Konzertkritik

Ein Abend im Purgatorium, one, two, three

Hände auf Hintern, Täschligate und seine schönsten Hits: So unterhielt Robbie Williams 48'000 Fans im ausverkauften Zürcher Letzigrund.

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Es gab Zeiten, da flog Robbie Williams kopfüber auf die Bühne. Das war vor zehn Jahren, sein Ruhm und Rauschmittelverbrauch waren enorm. Doch dieser Star hier und heute im ausverkauften Letzigrund, das ist nicht mehr der Bungee-Robbie, der Nackte-Hintern-Robbie, der Kapuzenpulli-Robbie. Das ist Robbie der Klassiker. Und das sieht man schon am Bühnenbild. Ein Mount Rushmore aus ihm allein, und wo die anderen Köpfe wären, die der Herren Barlow, Owen und wie seine Gesangskollegen bei Take That sonst noch hiessen, da ist niemand.

Und von seinem eigenen Denkmal hinab lässt sich dieser Robbie Williams nun per Schwebeseil auf die Bühne inkarnieren, aufrecht und im Glitzeranzug. «Let Me Entertain You» singt er folgerichtig, und als das Lied fertig ist, legt er sich erstmal selber flach. Das ist natürlich Ironie. Schlimme Robbieeinsamkeit und schlimmes Robbiekörperfett, man versteht und zwinkert sich zu.

«Ich bin Robbie Scheisswilliams»

Sieben Jahren seit dem letzten Besuch von Robbie Williams in der Schweiz ist wenig übrig geblieben vom verzagten Superstar, der aus dem Türspalt des Musikgeschäfts hinaus nach etwas Liebe bettelte. «Ich bin Robbie Scheisswilliams», stellt er sich dem Publikum zwar noch vor, «und für zwei Stunden gehört euer Arsch nur mir.» Aber damit zeigt er nur, dass er seine Rolle immer noch beherrscht, auch jetzt, da er sie nicht mehr ausfüllt, 39-jähriger Kleinfamilienvater, der er ist.

«Oh Gott, das hier ist das Purgatorium», heult er in die Kamera, und dann: «Eins, zwei, drei!» So stürzt er sich in «Monsoon», einen weiteren seiner grossen Songs, den er mit Bläsern, Sängerinnen standesgerecht aufführt, und mit einer Band, über die sich nicht viel mehr sagen lässt, als dass sie kompakt und druckvoll ihren Mann steht.

Krokodilledertasche und Griff in den Hintern

Früher sang Robbie Williams in aufgeblasenen Shows und tat manch traurigen Blick ins Publikum, um etwas Luft abzulassen, nicht zuletzt aus sich selbst. Heute sitzt alles, passt, hat keine Leerstelle. Früher gab es bei ihm ein Selbstmitleid, das zur Hälfte aus Selbstironie bestand. Heute ist sogar seine Selbstironie noch irgendwie ironisch. Und da ist kein Ekel mehr vor dem Entertainment, das ihn gross gemacht hat. Jetzt ist da nur noch, aber immerhin: Grösse. So nimmt an diesem Abend alles seinen Lauf, mit «Millennium», «Come Undone», «Sexed Up», «Candy», «Rock DJ» – mit allem, was die Show begehrt.

Robbie schäkert mit den Fans, erzählt, dass sich seine Frau in Zürich keine Krokodilledertasche leisten könne – und holt schliesslich Barbara aus Bern auf die Bühne, die ihm schlagfertig an den Hintern greift. Zu «Strong» treiben die beiden in einem Bett ein paar Teenagerspässe, die Bläser hornen, die Sängerinnen tirilieren, und dann folgt der nächste Hit und Witz.

Nicht mehr Robbie mit dem Loch im Herzen

Das klingt auf eine professionelle Weise nach Spass, und viele der Songs klingen immer noch knackig. Nur, das ist nicht mehr der Robbie Williams, der mit grossem Loch im Herzen gegen seine Starexistenz ansang. Wer will es ihm verdenken, glänzend aufgelegt, wie er ist. Und wem hätten die Zugaben mit «Feel», «She's the One» und «Angels» nicht die Tränen in die Augen getrieben, und seien es die der Nostalgie. Die Scheinwerfer gehen aus, und Robbie ist weg. Sein Denkmal steht noch eine Weile im Licht.

Erstellt: 16.08.2013, 22:44 Uhr

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