Diese Tränen werden nie versiegen

Der Schweizer Dirigent Charles Dutoit ist ein Weltstar. Und ein Weltreisender. Wenn es darauf ankommt, ist er ganz vor Ort: Derzeit in der Zürcher Tonhalle, wo er Brittens «War Requiem» dirigiert.

Kein Pathos polstert die Brüche: Dirigent Charles Dutoit bei den Proben in der Zürcher Tonhalle.

Kein Pathos polstert die Brüche: Dirigent Charles Dutoit bei den Proben in der Zürcher Tonhalle. Bild: Sophie Stieger

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Eine Russin, ein Brite und ein Deutscher hätten 1962 die Solopartien in der Uraufführung von Benjamin Brittens «War Requiem» singen sollen (es klappte dann nicht, weil Galina Wischnewskaja kein Visum bekam). Und eine Russin, ein Brite und ein Deutscher singen nun die Solopartien in der Zürcher Aufführung: als Zeichen dafür, dass man neben dem Notentext auch die Botschaft ernst nimmt, die das Werk damals bei der Einweihung der zerbombten und wieder neu gebauten Kathedrale von Coventry vermittelte. Man wünscht den Toten ihre ewige Ruhe, ja: Aber die Überlebenden sollen nie wieder vergessen dürfen, wie sinnlos und würdelos ein Tod im Krieg ist. Und dass er nur im Dialog zwischen den Nationen zu verhindern ist.

Charles Dutoit hat das «War Requiem» schon oft aufgeführt, im Oktober wird er mit dem Shanghai Symphony Orchestra die späte China-Premiere erarbeiten. Aber das Werk erschrecke ihn immer noch, sagt er vor dem Tonhalle-Konzert: diese in den lateinischen Requiemtext eingefügten Kriegsgedichte von Wilfred Owen, der 1918 nur 25-jährig in der Sambre-Schlacht fiel. Und diese Musik, die im «Dies irae» mit Fanfaren und Marschrhythmen so unerbittlich vorführt, wohin der Marsch geht.

Dutoit dirigiert dieses musikalische Schlachtgemälde so plastisch wie drastisch und sorgt auch sonst dafür, dass in den 90 Minuten dieser Aufführung nicht einmal die Illusion von Versöhnlichkeit aufkommt. Die Dissonanzen beissen sich fest im Gehör, kein Pathos polstert die Brüche, schmerzhaft lange dauert das (vom Tonhalle-Orchester phänomenal ausgestaltete) Verklingen. Vor den zart schimmernden Klangflächen zeichnen sich die Owen-Vertonungen umso härter ab. Alles andere als hoffnungsfroh wirkt die Zürcher Sing-Akademie in den hastigen Anrufungen des «Kyrie», die Tränen dieses «Lacrimosa» werden nie versiegen. Und dass die Zürcher Sängerknaben vom Foyer aus in den Saal singen, passt dazu: Ihr Lob Gottes kommt tatsächlich wie aus einer anderen Welt.

Wie ihn Karajan entdeckte

Wie sehr Dutoit sich mit «seinen» Werken identifiziert, war in Zürich schon oft zu erleben (nicht zuletzt bei Auftritten mit seiner Ex-Frau Martha Argerich). Und wie sehr es ihn irritiert, wenn diese Identifikation nicht möglich ist, wird im Gespräch rasch deutlich. Da erzählt er von Rom, wo er kürzlich «Samson et Dalila» von Saint-Saëns dirigiert hat. «Da hat man für die drei Hauptpartien Russen engagiert: wunderbare Stimmen, aber keine Ahnung vom Stil!»

So etwas interessiert ihn nun wirklich nicht, «dafür bin ich zu alt»: 76 nämlich. Man sieht es ihm keineswegs an, und das liegt nicht an den verdächtig schwarzen Haaren, sondern am Blick, am Charme, am Sprechtempo. Immerhin, zwischen den Aufführungen konnte er in jenen Römer Vorort fahren, von dem der Renaissance-Komponist Palestrina seinen Namen hatte. Er wollte sehen, wo dieses Genie des Kontrapunkts herkam: «Ein kleiner Ort, mitten im Nichts.»

Dutoit selbst ist in Lausanne aufgewachsen, das in kultureller Hinsicht damals durchaus nicht im Nichts lag. Es war die Zeit, als Ernest Ansermet mit dem Orchestre de la Suisse Romande Musikgeschichte schrieb. Mit einer frühen Aufführung des «War Requiem» etwa und vor allem mit den Werken Strawinskys, die für Dutoit geradezu schicksalhaft wurden: Für sein Dirigentendiplom hatte er sich «L’histoire du soldat» vorgenommen, bei einer Weiterbildung in Siena ging es um «L’oiseau de feu». Und irgendwann hat er es sich in den Kopf gesetzt, noch vor seinem 30. Geburtstag den «Sacre du printemps» zu dirigieren.

