Die eine grosse Melodie

Der Zürcher Sänger Kurt Maloo hatte mit «The Captain of Her Heart» Mitte der 80er-Jahre einen Welthit. Er lebt bis heute davon – nicht nur materiell.

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Es ist heiss, der Sommerhimmel klar und dunkel seine Sonnenbrille. Der Teint ist braun und der Hemdkragen geweitet. Am Körper ist kein Fett, in den Haaren aber ziemlich viel Gel. Kurt ­Maloo, der eigentlich Kurt Meier heisst, sitzt in der Fischerstube am See. Es ist eine lauschige Ecke in seinem Lieblingsquartier, dem Seefeld. Maloo sieht distinguiert aus, cool und komfortabel.

«Das Geld kommt vom ‹Captain›», sagt der 61-Jährige, der gerade wieder eine Woche in Zürich verbringt, sonst aber in Hamburg wohnt. Er besucht eine befreundete Fotografin, für die er ein bisschen modelt. Aber das ist bloss Taschengeld: Noch immer machen die Tantiemen des Captains einen Grossteil von Maloos Einkommen aus. Ohne den Song käme er nicht über die Runden.

Herkunft verschwiegen

«The Captain of Her Heart» hiess die Single, die die Zürcher Band Double – bestehend aus Sänger Maloo und Instrumentalist Felix Haug – im Herbst 1985 veröffentlichte. Maloo schrieb den Text, Haug die Musik. Es sei eine geniale Idee ihrer Plattenfirma gewesen, den britischen DJs nichts über ihre Schweizer Herkunft zu verraten, sagt Maloo: «Die Briten haben ihre Vorurteile; nur so konnte der Song charten.»

«The Captain of Her Heart» ist ein ­melancholisches Synthie-Pop-Stück, beinahe kitschig, aber um eine entscheidende Nuance dann eben doch nicht. Maloo besingt eine Frau, die nicht mehr auf einen Mann warten will, auf den sie sehr lange vergeblich gewartet hat. ­Maloo intoniert in der Manier eines Crooners, Pianomelodie und Stimme bilden ein sanftes Wechselspiel.

Der offizielle Clip «The Captain of Her Heart»

As the day came up
She stopped waiting another day
for
The captain of her heart

Er sei froh, mit dem «Captain» welt­berühmt geworden zu sein und nicht mit einem schlechten Song, sagt Maloo. «Ich mag ihn immer noch. Es ist ein zeitloses Stück mit einer grossen Melodie.» Der Text sei ihm zugeflogen, was eine ziemlich merkwürdige Erfahrung gewesen sei. «Es war fast ein wenig so, als sei ich bloss ein Medium gewesen», erinnert er sich. Der Text habe keine autobiografischen Hintergründe, wie viele glaubten. Er habe nie die Erfahrungen der wartenden Frau gemacht.

Der «Captain» wurde zu einem phänomenalen Hit, der bis heute seinen festen Platz in den Heavy-Rotation-Datenbanken der europäischen Radios hat. Er landete in England, Deutschland, Frankreich und Italien in den Top Ten, in den USA beinahe. Der «Blick» jubelte: «Jetzt fliegen auch die Amis auf den Captain!» Und der «Tages-Anzeiger» widmete dem Song im Februar 1986 eine lange Analyse («Vexierspiel mit den typischen Kleinst­elementen der Popmusik») und räsonierte über den «Schneeballeffekt», der Double in die Charts befördert habe.

Der Clip für den US-Markt

Die Plattenfirma liess gleich mehrere Videoclips zum Song drehen und schickte Maloo und Haug in die grossen europäischen TV-Shows wie «Peter’s Popshow» oder «Top of the Pops». ­Maloo traf nun vor seinen Auftritten auf Leute wie Johnny Hallyday, er ass mit Robert Mitchum zu Abend und trank Whiskey mit Jack Nicholson.

Auftritt von Double in «Peter's Popshow», 1985

Er war ganz oben angekommen, in der Sphäre der berühmtesten Künstler, der wirklich Reichen und der besonders Schönen. Er lernte Models kennen, und bald bezog er mit dem deutschen Manne­quin Anja Müller, seiner heutigen Frau, ein Appartement in Paris. «Geld war kein Thema. Die Plattenfirmen schwammen darin, und wir Musiker brauchten uns keine Gedanken darüber zu machen», sagt Maloo.

Doch früh wurde klar, dass Double ihren Erfolg nicht würden wiederholen können. 1989 löste sich die Band bereits wieder auf. Zu gross waren die Spannungen geworden: Während Maloo endlich auf Tour gehen und den ultimativen Popsong schreiben wollte, sah Felix Haug Double als eine zurückgezogene Studioband, die komplexe, epische Soundlandschaften entwarf. Maloo weiss, dass Mitte der 80er-Jahre seine grosse Zeit gewesen ist, und dass es nie mehr so gut werden wird wie damals. «Ausbildung zum Kapitän» betitelte er denn auch seine Memoiren, die er letzten Winter abgeschlossen hat. Einen Ver­leger hat er für das Buch noch nicht gefunden, obwohl es überquillt vor Anekdoten und Skurrilitäten,

Ungezwungen beschreibt Maloo etwa seine Drogenexperimente, die er in den frühen 70ern mit Freunden in einer WG in der Hölderlinstrasse am Zürichberg regelmässig angestellt hatte. Ein Laborant besorgte den Stoff und die nötigen Rezepte: «Wir waren die Musketiere, die jeden Samstag auf einen LSD-Trip gingen und unser eigenes Königreich verteidigten. Wir fühlten uns unverwundbar.» Maloo verabschiedete sich allerdings ­abrupt aus dem psychedelischen Zirkel, nachdem er auf einen schlechten Trip gekommen war: «Ich hatte plötzlich Angstzustände im Bus oder im Tram, fühlte, wie der Boden unter meinen ­Füssen weich wurde, wenn ich auf dem Kopfsteinplaster durchs Niederdorf ging.» Auch von seinen sexuellen Er­lebnissen berichtet Maloo offen, von ­Affären mit Models ebenso wie von einem unfreiwilligen Rencontre auf Ibiza, als ein alter, dicker, deutscher Zahnarzt ihn mit einer hübschen Asiatin in eine Finca lockte, wo der dicke Doktor eine Orgie feierte.

