Ein Humtata aus alter Zeit

Die Volksmusik des 19. Jahrhunderts wird derzeit wiederentdeckt. Ein besonderer Schatz glänzte am Wochenende in Altdorf.

Herrlich herausgeputzte Musik für ein sauber gescheiteltes Tanzvolk: Die Bläser von Eifachs.ch bei ihrem Auftritt am Wochenende in Altdorf.

Herrlich herausgeputzte Musik für ein sauber gescheiteltes Tanzvolk: Die Bläser von Eifachs.ch bei ihrem Auftritt am Wochenende in Altdorf. Bild: Angel Sanchez

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Es war der 1. August 1904, als Ferdinand Lötscher, Instruktor der Trompete bei der Militärmusik in Luzern, auf dem Heimweg vom Höhenfeuer abstürzte und zu Tode kam. Er war 62 Jahre alt und hinterliess, so sagt man, etwa 800 Stücke. Wo all diese Märsche, Polkas und Variationen über Volkstänze aber geblieben sind, das weiss man nicht, und weil die Schweizer Blasmusiken ihr Notenmaterial normalerweise sorgfältig überliefert haben, ist es fraglich, ob all diese Musik überhaupt je existiert hat.

So oder so: Schon die «50 ländlichen Tänze für eine sechsstimmige Harmoniemusik», die Ferdinand Lötscher um 1870 komponiert und der «tanzlustigen Jugend» gewidmet hat, sind Grund genug, sich an den komponierenden Schreiner aus dem Entlebuch zu erinnern. «Lötscher hat eine kunstvolle, virtuose Variante der dörflichen Blasmusik überliefert, wie sie für die Schweiz des 19. Jahrhunderts typisch ist», sagt Florian Walser. Der Klarinettist des Zürcher Tonhalle-Orchesters gibt Lötschers Notenbuch in Zusammenarbeit mit dem Mülirad-Verlag erstmals heraus und hat ein gutes Dutzend dieser Stücke am Alpentöne-Festival in Altdorf mit seiner Gruppe Eifachs.ch aufgeführt.

Blasmusik fürs Chilbivolk

Wie mit seiner anderen Gruppe, den Sagemattlern, erweckt Florian Walser hier eine Volksmusik zum Leben, wie sie in weiten Teilen der Schweiz gespielt wurde, bevor Akkordeon und Schwyzerörgeli sie für immer veränderten. «Diese kleinen Streich- und Blasmusiken entstanden im 19. Jahrhundert schlicht darum, weil man in den Dörfern eine Tanzmusik brauchte», sagt Walser. Wie man auf den Fotos aus dem Fundus von Hanny Christen sieht (der grössten Sammlung von Schweizer Volksmusik aus dem 19. Jahrhundert), gab es anders als in der späteren Ländlermusik keine Standardbesetzung. Man spielte mit den Instrumenten, die man zur Hand hatte.

Die alten Sagemattler aus dem zugerischen Unterägeri, die um 1887 ein vollständiges Notenbüchlein überlieferten, waren eine Streichmusik, allerdings mit Cornet und Klarinette. Eine reine Streichmusik war bei Alpentöne mit den Helvetic Fiddlers zu hören, die Stücke aus der Hanny-Christen-Sammlung spielten. Ferdinand Lötscher aber komponierte in Lungern, einem Dorf am Brünig, für die gerade gegründete und von ihm geleitete Blasmusik. Auch er hat die Stücke in einem Büchlein überliefert, komplett mit allen sechs, oft auch sieben Stimmen, was seine fünfzig Tänze für die Nachwelt zu einem einzigartigen Glücksfall macht. Wenn Florian Walser allerdings sagt, dass die Stücke bei Eifachs.ch heute «genau so klingen» wie damals, als sie dem Chilbivolk einheizten, dann stimmt das nur bedingt.

Denn vermutlich haben die virtuosen Stimmsätze, die Lötscher komponierte, die Lungerer Amateure überfordert. Weshalb sie auch für Jahrzehnte unbenutzt in der Schublade einer Kommode lagen – im Haus von Karl Imfeld nämlich, der von Lötscher die Lungerer Feldmusik übernommen hat, nachdem dieser in Luzern bei der Armee angeheuert hatte. Die Noten seien «voller Fehler», so die gängige Überlieferung in der Familie Imfeld; was aber vermutlich nur eine andere Bezeichnung für «unspielbar» war; eine, die den Musikanten im Dorf schmeichelte. «Die Noten der Sagemattler sind viel einfacher, aber trotzdem voller Fehler», erzählt Florian Walser, «und man kann herauslesen, dass zum Beispiel ihr Cornetist nicht besonders versiert war.» Bei Lötscher aber hat Walser «keine einzige falsche Note gefunden», und: «Auch wir Profis haben uns an seinen Stücken zum Teil ganz schön die Zähne ausgebissen.»