Er schaffte es schon mit 27, in Bern, im Januar 1964. Der «Sacre» galt da noch als schwieriges Werk, jede Aufführung war ein Ereignis. So sehr, dass Herbert von Karajan, der just damals als 58-jähriger Pultstar seine eigene erste «Sacre»Aufführung vorbereitete, aufmerksam wurde auf den waghalsigen Jungdirigenten. Er lud Dutoit sofort an die Wiener Staatsoper ein: «Das war verrückt, nur weil ich dieses Stück dirigiert hatte!»

Dutoits Wiener Debüt mit Manuel de Fallas «Dreispitz» war dann so überzeugend, dass man ihm gleich alle möglichen Opern antrug: die «Carmen» etwa oder «Le nozze di Figaro». Aber er sagte ab: «Ich war noch nicht so weit, ich konnte das nicht mit gutem Gewissen machen. Heutige Dirigenten sind schneller, mit einem Klick haben sie das ganze Repertoire zur Verfügung. Wir brauchten viel mehr Zeit, um uns zu bilden, zu denken, die Dinge reifen zu lassen.»

Alle 196 Länder hat er bereist

Trotzdem, die grosse Karriere war lanciert. Sie führte Dutoit zu Chefposten in Montreal, Paris, Tokio und Philadelphia; aktuell leitet er das Royal Philharmonic Orchestra in London. Musikalisch allerdings blieb er bei seinen Wurzeln: Die französische Musik und die Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts stehen bis heute im Zentrum. Dass er 1995 auch vom «Sacre» die chinesische Erstaufführung dirigiert hat, ist zweifellos kein Zufall.

Dass er sich trotzdem auch für Palestrina interessiert, ebenfalls nicht. So genau Dutoit weiss, woher er kommt, so neugierig ist er auf alles andere. Nicht nur musikalisch: Seit den 1960er-Jahren ist er systematisch gereist, mit dem (kürzlich erreichten) Ziel, alle 196 Länder zu sehen. Dabei ging es ihm nicht um einen Rekord, sondern darum, die Welt zu verstehen. «Wenn man reist, tendiert man ja dazu, das Fremde mit dem Bekannten zu vergleichen, und das ist sinnlos», sagt er. «Ich suchte immer das Spezifische: in der Landschaft, in der Kultur, in der Geschichte.»

Dass diese Geschichte oft eine Kriegsgeschichte war, hat viele seiner Reisen geprägt. Die Pazifikregion etwa erschloss er sich nach jener Route, die ihm der Verlauf des Zweiten Weltkriegs vorgab: Pearl Harbor, Hiroshima, Nagasaki. Und eines der Länder, die Dutoit gerne noch mal besuchen würde, ist Mali: «Da hatte ich das einzige Mal Angst und bin schon nach zehn Tagen wieder abgereist.»

Vielleicht geht seine Zürcher Interpretation des «War Requiem» nicht zuletzt deshalb so sehr unter die Haut, weil neben der musikalischen Erfahrung all das einfliesst, was er dort und anderswo gesehen und gedacht hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 08:26 Uhr

«War Requiem»: Benjamin Brittens Meisterwerk

Die Opernbühnen bleiben Benjamin Britten in seinem 100. Geburtsjahr zwar weitgehend verwehrt, da gilt es andere Jubilare zu feiern. Aber immerhin ist sein «War Requiem», das wegen seiner Riesenbesetzung mit grossem Chor, Knabenchor, zweigeteiltem Orchester und drei Solisten relativ selten aufgeführt wird, dieses Jahr vielfach zu hören: In Zürich gab es kürzlich eine Aufführung der ZHDK, beim Lucerne Festival an Ostern dirigierte Mariss Jansons eine Luxusbesetzung, und in Basel wird ab dem 16. Mai sogar eine Inszenierung gezeigt – von Calixto Bieito.

Auf CD sind diverse bemerkenswerte Einspielungen greifbar: 1963 entstand jene mit der (geplanten) Originalbesetzung, Ernest Ansermets Interpretation stammt von 1967. Unter den neueren Aufnahmen überzeugt insbesondere jene mit dem London Symphony Orchestra unter Gianandrea Noseda (mit Sabina Cvilak, Ian Bostridge und Simon Keenlyside).

Die Tonhalle-Aufführung unter der Leitung von Charles Dutoit mit den Vokalsolisten Tatiana Pavlovskaya, Toby Spence und Hanno Müller-Brachmann wird heute Freitag, 19.30 Uhr, noch einmal wiederholt. (suk)

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