Die ganze Welt in einer Handvoll kindlicher Lieder

Die vorauseilende Verzückung war nicht gerechtfertigt: Die Zwillinge von Ibeyi erfüllten bei ihrem ersten Schweizer Konzert die Erwartungen nicht.

Die Zwillinge Lisa-Kaidé und Naomi Díaz (rechts) bei ihrem Schweizer Konzert im Zürcher Moods. Foto: Dieter Seeger

Die Zwillinge Lisa-Kaidé und Naomi Díaz (rechts) bei ihrem Schweizer Konzert im Zürcher Moods. Foto: Dieter Seeger

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Dieses Rad dreht sich schneller, immer schneller: Was gestern noch hip war, ist heute schon zum Gähnen. Und wer in der Musik auf der Höhe sein will, muss vor allem eines haben: Zeit. Er muss gewillt sein, sich durch unzählige Blogs, Foren und Portale zu kämpfen, zu down­loaden und zu streamen, um schliesslich zu entscheiden: Was hat Wertigkeit, was nicht? Und wer nach einem Tag an der Machete mehr als drei, vier heraus­ragende Songs aus der Masse heraus­gehauen hat, gehört zu den Glücklichen.

Kurzlebig ist die Musikwelt ge­worden, angetrieben durch die immer stärkere Vernetzung. Man entdeckt viel Gleichförmigkeit und viel vermeintlich Neues. Dabei sehnt sich jeder nach Beständigkeit, nach dem nächsten Manu Chao, nach dem nächsten Buena Vista Social Club, nach dem nächsten Rodríguez, nach globaler Volksmusik. Nach Musik, auf die man auch im Herbst oder im nächsten Frühjahr noch zugreift.

Grinsen und Kichern

Eine der Gruppen, auf die sich die Hoffnungen – man könnte sagen: der Hype – momentan konzentrieren, ist das französisch-kubanische Duo Ibeyi. Dabei handelt es sich um die Zwillinge Lisa-Kaidé und Naomi Díaz, zwanzig Jahre jung, Töchter des vor neun Jahren verstorbenen Perkussionisten Miguel «Angá» Díaz (der unter anderem mit dem erwähnten Buena Vista Social Club gespielt hatte). Letzten Herbst waren die beiden noch Nobodys, schon im Sommer spielen sie unter anderem am Montreux Jazz Festival.

Ihr Album, im März bei den renommierten XL Recordings erschienen, wird sowohl in den Plattenläden Nordamerikas als auch Europas wärmstens empfohlen. Die Musik: ein «Worldmusic Special» in einem einzigen Album, mit kubanischer Musik, Gesängen in Yoruba-Sprache, Soul, Electronica, R & B, Hip-Hop. Das Album sei eine Hommage an ihren verstorbenen Vater, sagt Lisa-Kaidé – die Schwester mit dem Afro – zu Beginn des Konzerts am Mittwoch im ausverkauften Moods. Vorgetragen wird sie von jungen, schönen Frauen, deren Augen leuchten, die immer wieder grinsen und kichern.

Die beiden bilden eine heilige Allianz, sie verstehen sich blind, teilen ihr Leben, ihre multikulturelle, reiche Herkunft. Wie gesagt: Da steckt karibisches, afrikanisches, afroamerikanisches Kulturgut drin. Feuilletonisten und Musikliebhaber rund um den Globus lieben es. Denn neben dem Sound stimmt bei Ibeyi auch die visuelle Komponente – die Videos, das Plattencover, die schiere Anmutung. Da kommen zwei mit Stimmigkeit und Message. Ihre Musik ist melodisch und rhythmisch, volkstümlich und zugleich modern, reich an Einflüssen, aber nicht überladen.

In den stärksten Momenten pausieren der Rhythmus der Perkussion, die Samples und die ein­fachen Akkorde vom E-Piano, und dann wird die Musik durchlässig für Luft und Leben. In solchen Momenten beginnen die Songs zu atmen, sind sie Tränental, Totentanz und Lebensbejahung zugleich. Und was man hört, ist eine kindliche, neu und naiv interpretierte Urmusik.

In Yoruba singen sie den toten Vater und die tote Schwester an und richten sich wie in «Oya» auch direkt an die Götter. All das hat hohe Erwartungen geschürt. Das Publikum im Moods ist durchmischt, die Verzückung liegt schon vor Konzertbeginn in der Luft. Das Duo muss sie nur noch abfischen und damit spielen. Und das tut es zeitweise auch. Ibeyi haben etwas Nied­liches, wie sie da oben stehen, wie sie ­gemeinsam ihre Yoruba-Gesänge anstimmen, wie sie vielen ihrer Songs eine Fröhlichkeit mitgeben, wie sie Herzlichkeit vermitteln.

Keine gute Idee

Bloss: Die Magie, die sich im Saal viele herbeisehnen und -denken, sie fehlt. Noch stärker als auf dem Album wirkt die Musik im Konzert unfertig und unterkomplex. Gute Atmung will geübt sein. Das elektrische Piano erinnert an die Musikschule, die Intonation wirkt unsicher, die Beats klingen wie Trip-Hop aus den Neunzigern. Und ein Hip-Hop-Stück (von Jay Electronica) zu covern und den Text auszusingen, ist keine gute Idee. Bei allem Goodwill für die Zwillinge, bei all ihrer Herzlichkeit: Die elektrisierenden Momente sind rar. Um nicht zu sagen: nicht vorhanden.

Der Nachhall ist gering. Ein paar Melo­dien bleiben hängen. Ein paar Momente, in denen die Elemente ihrer Musik tatsächlich zusammengefunden haben. Zum Beispiel, wenn die an Björk erinnernde Stimme von Lisa-Kaidé auf die von ihrer Schwester produzierten, tiefen Erschütterungen der grossen Trommeln trafen. Da kam eine Ahnung davon auf, dass diese Musik bei einer dichteren Darbietung durch Mark und Bein gehen könnte. Trotzdem, das Pub­likum klatscht und singt mit. Zuletzt, nach einer Stunde, zu «River», dem Hit und «Trigger» der Band, der hier umgemünzt wird zu einer Art Hymne. Das sind Momente, die zwar das Gemeinschaftsgefühl im Saal beflügeln, der Darbietung aber noch mehr nehmen von der Konzentration. Man würde Ibeyi gern tiefer schürfen hören, sie haben die nötigen Quellen. Aber noch nicht den Zugang gefunden.

Ibeyi: dto. (XL/MV). ­Konzert: 3. Juli, ­Montreux Jazz Festival.

Erstellt: 23.04.2015, 18:13 Uhr

Ibeyi: «River»

(Video: Youtube/Ibeyi)

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