Die Bauern- und die Hochkultur

Es ist nicht dokumentiert, warum Ferdinand Lötscher, der als Handwerker aus dem Entlebuch nach Lungern gekommen war, eine so raffinierte und reiche Blasmusik schreiben konnte, die auch schon mal die «Tristan»-Ouvertüre von Richard Wagner zitiert. «Vermutlich war er ein Autodidakt, der sehr viel Musik genau studiert hat», spekuliert Florian Walser. Ihm gefällt, dass in diesen Tänzen beides drinsteckt: die kunstvolle Handschrift eines virtuosen und findigen Komponisten, der sich in der klassischen Musik seiner Zeit auskannte. Aber auch das Lebensgefühl des Berglers, heimisch an den engen rhythmischen und harmonischen Flanken der traditionellen Volksmusik.

Also nehmen die sieben Musiker von Eifachs.ch ihren Holzstuhl ein in der kleinen, muffigen Guckkastenbühne im Säli des Goldenen Schlüssel. Ein illustrer Halbkreis aus Musikern, von denen die meisten auch im Orchester der Tonhalle spielen. Und jetzt setzen sie ihre Mundstücke an und blasen diese alte Schweizer Musik, dieses gedrungene, genügsame, zugeknöpfte Humtata – aber mit welch selbstgewissem, hundertjährigem Schmelz. Das ist eine herrlich herausgeputzte Musik für ein sauber gescheiteltes Tanzvolk, das in den Gemarchen von Dorf und Kirche feiert. Da ist kein offenes Jauchzen und Brillieren in dieser Musik, die ihre Freuden versteckt wie eine geschlossene Muschel.

Bis das Cornet in vorwitzigem Trillieren oder die Klarinette in gächen Girlanden sie einen Spalt öffnen, und man das Schäkern der Leute und Lenden erahnt, das Rauschen des Schnapses und die obersten Knöpfe an den Hemli der «tanzlustigen Jugend», die jetzt offen sind.

Erstellt: 16.08.2011, 08:44 Uhr

Festival Alpentöne in Altdorf

Dass dieses Festival nach den Alpen benannt ist, heisst nicht, dass hier eine Kunst aufgeführt wird, die sich unter ständigem Druck langsam auffaltet. Der schnelle Schubs eines Kompositionsauftrags tuts auch, und ein halbes Jahr später ragen auf der Bühne die Stapel der Notenblätter auf. Vielleicht muss ein Grossanlass wie Alpentöne exklusive Projekte lancieren, um auf dem Eventmarkt zu reüssieren. Aber nicht zum ersten Mal schwächelte das Festival auch am vergangenen Wochenende da, wo es am höchsten auftrumpfen wollte.

So in der Eröffnungsproduktion, dem orchestralen «Berg Heim», das Gianluigi Trovesi für das Orchestra della Svizzera italiana komponiert hatte. Es war eine gefällige Musik, und mit gesundem Zynismus liesse sich sagen, ein Festival benötige zum Auftakt so ein Konzert, das süffig zum Sponsorenapéro überleitet. Aber wie diese Suite über den «Zauberberg» von Thomas Mann die Klassik, den Jazz und die Folklore ineinander aufhob und zu einem musikalischen Neutrum polierte, das mit dem «Zauberberg» am ehesten noch die Blutarmut gemein hatte: Das war doch allzu harmlos.

Zwei weitere Uraufführungen boten zwar packende Musik, aber leider auch mehr. So war das Exorbitante Kabinett von Kaspar Ewald der Sprachgewalt des Briten John Milton zwar gewachsen, der 1667 bei einem Besuch in den Alpen die Natur für gar herrlich befunden und darum in «Paradise Lost» episch bedichtet hatte. Die Blasmusik kam roh und unbändig, berstend und bedrohlich. Umso unbedarfter sahen daneben aber die Choreografien aus und die grenzpeinlichen Theaterszenen. Und es gab zu viel Text, der rezitiert sein musste.

Eine Überambition, die sich «Paradise Lost» mit «Vom Scheiden der Wege» teilte, einem poetisch verbrämten Telekolleg über die Wasserscheide am Gotthard. Schade auch hier: Die Musik von Matthias Ziegler (Flöte), Christoph Baumann (Klavier) und Reto Senn (Klarinette) war tragend genug. Was ein lang erprobtes Programm vermag, zeigte dafür der Auftritt von Zeitkratzer. Die neun Musiker raffelten so lange an volksmusikalischen Themen, bis davon nur noch Klangtexturen übrig waren, die dann als aggressive Minimal Music in höchste Intensitäten gepeitscht wurden.

Album

CD-Taufe der Sagemattler: Dienstag, 6. September, 21.30 Uhr, Tonhalle Zürich.

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