Drogen, Sex und Disco

Der Poptheoretiker Jens Balzer beschreibt die Siebzigerjahre als ein entfesseltes Jahrzehnt. Was davon geblieben ist.

Barbusig und in durchsichtiger Plastikfolie: Tänzer im Studio 54 an der Halloween-Party 1978, in der goldenen Discoära, als Drogenkomsum und Sex öffentlich performt wurden. Foto: Allan Tannenbaum (Polaris)

Barbusig und in durchsichtiger Plastikfolie: Tänzer im Studio 54 an der Halloween-Party 1978, in der goldenen Discoära, als Drogenkomsum und Sex öffentlich performt wurden. Foto: Allan Tannenbaum (Polaris)

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Für ihn beginnen die Siebzigerjahre Ende der Sechziger. Zehntausende von Menschen treffen sich im Juli 1969 in Florida, um den Start von Apollo 11 zu erleben, der ersten bemannten Raumfahrt mit Fernziel Mond, Symbol eines dauernden wissenschaftlichen Fortschritts. Dazu singt der bleiche Engländer David Bowie bei der BBC «Space Oddity», seinen ersten Song der Entfremdung.

Einen Monat später treffen sich gegen 500’000 Hippies zum Woodstock-Festival in Upstate New York, um Sex zu haben, Drogen zu nehmen und Rock ’n’ Roll zu hören. Die Veranstalter haben mit einem Zehntel der Leute gerechnet und sind komplett überfordert; es droht eine Katastrophe. Nur mithilfe der amerikanischen Armee kann sie vermieden werden.

David Bowie in seinem Promotion-Film «Love You till Tuesday» von 1969, in den er auch seinen neuen Song «Space Oddity» einfügte. Foto Redferns

Kurz zuvor hat der psychotische Sektenführer Charles Manson seine Jünger dazu angestiftet, Roman Polanskis schwangere Frau Sharon Tate und andere umzubringen. Sie erdolchen sie. Im Dezember geben die Rolling Stones im kalifornischen Altamont ein Konzert, bei dem ein junger Schwarzer von den Hells Angels erstochen wird und die Hoffnungen von Woodstock in Angst und Gewalt zugrunde gehen.

Im selben Jahr kommt in einer deutschen Provinzstadt Jens Balzer auf die Welt. Jetzt hat er ein Buch geschrieben über das, was aus den Utopien der Sechziger wurde, wie sie sich verwandelten, woran sie scheiterten und in was für teilweise grotesken Varianten sie sich realisierten.

Ein vergessenes Jahrzehnt

Balzer tritt in der Kantine des Berghain-Clubs in Berlin auf, liest aus dem Buch mit dem Titel «Das entfesselte Jahrzehnt: Sound und Geist der 70er» und lässt sich befragen. Der Saal ist voll und der Autor schlagfertig, das Publikum lacht zustimmend. Balzer, der mit seinem Bart und dem langen, blonden Haar auf uncoole Art supercool aussieht, ist der neue Star der deutschen Poptheorie. Er kommt von der «Berliner Zeitung» und schreibt für verschiedene Publikationen, darunter «Die Zeit» und «Der Spiegel». Bekannt wurde er mit dem Buch «Pop. Ein Panorama der Gegenwart», in dem er die neuen Tendenzen von Helene Fischer über den Hip-Hop bis zum modernen Techno analysierte.

Die Siebziger würden als Katerjahrzehnt der Sechziger interpretiert, fragt man ihn nach dem Auftritt – wie sieht er das? «Die Siebziger waren vor allem das vergessene Jahrzehnt», sagt er, der sie selber nur als Kind erlebte. Sie seien «im Schatten des Summer of Love» entstanden und all der Utopien, die in den Sechzigern formuliert worden seien. Dabei sei in den Siebzigern vieles erst realisiert worden.

Akrobaten an der Silvesterparty 1977 im New Yorker Kultclub Studio 54, wo sich die Kulturschickeria traf. Foto: Allan Tannenbaum (Getty Images)

Jens Balzer beschreibt das Jahrzehnt als Abfolge schriller Gegensätze. Das Gemeinschaftsgefühl der Hippies befreite sich zur Sexualität und führte bis zu den Hypersexualisierungen in den Underground-Comics von Robert Crumb. Auf die Kritik an seinen Männerfantasien gab der Zeichner zurück, er zeige bloss auf, was er sehe. Balzer hält das für eine Ausrede und sagt: «Da konnte alles rausgelassen werden, was den Leuten durch den Kopf ging, und das war erst mal misogyner Scheiss, ganz genauso wie beim heutigen Gangsta-Rap.»

Der schillernde David Bowie

Als Reaktion auf den Männersex der 68er formierte sich der Feminismus und etablierte sich als eine Bewegung, die heute stärker auftritt denn je. Die Schwulen und Lesben feierten ihr Coming-out trotz einer noch weitverbreiteten, gewalttätigen homophoben Kultur. Sie waren die Vordenker für die LGBTQ-Bewegung der letzten Jahre. An David Bowies schillerndem Wesen beschreibt Balzer, darin natürlich nicht der Erste, die androgynen Verlockungen eines Künstlers, der als einer der ersten Popmusiker seine Auftritte als Schauspielerei inszenierte, während andere noch mit langen Bärten und Gitarrensoli langweilten. Dass Bowie in seiner Kokainpsychose offene Sympathien für Adolf Hitler formulierte und für England einen Diktator herbeiwünschte, thematisiert Balzer mit. Beim Wiederlesen von Bowies Nazifantasien überläuft es einen kalt.