Ballettunterricht und Bildungsreisen

Kurt Maloo erzählt aber auch von ­einem unspektakulären, wohlbehüteten Aufwachsen als Einzelkind einer Banker­familie, von einem protestantisch arbeitsamen Vater, den er während ­Wochen nicht zu sehen bekam, vom ­Ballettunterricht in der Zürcher Oper, von Tenniskursen und von Bildungs­reisen. Mit diesem gutbürgerlichen ­Milieu hat Maloo nie gebrochen; seine linksradikalen, auf Revolution gestimmten Freunde und Bekannten hat er nicht wirklich ernst genommen. Er habe Herbert Marcuse damals nur deshalb gelesen, weil er eine «ziemlich heisse Kommunistin» habe beeindrucken wollen, sagt Maloo und lacht.

Weit interessanter als politische Debatten und Demos erschien dem jungen Kurt Meier die Zürcher Künstler­boheme, mit der er als Stammgast im Odeon allmählich Fühlung aufnahm. Er benannte sich um in «Maloo» und war als Sänger und Gitarrist von Undergroundbands wie Troppo oder Ping Pong bald ein bekanntes Szenemitglied.

Im Buch erzählt er, wie über seiner lärmigen Künstler-WG der feinsinnige Christoph Marthaler vergeblich versuchte, sich auf sein Blockflötenspiel zu konzentrieren. Wie Maloo im Club von Hazy Osterwald Pink Floyd spielen sah. Wie H. R. Giger genervte Zürcher davon abhielt, das Kabel seiner Gitarre zu ­kappen. Wie er den Vorschlag von ­Yello-Sänger Dieter Meier verwarf, sich den Künstlernamen «Ruedi Buenos ­Aires» zuzulegen. Wie er Felix Haug kennen lernte und wieder aus den Augen verlor. Mit Haugs schockierendem, weil allzu frühen Tod im Jahr 2004 endet Maloos Manuskript.

Typisch Maloo

Nach dem «Captain» folgte Maloos jäher Absturz, rasch geriet der Zürcher Popstar in Vergessenheit. Er verzettelte sich in langwierigen Studioaufnahmen und verlor seinen Plattenvertrag. Es fehlte ganz offensichtlich ein kongenialer Partner, wie Haug einer gewesen war. Anfang der 90er kamen zudem seine Tochter und sein Sohn zur Welt, Maloo wollte seine neue Rolle als Vater in allen Facetten erkunden. Die Veröffentlichung seines Albums «Soul & Echo», an dem er schon lange getüftelt hatte, verzögerte sich weiter.

«Soul & Echo» konnte im Frühling 1995 endlich erscheinen. Wenn er auf dieses Album zu sprechen kommt, wirkt der so entspannte Maloo auf einmal richtig verärgert. Das sei ein wirklich gutes Album gewesen, sagt er bestimmt. «Aber die Plattenfirma war so blöd, es am gleichen Tag wie Michael ­Jacksons ‹History› zu veröffentlichen. Natürlich musste es da untergehen!» ­Lediglich einen Achtungserfolg erzielte er mit der Single «Young King», die in den griechischen Radios bis heute gespielt wird. Warum genau, wisse er auch nicht.

Dutzende Songs

Um 2000 begannen die Downloadportale zu boomen und die Platten­firmen zu erodieren, was viele Musiker in Nöte brachte. Nicht so Maloo, dem die «Captain»-Tantiemen weiter aus aller Welt zuflossen. Als Solokünstler hatte er ja ohnehin nie reüssiert. Daran änderten auch die Alben nichts, die er nach «Soul & Echo» aufnahm. Dutzende Songs hat Maloo seit dem «Captain» veröffentlicht. Beachtet wurden sie kaum und gekauft meist nur von besonders hartnäckigen «Captain»-Fans. Tatsächlich erinnern viele dieser Songs an Variationen des einen grossen Hits. Aber es finden sich auch wundervoll komponierte Stücke, etwa die Auskopplung «Day of the Man with a Heart of Gold» aus dem letzten Album «Summer of Better Times» (2009), die mehr Beachtung verdient hätten als die paar Tausend You­tube-Clicks.

Diesen Dezember veröffentlicht Kurt Maloo wieder ein Album. «What About» wird es heissen. Es enthalte auch ­«rockige Nummern» und «zwei Dance-­Tracks», sagt er. «Aber die meisten werden wieder sagen‹Typisch Maloo!›», vermutet er.

Ja, es bleibt wohl tatsächlich beim einen Text, der einen Melodie. Immerhin: Es ist das Schicksal eines Klassikers.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.08.2014, 11:34 Uhr

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Songs aus «What About»

Come Over Here
Drama Queen
Never Give Up

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