Porträt

Die wahre «Voice of Switzerland»

Ein kurzer Radioauftritt machte Ira May schlagartig bekannt. Nun hat sie ihre Debüt-Single veröffentlicht und zeigt, dass sie das Zeug zur grössten Soulqueen der Schweiz hat.

Soulqueen aus Sissach: Iris Bösiger alias Ira May.

Soulqueen aus Sissach: Iris Bösiger alias Ira May.

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Es war in der Minute 82 an einem Freitagabend im vergangenen Oktober. Ira May war die allerletzte von 148 Künstlern, die bei «1 City, 1 Song» mitmachten, einem Projekt, das auf Initiative des Basler Rappers Black Tiger zustande gekommen war. Der längste je im nationalen Radio gespielte Rap-Track sollte es werden, mit 32 verschiedenen Beats von 11 Produzenten und 8 DJs. «Wir schreiben Musikgeschichte!», frohlockte Black Tiger auf seiner Website. Zumindest war es eine Weltpremiere für etwas, das bislang so nicht existierte, nämlich Soul, made in Switzerland, gesungen von Ira May. Kaum zwei Minuten dauerte Mays Beitrag. Aber das reichte, denn wer ihre Stimme mal im Ohr hatte, vergisst sie nicht mehr.

Amy Winehouse aus Sissach

Das war vor einem halben Jahr. Nun sitzt May, die mit bürgerlichem Namen Iris Bösiger heisst, in einem Zürcher Café, schlürft einen Eisenkrauttee, rückt die Sekretärinnenbrille zurecht und lächelt. «Das war eigentlich alles nicht so geplant», sagt sie und meint damit alles, was der kurze Radioauftritt in Gang gebracht hat. Unter anderem ein so grosses Interesse von Musikjournalisten, dass ihr allererster offizieller Song «Let You Go» auf Radio SRF 3 rauf und runter gespielt wurde, noch bevor er überhaupt erschienen war. Verantwortlich dafür ist «Black Music Special»-Moderator Sascha Rossier. Er hatte sie so lange bekniet, ihm Material zuzusenden, bis sie die Single rausrückte, obschon es noch nicht mal ein Release-Datum gab. Rossier betitelte eine ganze Sendung nach ihr und verpasste ihr das Label «Amy Winehouse aus Sissach». Doch May ist nicht nur eine interessante neue Stimme, das zeigt ihr Debüt-Track. Die Frau kann auch Songs schreiben, die einem nicht mehr aus dem Ohr gehen. Das fand auch die Musikredaktion von Radio SRF 3 – «Let You Go» wurde in die Tagesrotation aufgenommen, seit dieser Woche ist der Song nun als Free Download erhältlich, eine zweite Single soll demnächst kommen, das Album wird im September erscheinen.

Harte Jahre

Dafür, dass sie mit Lauryn Hill und Amy Winehouse verglichen wird und man ihr die Tracks, noch kaum fertig, aus den Fingern reisst, gibt sich May zurückhaltend. «Vergleiche sind naheliegend, und es gibt schlechtere als mit Amy Winehouse. Aber ich will natürlich als ich selber dastehen», sagt sie. Ihre Stimme sei tiefer als diejenige von Winehouse, sagt sie, ausgebildet wurde sie klassisch. Mays Mutter liebt die Oper, im Elternhaus war oft Maria Callas zu hören, während der Vater die Tochter mit dem ganzen Spektrum von Black Music bekannt machte. May sang bereits als Kind, debütierte im Schulchor, in dem auch Baschi sang, wechselte später an die Musikakademie Basel, dann in die Jazzschule.

Mit 15 bewarb sie sich bei der ersten Staffel von «Musicstar», flog aber schon in der zweiten Runde raus. «Heute bin ich extrem froh, dass ich nicht weitergekommen bin», sagt sie. Womit sie recht hat. Denn solche Formate machen zwar schnell bekannt, aber für die künstlerische Reifung sind sie nicht eben förderlich. Bis May so weit war, dauerte es noch einige Jahre. Und sie waren nicht einfach. Denn weder im Operngesang noch in der theorielastigen Jazzschule sah sie ihren Weg. Nach ein paar Jahren gab sie deshalb den Traum einer professionellen Musikkarriere auf und begann eine Lehre. Das Singen sollte künftig nur noch ein Hobby für sie sein. «Das waren harte Jahre, es gab viele Zweifel, es war ein harter Kampf», resümiert sie. Aber es hat sich gelohnt, denn dadurch wurde sie frei, die Musik zu verwirklichen, die sie in sich trägt.

Das Ziel ist Seelenfrieden

Denn daran hat sie nie gezweifelt – dass sie es kann. Schon lange schreibt sie Songs, singt mal da kurz in einer Band, macht dort ein Projekt. Mit einem Freund aus Sissach produzierte sie ein paar eigene Songs und stellte sie auf Soundcloud, wo der deutsche Hip-Hop-Produzent Shuko sie entdeckte. Shuko, der für deutsche Shootingstars wie Cro oder Seeed Tracks produziert, war begeistert. Im Herbst 2011 begannen sie mit der Arbeit, das Resultat wird nun im Herbst erscheinen und sich stilistisch irgendwo zwischen Soul, Hip-Hop und R&B bewegen. «Da sind meine Songs, meine Gefühle, meine Erfahrungen drauf», sagt May. Darüber hinaus habe sie keinen Erwartungsdruck. «Ich brauche keine Villa mit Pool, ich brauche nur meinen Seelenfrieden. Und den gibt mir die Musik», sagt sie und lächelt verschmitzt hinter den Brillengläsern. Denn mit so viel Seelenfrieden im Gepäck kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2013, 09:16 Uhr

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