Ein Herzchen für die Fans

Der italienische Pianist und Komponist Giovanni Allevi ist ein Pop-Phänomen.

Überraschungsfreie Strukturen, brave Harmonien: Giovanni Allevi. Foto: Getty

Überraschungsfreie Strukturen, brave Harmonien: Giovanni Allevi. Foto: Getty

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Es gebe Pianisten, und es gebe Frisöre – nur Richard Claydermann sei ein Pianör, hat mal einer geschrieben. Auch den 45-jährigen Giovanni Allevi könnte man der Gattung der Pianöre zuordnen. Zwar sind seine Haare nicht geföhnt wie Claydermanns, sondern verwuschelt. Aber auch bei ihm ver­mitteln sie eine künstlerische Absichts­erklärung: Nicht wohlfrisiert soll seine Musik klingen, sondern – ja, wie eigentlich?

Allevi schweigt am anderen Ende der Telefonleitung, er kennt den Reiz von Kunstpausen und hat danach den richtigen Satz bereit: Es sei die Musik einer gequälten Seele, die sich nach Licht sehne. Auf seiner neuen CD «Love» hat sich die Sehnsucht erfüllt. Von den Qualen ist jedenfalls nichts mehr zu hören, nur das Licht ist übrig geblieben. Es leuchtet aus Dur-Akkorden und perlenden Melodien, aus überraschungsfreien Strukturen und braven Harmonien, die ungelenk wirken, sobald sie doch einmal kühn sein wollen.

Den Fans von Allevi gefällt das, und es gibt viele von ihnen. Sie mögen den Pianisten, der auf dem CD-Cover ein Herzchen formt mit den Fingern und seinen Stücken Titel gibt wie «Loving you» oder «My family». Und sie mögen seine Musik, der man die klassische Ausbildung anhört, aber auch den Hang zur Massentauglichkeit. Allevi hat mit Cantautori wie Jovanotti, Ligabue oder Claudio Baglioni zusammengearbeitet. 2007 hat er in Loreto beim Jugendtreffen mit Papst Benedikt XVI. gespielt, 2008 gestaltete er das Weihnachtskonzert im italienischen Senat. Auch Papst Franziskus, der ehemalige italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano und Michail Gorbatschow schätzen ihn – so steht es jedenfalls auf Allevis Homepage.

Kritischer sind die Musikerkollegen, und durchaus nicht nur die Hardcore-Klassiker. Auch Gian Piero Reverberi, als Arrangeur und Gründer des Rondò Veneziano ein Kenner der leichten Muse, hat Vorbehalte: Allevi sei zwar ein ziemlich guter Pianist, aber seine Instrumentationen seien zu simpel – «und wer ihn mit Chopin vergleicht, hat keine Ahnung». Giovanni Allevi kennt die Kritik, und er hört sie nicht gern. Denn er betreibt die Musik keineswegs als Unterhaltung, «es geht für mich um Leben und Tod dabei». Schon als kleines Kind wurde er magisch angezogen vom Klavier, das verschlossen in der Wohnung stand; seine Eltern waren Musiker, auch die grosse Schwester durfte spielen, nur für ihn war es verboten. Warum? Allevi lacht, so sei es halt gewesen, er kenne die Gründe nicht. Jedenfalls habe er irgendwann den Schlüssel entdeckt und jahrelang heimlich gespielt. Als er dann aufflog, habe man ihn sofort ans Konservatorium gebracht.

Wie sagt man doch: Se non è vero, è ben trovato, wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden; umso mehr, als die Geschichte an Johann Sebastian Bach erinnert, der als Kind jeweils nächtens Noten aus einem verschlossenen Schrank abgeschrieben haben soll. Ein Zufall? Jedenfalls gehört Bach neben Chopin zu Allevis Haupt-Inspiratoren, manche seiner Stücke klingen wie Etüden im Stil des barocken Meisters. Ein bisschen verwuschelt zwar. Aber das ist wohl Absicht.

Giovanni Allevi spielt am 17. März im  Zürcher Volkshaus. Die CD «Love» erschien bei Sony Music.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 17:57 Uhr

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