Auch die Heterosexuellen probierten einander aus in diesem Jahrzehnt. Das führte entweder zu offenen Beziehungen mit wenig Beziehung und viel Sex. Oder aber man schloss sich in einer «Wir müssen das ausdiskutieren»-Beziehung ein, die aus sehr viel Arbeit an der Beziehung und sehr wenig Sex in der Beziehung bestand. Ausser einem Versöhnungssex, wie Balzer boshaft anmerkt, «in dem sich das während des Streitens aufgebaute Aggressionspotenzial in sadomasochistischer Weise entlud».

Müesli und AKWs

So ging das weiter in diesem entfesselten Jahrzehnt, in dem alle die Befreiung suchten und die wenigsten die Freiheit fanden. Eltern probierten die antiautoritäre Erziehung aus und die Neubewertung der Geschlechterrollen. Den anarchischen Muppets aus den USA setzte die ARD die Kindersendung «Rappelkiste» entgegen, die Balzer sich als Kind anschaute und in welcher er als Erwachsener einen linken Rigorismus erkennt: «Da wurde schon sehr sozialpädagogisch gepredigt», erinnert er sich.

Die legendäre Disco-Sally, die sich nach ihrer Verwitwung neu erfand und das Studio 54 rockte, hier 1978. Foto: Getty Images

Was für eine politische Sprengkraft die Siebziger entwickelten, zeigt das Aufkommen der Umweltbewegung, aufgeheizt durch den Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums von 1972. Das ökologische Bewusstsein nährte die Sehnsucht nach gesundem Essen und stärkte das Misstrauen gegen die Atomkraft, die gegen Ende des Jahrzehnts zum offenen Protest bis zur Geländebesetzung führte. Vom Internet abgesehen, gibt es wenig heutige Strömungen und Bewegungen, die nicht in den Sechzigern angedacht und in den Siebzigern erstmals umgesetzt wurden. Selbst den Personal Computer sieht Balzer in den fiependen Strichfiguren der Atari-Konsolen präfiguriert.

Kommune als Terrorkommando

Und weil er die Entwicklungen des Jahrzehnts dialektisch begreift, fällt ihm auch «die Kette von Umschlägen» auf, wie er es formuliert: «Je näher man hinsieht, desto weniger kann man trennen zwischen den Bewegungen und den reaktionären Unterströmungen.» Als Beispiel nennt Balzer die Faszination für den Okkultismus. Der verlängerte sich einerseits in die humorlosen Fantasy-Epen eines J.R.R. Tolkien, der damit ein mehrere Millionen umfassendes Publikum fand. Und in die Faszination für Charles Manson, den kalifornischen Psychopathen. Auch die Baader-Meinhof-Gruppe war von ihm angetan, der bis zum Ende seines Lebens Fanpost bekam und viel Besuch. In der RAF erkennt Balzer ein weiteres Umschlagen: von der Sehnsucht nach Gemeinschaft in die Kommune eines Terrorkommandos.

1979 im New Yorker Studio 54: Jerry Hall, Andy Warhol, Debbie Harry, Truman Capote und Paloma Picasso. Foto: Sonia Moskowitz (Getty Images)

Weil der Autor von der Popkultur herkommt, hört er auch den Soundtrack dieses entfesselten Jahrzehnts mitlaufen. Dabei erinnert er an einen Zusammenhang, den viele nicht erwartet hätten und den die Autorin Alice Echols in ihrem Buch «Hot Stuff» nachgezeichnet hat: Dass sich selbst in der Discokultur der Siebzigerjahre eine Hoffnung der Woodstock Nation nachweisen liess, die sich im Techno und den modernen Raves radikal verwirklichte – als endlos reformuliertes Ekstaseversprechen.

Denn: Schon im New York der frühen Siebziger begannen DJs, die Tanzstücke und ihren Viervierteltakt zusammenzuschnipseln. In ehemaligen Industrielofts fanden sich die Freaks jener Zeit, Ausgestossene, Schwule, Exzentriker und Hedonisten, um nächtelang durchzutanzen und sich vor einer feindlichen Aussenwelt in Sicherheit zu bringen. Die relevante Musik der Siebziger auf den Punk zu reduzieren, sei falsch, sagt Balzer: «Man kann den Einfluss der frühen Discomusik auf die Popkultur gar nicht überschätzen.» Einerseits was die Durchsetzung von repetitiven Rhythmen angehe als Grundlage aller elektronischen Musik bis heute. Andererseits bei der Erfindung des Break-Beats und der Tonbandschnipsel, auf die der Hip-Hop zurückgreife, stehe die Discokultur am Ursprung.

Wenn man Balzer und seinem klugen, exzellent geschriebenen Buch etwas vorhalten muss, dann das: Er zitiert die Quellen nur ungenau, bestenfalls die Bücher, aber es fehlt die genaue Verortung der Zitate.

In der Kantine im Berghain hat der Abend mit dem 1969er-Song «Woodstock» von Joni Mitchell begonnen. Er geht mit «Computerwelt» zu Ende, einem Stück von 1981, in dem Kraftwerk die Personalisierung des Computers vorwegnahmen – und seine Kontrollmöglichkeiten durch den Staat. «We got to get ourselves back to the garden», hatte Joni Mitchell gesungen. «Finanzamt und das BKA / Haben unsere Daten da», sangen Kraftwerk zurück. Am Ende der Entfesselung wieder Einbindung.

Erstellt: 15.07.2019, 21:45 Uhr

Das Buch



Jens Balzer: Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70-er. Rowohlt, Berlin 2019. 432 Seiten, ca. 30 Fr.

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