012 gegründet wurde. «Mother Monster» wird Lady Gaga dort genannt, manchmal auch schlicht nur «Mommy», und die Anhänger zelebrieren auf der für sie eingerichteten Plattform den steinigen Pfad der Selbstfindung, den ihr Idol hell erleuchtet.

Dabei predigt Gaga die Selbstliebe und -akzeptanz als oberstes Gebot: 2012 gründete sie mit ihrer Mutter die Born This Way Foundation, die Jugendliche beim selbstbewussten Heranwachsen unterstützen will. Als Ermunterung posierte Gaga selber in zitronengelber Unterwäsche und unvorteilhaftem Licht. Ihr Ziel: zu zeigen, dass auch sie Komplexe und unvorteilhafte Körperstellen hat, deren Blosslegung sie aber nur stärker mache. «BTW» wird ihre «Born This Way»-Mission abgekürzt: «Ich bin, wie ich bin.»

Revolution am Leibe

Dass der Hintern unter Gagas gelber Hose zwar nicht klein, aber doch relativ makellos und ihr Bauch schön flach war, schien ihrer Glaubwürdigkeit keinen Abbruch zu tun: Jeden Tag posten Fans unter dem Hashtag «Body Revolution» Bilder ihrer Problemzonen und ungeliebten Nasen – und bangen auf das Urteil der Community. «Ich mag zwar weder das schönste noch das klügste aller Mädchen sein, aber ich kann nicht mehr, als mich selber sein», schreibt Lara zu ihrem Bild, und 36 Daumen zeigen nach oben. «Weiter so, du kannst Wunder vollbringen», kommentiert ein anderes Mädchen. Vorher-nachher-Bilder dokumentieren erfolgreiche Revolutionen am eigenen Leib.

Neu ist die Botschaft des «Liebe dich so, wie du bist» bestimmt nicht. Kosmetik- und Modemarken wie The Body Shop, Dove und Benetton setzen seit Jahren erfolgreich auf dieses Vermarktungskonzept. Was die Marke Gaga allerdings einzigartig macht, ist ihre Verwurzelung in der Community: Dank Gagas Geboten emanzipiert sich diese zur Selbsthilfegruppe.

Pubertäre Abgründe

«Ich habe mich heute das erste Mal geschnitten. Das Leben macht mich traurig, ich will nicht mehr leben, ich habe keine Freunde hier und werde gemobbt», schreibt ein Little Monster. Über dem Eintrag ein Bild von einem Jungenarm mit feinen, roten Schnitten. «Dich selbst umzubringen, ist nicht die Lösung! Ich bin da für dich! Schick mir eine Nachricht, wenn du Hilfe brauchst. Aber mach das auf keinen Fall noch mal!», kommt prompt die Antwort aus der Community.

Nicht überall ist es so dunkel wie in den Gruppen für Mobbing- und Coming-Out-Support, wo sich die tiefsten pubertären Abgründe auftun. Daneben hat es Platz für Bilder von Katzen, die mit dem neuesten Gaga-Album posieren, Gaga-Geburtstagstorten und Modekreationen von Fans, die den Stil ihres Vorbilds imitieren. «Mother Monster liked this», heisst es über Beiträgen, die von Lady Gaga persönlich favorisiert wurden. Fast immer stehen dann in den Kommentarspalten Sätze wie «Oh mein Gott! Mutter hat meinen Beitrag gelesen!».

Wie eine gewissenhafte Vogelmutter stopft Lady Gaga die aufgesperrten Münder der pubertären Leere, dokumentiert den Alltag als Pop-Phänomen und beteuert immer wieder ihre Liebe für die Fans. «Wir sind nichts ohne unser Abbild. Ohne unsere Projektion. Ohne das spirituelle Hologramm dessen, das wir zu sein oder zukünftig zu werden glauben. Wenn ihr einsam seid, bin ich es auch», schreibt sie im Monster-Manifest weiter. Ist die Monstermutter ausgeflogen, bleibt immer noch die Nestwärme – und das Zwitschern der anderen Küken im Netz.

Erstellt: 12.11.2013, 16:20 Uhr

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